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Periodical volume 8. Oktober 1898, No. 41

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Guillotine ihre Reverenz gemacht hat, und der junge Bursche, 
der sich den Händen der Gerechtigkeit zu entziehen gewußt hat, 
als Feind des Vaterlandes auf der Proskriptionsliste steht. 
Der Muscadin war ja schon Euer Anbeier, als Ihr beide 
noch in den Kinderschuhen stecktet, Jungfer Myrtha," fuhr 
er fort. „Wer weiß, ob er nicht seinen Weg hierher nimmt? 
Was meint Ihr, wenn Pierre Bordin um Euretwillen ein 
Auge zudrückte?" 
Das junge Mädchen konnte ihre Bewegung nicht unter 
drücken. 
„Ich hoffe, Ihr werdet das thun, was die Menschlichkeit 
fordert, Pierre Bordin," erwiderte sie. „Seit Judas Jschariot 
ist der Verräter gebrandmarkt bei Gott und den Menschen." 
Der Fischer biß sich auf die kippen und erwiderle nichts. 
„Euer Verwandter da hat einen festen Schlaf," meinte 
er ablenkend, indem er fich zum Gehen erhob. „Ich will nicht 
länger stören. Ich hoffe sicher, ihn morgen wieder zu sehen. 
Versteht Ihr, Vater Barnouille?" fügte er bedeutsam hinzu. 
„Der Bürgervorsteher Bordin hofft cs. Und verließe das zarte 
Herrchen etwa zur Nachtzeit Euer Haus, seid gewiß, es würde 
ihm ungesund sein!" 
Mit kurzem, höhnischem Lachen nahm Bordin Hut und 
Mantel und verließ, von Jaquiuet, der ihm leuchtete, be 
gleitet, Zimmer und Haus. Der Sturm hatte sich gelegt, 
wenn auch noch immer schwarze Wolken in wilder Jagd am 
Horizont dahinzogen. Am Hoflhor, das der Bursche eben 
öffnete, blieb Bordin stehen. 
„Jacquinet," sagte er mit gedämpftem Ton, „Du bist ein 
Tölpel!" 
„Oho. Bürger Bordin, seht zu, wen Ihr vor Euch habt!" 
Die Hand des Burschen ballte fich. 
„Du bist ein Tölpel," wiederholte der Aeltere ruhig. „Ich 
weiß, Du hast die Myrtha gerne gehabt von Kindesbeinen an. 
Auch ich dachte einstmals daran, sie heimzuführen, aber sie mag 
mich nicht, das weiß ich längst. Kein anderer als Du hätte sie 
bekommen, und da giebst Du cs zu, daß vor ein paar Jahren 
rin Aristokratenwindbeutel fich in Euer Haus und in das 
H:rz des Mädchens stiehlt? Daß sie Vergleiche anstellen konnte 
zwischen dem zierlichen Muscadin und dem plumpen Bauern 
buben? Und heute, da wärmst Du abermals die Schlange, 
die Dein Glück vergiftet hat, an Deinem eigenen Busen? 
Jacquinet," flüsternd legte er seinen Mund an das Ohr des 
Burschen, „sei klug! Wenn man die Citrone ausgepreßt hat, 
wirft man sie fort. So machen sie es mit Deiner Gutheit. 
Schaff' Dir den Feind Deines Glücks für immer vom Hals! 
Laß den da drinnen nicht aus dem Hause, ehe Du von mir 
gehört hast! Ich meine es gut mit Dir, da ich selber nichts 
zu hoffen habe." 
Ohne die Antwort des jungen Menschen abzuwarten, 
entfernte fich Pierre. Er kannte die menschliche Schwäche und 
hoffte, durch seine Einflüsterungen an Jacquinet einen Ver- 
bündeten für seine Absichten gewonnen zu haben. Und er 
hatte fich nicht völlig getäuscht. Eine geraume Zeit nach dem 
Fortgang Bordins stand Jacquinet vor fich hinbrütend noch 
auf demselben Fleck. 
„Er hat recht", kam cs halblaut von seinen Lippen. 
„Der Jacquinet ist ihr nichts als ein treuer Pudel, und doch 
^was habe ich fiir ein Recht? Ein armer Bauernjunge! 
iiiGnade und Barmherzigkeit erhalten! Und führe 
| uns nicht in Versuchung!" brach er sein Selbstgespräch ab. 
Dann erhob er das Auge zum nächtlichen Himmel, und ihm 
war es. als weiche plötzlich ein häßlicher Schatten von seiner 
Seele. 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Denkmäler -er vier ersten Askanier in -er 
Siegesallee ?u Kerlin. 
Von vr. Gustav Albrecht. 
(Mit Abbildung.) 
3. Die Gruppe Ottos II. 
Die dritte Gruppe, das Standbild des Markgrafen 
Otto II. und die Hermen des Riiters Johannes von 
Putlitz und des Chronisten Heinrich von Antwerpen 
umfaffend, ist von dem Bildhauer Josef Uphues in Wilmers 
dorf entworfen worden. 
Otto II. ist dem kriegerischen Charakter seiner Zeit ent. 
sprechend in Kettenpanzer und Sturmhaube dargestellt, das 
Kinn des crnst und gedankenvoll blickenden Antlitzes stützt 
der Markgraf in die rechte Hand, der Ellbogen ruht aus der 
linken Hand, welche das Schwert hält. Ein mit dem branden- 
burgischen Adler geschmückter Mantel umhüllt die kräfiige 
Gestalt. Auf dem mit Blattornamenten und zwei kleinen 
Säulen verzierten Sockel findet fich die Inschrift: 
OTTO II. Markgraf von Brandenburg 1l84-1L05. 
Die Rundbank trägt in der Mitte hinter der Statue in 
verschnörkelten Lettern folgende Legende: 
Otto II. hat ein dauerndes Verdienst um Deutsch 
land durch die Vertreibung der Dänen und 
Sicherung der Südküste der Ostsee in den Bann 
gethan, mußte er mit weiten Landstrecken das 
Erzbistum Magdeburg belehnen. 
Otto II., der älteste Sohn Ottos I. aus dessen erster 
Ehe mit Judith von Polen, hatte während seiner Regierung 
(1184—1205) viele Kämpfe und Fehden mit den benachbarten 
Fürsten und mit seinen Vasallen zu bestehen. Als eifriger 
Anhänger der Ghibellinen kämpfte er 1189 gegen den in der 
Reichsacht befindlichen Welfen Heinrich den Löwen und machte 
vergebliche Anstrengungen, seinem Oheim Bernhard als Herzog 
von Sachsen Anerkennung zu verschaffen. Dagegen hat er kriege- 
nsche Erfolge auf seinen Zügen gegen die Pommern und Dänen 
erlangt; in Gemeinschaft mit dem Grafen von Holstein drang 
er 1198 siegreich bis zum Sunde von Rügen vor. Otto 
wird als ein rauher, jähzorniger Mann geschildert und scheint 
mch gegen seine Gattin Adelheid von Holland nicht allzu 
ritterlich gewesen zu sein; wenigstens läßt die Mahnung des 
Papstes Jnnocenz III., Otto solle duldsamer gegen seine 
Gemahlin und auch gegen die Geistlichkeit sein, darauf schließen. 
Zu frommen Werken hat er niemals sonderlich Lust verspürt, 
wie er selbst in einer Urkunde sagt, und infolgedessen auch 
wenig gegen die immer wieder auftauchenden Heldnischen 
Gebräuche unter den neubekehrten Wenden gethan. Mit der 
Geistlichkeit stand er stets auf gespanntem Fuße. Wegen des 
Zehnten geriet er mit dem Bischof Wilmar von Brandenburg, 
wegen einzelner Landstrecken an der Elbe mit dem Erzbischof 
von Magdeburg in Streit und wurde von letzterem sogar in 
den Bann gethan. Otto spottete zwar darüber, mußte aber 
schließlich nachgeben. Wie die Sage erzählt, hätte der Mark 
graf in übermütiger Laune an der Tafel einem Hunde ein
        
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