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Periodical volume 29. Oktober 1898, No. 44

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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cynischem Lächeln fort. „Unter uns, Bürger Oberst, es kam 
mir vor, als ob die Jungfer Myriha auch den Graubart ins 
Netz gelockt, ihres Verlobten halber." 
Ein unterdrückter Ausruf der Entrüstung, der aus dem 
Nebenzimmer hervordrang, unterbrach Bordin. Bestürzt blickte 
der Verleumder den Obersten an. 
„Ist drinnen jemand?" fragte er mit unsicherer Stimme. 
„Der Mann, der am ehesten das Recht hat, Sie Ihre 
Verdächtigungen erhärten zu lassen," erwiderte Crebeau. — 
„Treten Sie ein, Kapitän, und sagen Sie, was recht und 
unrecht ist an dieses Mannes Worten!" 
Bordins Gesicht ward fahl, als die martialische Gestalt 
des Osfiziers sichtbar wurde — ein leichtes Zittern ging durch 
den plumpen Körper, der Ausdruck der Züge des Gerufenen 
flößte ihm Furcht ein. 
Der Kapitän war dicht auf Bordin zugetreten. 
„Ihr beschuldigt Paul Barnouille, den Sohn des Andre 
Barnouille, von London aus mit seinem Vater vaterlands- 
verräterischen Briefwechsel zu führen?" 
„So sogt man. Herr Offizier." erwiderte Bordin, der 
einen letzten Versuch machte, durch Dreistigkeit fein Ansehen 
zu behaupten, „und als gewissenhafter Patriot darf ich's nicht 
verschweigen. „Was übrigens meine Aeußerung von vorhin 
betrifft," fuhr er in erzwungenem, vertraulichem Tone fort, 
„so könnte ich es Euch kaum verdenken, wenn Euch die hübsche, 
kleine Hexe zu beschwatzen verstanden hätte — sie versteht's." 
„Schurke, Du schmähst die Ehre eines Soldaten und den 
Ruf eines tugendhaften Mädchens!" donnerte der Kapitän 
jetzt Pierre Bordin an. „Myrtha ist meine Schwester, ich 
bin Paul Barnouille." 
(Schluß folgt.) 
Aus Parrtz und Umgegcud. 
Untersuchungen und Nachforschungen im 
osthsvelländischen Kreise. 
Von Ernst Fricdel. 
II. Der Kirchwerder bei Paretz. 
Südlich vom Dorf Paretz markiert die Generalstabskarte 
ein erhöhtes Eirund mitten in den bruchigen Wiesen, welches, 
weil es eine vorgeschichtliche Anlage zu enthalten schien, von 
der Pflegschaft des Märkischen Provinzial-Museums am 
17. Oktober 1897 untersucht wurde. Es ist nach dieser Höhe 
zum Abfahren des Heus und anderer Erzeugnisse ein schmaler 
Weg gebahnt, früher muß die Stelle den größten Teil des 
Jahres hindurch geradezu unzugänglich gewesen sein; ge- 
fährliches Moorgelände ließ keine Annäherung zu. 
Die Längsachse des Werders von N. nach 8. beträgt 
jetzt noch gegen 170 w, die Breite von W. nach 0. gegen 
150 m, früher mögen die Maße bedeutender gewesen sein 
— es ist viel abgetragen worden. Dr. Gustav Albrecht 
in Charlottenburg schätzt die Maße in einem Aufsatz 
in der Frankfurter Oderzeitung vom 24. Oktober 1897 auf 
400 bezw. 200 m. 
Es handelt sich um eine Bodenerhebung, die jedenfalls 
früher eine Havelinsel bildete, auf welcher ziemlich viele Steine 
gelegen haben. Der Kirchwerder, so genannt, weil sich dort 
Aecker der Parrtzer Kirche befanden, bildet jetzt einen flachen, 
nach allen Seiten sanft abfallenden Hügel, der aber bis 
ziemlich zur Oberfläche der umgebenden Wiesen in der Richtung 
von 8. nach N. ausgegraben ist. Diese plane Stelle wird 
mit Feldfrüchten bestellt. Hier fanden wir nach beendeter 
Ernte eine Menge von Feldsteinen, welche teils wohl erhalten, 
teils unter dem deutlichen Einfluß von Feuer zerplatzt waren. 
Vorstehende Zeichnung zeigt ein ideales Profil des 
Kirchwerdcrs. a bedeutet die oberste Ackerkrume und moderne 
Kulturschicht; b die vorgeschichtliche Ablagerung; o Jung- 
Alluvium mit weißlichem Havelsand und kleineren Steinen, 
bei Ueberschwemmungen abgelagert; ä die Oberfläche des 
jetzigen, in der Ausgrabungsfläche geschaffenen Ackerlandes 
(Roggen, Kartoffeln); e die seither hier entstandene Acker 
krume, welche mit Allsachen gemischt ist; f das Alluvium, 
Flußsand, mit Steinchen gemischt, gelblich, darunter das obere 
Diluvium, welches den eigentlichen Kern des Werders von 
alter Zeit her bildet. 
Totenurnen und Leichenbrandreste entdeckten wir nicht, 
wohl aber viele zerbrochene vorwendische Gefäße, darunter 
mehrfach schwarz gefärbte, aus verschiedenen Perioden, so daß 
man hier an eine Jahrhunderte hindurch ausgeübte Besiedlung 
seitens germanischer Stämme denken mag. Augenscheinlich 
rühren die Reste vom Wirtschaftsgerät her. dafür sprechen 
auch die mehrfach beobachteten Feuerstellen mit Holzkohlen 
resten. Für das Märkische Museum sammelten wir u. a. 
3 Reibe- bezw. Quetsch- oder Klopfsteine. Einer ist aus 
rötlichem Granit mehr halbkugeltg, die zwei anderen find 
facettenarlig abgerieben. aus gelblichem und rötlichem 
Quarzit, dem Lteblingsgestein für dergleichen Geräte bei 
Germanen wie Slaven. Die Fingerstellen, welche durch das 
fortgesetzte Hantieren dieser Steine deutlich ausgearbeitet 
find, zeugen für persönlichen Fleiß, Ausdauer und vieljährigen 
Gebrauch. Auch Tierknochen, namentlich gespaltene Mark 
knochen, die wohl gekocht, dann ausgesogen und fortgeworfen 
worden find, fehlten nicht. 
In den oberen Schichten sammelte ich eine typisch ver 
zierte wendische Scherbe, auch zeigte sich das erste christlich 
deutsche Thongerät in Form grauen hartgebrannten 
sogenannten Stetnzeugs. 
Sehr bemerkenswert war noch folgendes. In der 
östlichen stehengebltebenen Wand fanden wir die Reste der 
Gerippe von mindestens zwei, vielleicht drei offenbar männ 
lichen Erwachsenen, nach den kräftigen Gebeinen zu urteilen. 
Leider fehlten die Schädel. Herr Lehrer Lehmann hatte schon 
früher ein Menschengerippe hier entdeckt. Die Gerippenreste 
lagen durcheinander, was auf keine feierliche Bestattung, 
vielmehr darauf zu schließen nötigt, daß man hier feindliche 
Erschlagene kurzer Hand verscharrt hat. In die germanische
        
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