Path:
Periodical volume 1. Oktober 1898, No. 40

Full text: Der Bär Issue 24.1898

der Mark Brandenburg nnd der angrenzenden Gebiete. 
Unter Mitwirkung von 
Dr. Ernst G. Karden. Dr. R- K^rin guter. Professor Dr. Krertfer, Dr. A. Kren dicke, 
Stabtrat ffi. Friedet. Rickard Gearge, Ferd. Mener. Dr. Eg. Scktnidt. Gymnastaldirektor a. v. Dr. W. Sckrvarh 
und ©. v. Wittdendruck 
herausgegeben von 
Friedrich ZiUrsfen und Paul Marncke. 
XXIV. II D C r „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede postanstalt (Nr. 8(9) Buchhandlung und Zeitungs-|| 1 Oktober 
Jahrgang. fpedition für 2 Mk. 50 pf. vierteljährl. zu beziehen. Auch die Geschäftsstelle—Berlin N. 58,Schönt,. Allee 141—nimmt I ^ 
M 40. I Bestellungen entgegen. Jnseraten-Aufträge sind an die letztere zu richten. Die viergesp. petitzeile kostet pf. 1898. 
er Uagalifl. 
von Derman tzirschfeld. 
historische Erzählung 
ater Barnouille hatte die Läden im Erdgeschoß zeitlich 
schließen lassen. Vom nahen Strand der Nordsee 
her wehte der Herbstwind des Jahres 1794 scharf zu dem 
vereinzelt liegenden Gehöft herüber; ein dunkler, wolken 
schwerer Abend lagerte mit vornächtlichem Dunkel über der 
Gegend, die fich zwischen dem befestigten Seeorte Dünkirchen 
und dem vlämischen Gebiet erstreckt. Im Wohnstübchen, das 
kein Slück des Ueberflusses aufwies, aber doch auch fern von 
Aermlichkeit erschien, saß der Befitzer in seinem hochlehnigen 
Lehnstuhl. Er machte den Eindruck eines Greises, obwohl 
Jacques Bamouille kaum die Sechzig überschritten haben 
mochte. In einiger Entfernung vom Hausherrn war ein 
schlank gewachsener, blonder, junger Mensch mit eben nicht 
allzuklugem, aber freundlichem und gutmütigem Gesicht mit 
der Ausbesserung eines Netzes beschäftigt. Von Zeit zu Zeit 
schweifte fein Blick zu dem Mädchen hinüber, das fich auf 
einem kleinen Sitz neben Vater Barnouille niedergelassen hatte 
und an einer Näherei arbeitete. Sie mochte keine Ahnung 
haben, wie ofl das Auge des jungen Burschen ihr Antlitz 
suchte; denn nicht einmal kam ihr Blick demselben entgegen, 
und wenn es geschah, war es im Ausdruck, freundlicher, ge- 
schwisterllcher Zuneigung. Das Mädchen war Myrtha Bar 
nouille, die Tochter des Besitzers aus zweiter Ehe, eine zart 
gebaute, anmutige Jungfrau, deren Erscheinung und Wesen 
kaum in den Rahmen ihrer halb ländlichen Umgebung paßten. 
„Es wird eine böse Nacht geben, Vater Barnouille." 
nahm der junge Mensch das Wort; „wohl dem. der nicht 
draußen zu thun hat in solchem Wetter! Ach, und wer weiß, 
^wie bald sie mich hinausjagen mit der Muskete in der Hand! 
| Pierre Bordin meint, wir könnten jeden Tag die Soldaten 
hier haben, die Dünkirchen von den Royalisten und Eng 
ländern erobern sollen, und dann würden auch die jungen 
Burschen der ganzen Gegend für die einige und unteilbare 
Republik als Soldaten gepreßt. Und daß ich der erste sein 
werde," endete der Bursche mit halb traurigem, halb grim 
migem Ton, „dafür wird der elende Spion schon sorgen, dem 
ich nur allzusehr in diesem Hause im Wege stehe. Mich 
wundert, daß er mich noch nicht, wie schon so manchen an 
dern, auf den er einen Zahn hatte, als Verräter angegeben 
und nach Marseille oder Paris auf die Guillotine geschafft hat." 
„Nenne nicht den Namen Pierre Boidin, Jacquinet!" 
sagte das Mädchen mit einem leichten, unwillkürlichen Schau 
der. „Mir ist immer, als habe dieser Mensch sein Auge 
überall, überall seine Helfer. Sie dürfen Dich nicht von uns 
nehmen." fuhr sie >..r-gt fort, „die einzige Stütze eines 
kranken Mannes, eines schutzlosen Mädchens." 
„O, redet nicht so, Demoiselle Myrtha!" rief Jacquinet. 
„Ihr brecht mir das Herz vor Weh und Lust zugleich. So 
würdet Ihr es doch spüren, wenn ver arme Jacquinet eines 
Tages nicht mehr in seiner Ecke säße, wie Ihr ihn seit un 
serer Kinderzeit zu sehen gewohnt srid? Und wenn er fort 
müßte, würdet Ihr an ihn denken?" 
Das junge Mädchen errötete leicht unter dem flehenden 
Blick des Burschen. 
„Wie an einen lieben Freund!" erwiderte sie. „Wie an 
einen Bruder, auf den mich zu stützen der Himmel mir nicht 
bescheren wollte!" 
Jacquinet hatte verstanden und ließ traurig den Kopf
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.