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Periodical volume 22. Oktober 1898, No. 43

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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fei, um für das Los des jungen Gefangenen seine Fürsprache 
zu erbitten. 
„Ich bin nichts weiter als ein schlichter Soldat, Bürger 
Marsan". sagte er, ehe der alte Herr weiter reden konnte, in 
wohlwollendem Ton. „Auf Angelegenheiten politischer Ari 
habe ich nicht den mindesten Einfluß, und so nahe mir das 
Schicksal des jungen Mannes geht. der fast Ihr Sohn 
geworden wäre —" 
Das Gesicht des Schloßherrn wurde ganz rot vor 
Aufregung. 
„Sie verstehen mich falsch, Bürger Oberst", rief er. 
„Ich müßte ein schlechter Patriot sein, wollte ich mich für 
einen Vaterlandsfeind verwenden. Aber ich klage mich einer 
andern Schuld an", fuhr er kläglich fort. „Ich weiß nicht, 
ob Saint Leux dem Kapitän berichtet hat, daß er bereits 
gestern den Boden des Gutes Marfan betreten, zum Glück 
von keinem erkannt als von meiner Tochter und von mir. 
Daß auf der Scholle meines Eigentums sich kein Platz findet 
für Personen, die von der Weisheit unserer Staatsoberhäupter 
für außerhalb des Gesetzes stehend erklärt find, ist selbst 
verständlich — aber meine Pflicht wäre es gewesen, den 
Flüchtigen den Händen des Gesetzes zu überliefern. Wenn 
man diese Unterlassung als einen Akt der Beihilfe deuten 
sollte — ich zittere, wenn ich an die Verantwortung denke, 
die mich alsdann treffen wird." 
Der hochherzige Sinn des Obersten bezwang mit Mühe 
einen Ausdruck der Verachtung; auch dem Antlitz Paul Bar- 
nouilles merkte man den Kampf in seinem Innern an. 
„Ich glaube nicht, daß diese Sache je zur Sprache 
kommen dürfte", sagte der Oberst kurz. „Wie ich glaube, 
genügt ein Wink, um dem jungen Saint Leux den Mund 
über die Begegnung mit jenen zu schließen, bet denen er am 
ehesten berechtigt war. Schutz zu suchen. Im übrigen würde 
Ihr mnsterhaf.er Patriotismus diese kleine Schwäche ent- 
schuldigen. Doch. Sie verzeihen, wenn ich Sie verabschieden 
muß, Bürger", unterbrach er sich, „die Zeit ist kurz. und 
man bringt mir eine Meldung." 
In der That hatie eine Ordonnanz nach leisem Pochen 
das Zimmer betreten und sich in miliiärischer Haltung auf 
der Schwelle aufgestellt. 
Der Schloßherr zog sich unter erneuten Beteuerungen 
seiner Dlenstfertigkeit zurück. Ju dem Blick, den der Oberst 
mit seinem Adjutanten hinter dem sich Entfernenden tauschte, 
lag deutlich der gleiche Ausdruck des Widerwillens. 
Der Soldat brachte die Meldung, daß der junge Gefangene 
den Bürger Oberst dringend um eine Unterredung in wichtiger 
Angelegenheit bitte, sobald es die Zeit desselben erlaube. 
Auch ersuche er den Oberst, den Bürger Kapitän Barnonille 
bei dieser Unterredung anwesend sein zu lassen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Der Maiyelbrmmen in Stettin. 
(Mit zwei Abbildungen.) 
Die alte Residenz der Pommernherzöge, das altehrwürdige 
Stettin, war im Vergleich zu anderen großen Siädten mit 
rühm- und wechselvoller Vergangenheit bis dahin arm an 
Denkmälern der Kunst. Außer den prächtigen allen Thoren, 
dem Berliner- und dem Königsthor, besaß sie bis vor kurzem ! 
nur die Statuen Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelms III. 
und des Dichters der glorreichen Zeit der Erhebung des 
deutschen Volkes wider den korsischen Eroberer Ernst Moritz 
Arndt. Im Jahre 1895 wurde in Erinnerung an die sieg. 
reichen Kriege 1864, 1866 und 1870/71 und an die Wieder 
aufrichtung des deutschen Reiches Kaiser Wilhelm dem Großen 
auf dem Paradeplatz das prächtige Monument errichtet; und 
vor wenigen Monaten wurde auf dem Jakobi-Kirchhof das 
Standbild des Komponisten und Balladensängeis Ludwig 
Löwe enthüllt. Zur Förderung der Kunst in Pommern und 
um die Stadt Stettin mit einem monumentalen Denkmal zu 
versehen, das ihre Eigenart zum Ausdruck brächte, bewilligte 
nun die Verwaltung des preußischen Kunstfonds vor einigen 
Jahren eine Summe von 75 000 Mk. Die Stettiner Stadt 
verwaltung setzte daraufhin alles in Bewegung, um in den 
Besitz eines würdigen Kunstwerks zu gelangen. Sie schrieb 
eine Konkurrenz für einen Monumentalbrunnen in der Nähe 
der Hafenanlagen aus und übernahm auch die Aufbringung 
der noch fehlenden Geldmittel. Aus dem Wettbewerb ging 
Ludwig Manzel, geb. 1858 in Anklam, als Sieger hervor. 
Er hatte der sicheren Fahrt Über das Meer in moderner und 
und fesselnder Weise Ausdruck gegeben, und das in so groß 
artiger und zugleich echt deutscher Auffassung, daß er sich nicht 
bloß in Stettin, sondern allgemein die größte Anerkennung 
damit erwarb. „Ueber Nacht," sagt die in Berlin erscheinende 
„Deutsche Kunst",*) der wir überhaupt diese Angaben ent- 
nehmen, „war Ludwig Manzel zu einem berühmten Manne 
geworden, ans dessen Haupt sich die wohlverdienten Ehren 
häuften." Sein für Stettin preisgekrönter Entwurf zog auf 
der Berliner Ausstellung vom Jahre 1896 die allgemeine 
Aufmerksamkeit auf sich. Er brachte seinem Schöpfer die 
große goldene Medaille und den Ehrenpreis der Stadt Berlin 
ein. Auch wurde derselbe zum Mitgliede der Kunstakademie 
und des Senats ernannt. 
Am 23. September d. I.. bei Gelegenheit der feierlichen 
Eröffnung des Stettiner Freihafens, wurde nun auch, in An 
wesenheit Sr. Majestät des Kaisers und Ihrer Majestät der 
Kaiserin, dieser herrliche Monumentalbau, kurzweg Manzel- 
brunnen genannt, enthüllt und der Oeffentlichkeit übergeben. 
E>n gewaltig Weib in schlichter germanischer Gewandung, 
einer meerbeherrschenden Königin gleich, versinnbildlicht das 
Seefahrt und Handel treibende Stettin. Hoch aufgerichtet 
steht die frei und stolz vorwärts blickende Frauengestalt auf 
dem Hinterdeck eines Schiffes, den rechten Arm auf einen 
Anker gestützt, über der linken Schulter eine Rae, deren Segel 
einen wirksamen Hintergrund für die kräftigen Körperformen 
bildet. Das Haupt ist nicht beschwert durch eine Mauerkrone, 
und die eng anschließende Gewandung entspricht ganz deutscher 
Sitte und dem nordischen Klima. Das Schiff selbst ist erst 
im Begriff, seine Fahrt anzutreten. Alles auf und an ihm 
verrät stolze Ruhe und Sicherheit. Der Bug desselben, ein 
Furcht und Schrecken einflößendes Ungeheuer in der Gestalt 
eines Greifen, ist kräftig vorgeschoben. Ihm zur Seite und 
zu den Füßen der alles beherrschenden Frauengestalt fitzt eine 
wettergestählte, muskulöse Männergestalt. Auf den rechten 
*) „Deutsche Kunst" mit dem Beiblatt „Das Atelier". 
Illustrierte Zeitschrift für das gesamte deutsche Kunstschaffen. Central- 
Organ deutscher Kunst- und Künstler-Vereine. Herausgegeben von 
Georg Malkowsky, Berlin W. Steinmetzstr. 26. Alle 14 Tage 
erscheint ein Heft. Preis Viertels. 2,80 Mk.
        
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