Path:
Periodical volume 24. September 1898, No. 39

Full text: Der Bär Issue 24.1898

459 
Eintritt des Vaters wischte sie schnell eine Thräne aus ihrem 
Auge. 
„Heimliche Thränen?" fragte der Bürgermeister, seine 
Hand auf ihr weiches Haar legend. Ulrikens Lippen zuckten, 
sie konnte nichts erwidern. 
„Ist der erste große Schmerz Deines Lebens an Dich 
herangetreten, mein Kind?" fragte der Vater sanft. „Doch ich 
will Dich nicht mit Fragen quälen. Behalte Dein Geheimnis 
für Dich, und sei tapfer!" Ulrike nickie unter Thränen. 
„Du hast mir manches Liedchen gesungen," fuhr der 
Bürgermeister fort, „jetzt will ich Dir auch ein Liedchen 
sagen: 
Ein düster Los st Trauer, 
Nachlschwarz der Abschiedsschmerz. 
Doch den, den man verloren, 
Besitzt erst ganz das Herz! 
Die Thräne rst's, die echte, 
Die über uns uns hebt. 
Wer Trauer mchl empfunden, 
Der hat auch nicht gelebt. —" 
Ulrike küßte den Vater uns ging still hinaus. 
Als bald darauf Frau Amalie zu ihrem Gatten trat, 
fragte er: „Wer isl's, den Ulrike betrauert?" 
„Joachim Ranow!" versetzte Amalie. Der Bürgermeister 
schwieg. „Armes Kind!" sagte er endlich. 
„Daß es so kam, war wohl das Beste!" erwiderte die 
Gattin. „Was hät>e daraus werden sollen? Wir brauchen 
uns jetzt nicht mehr mit der Antwort zu quälen, das Schicksal 
hat sic gegeben!'' 
Dr. Sleinwlg nickte. Tann aber sagte er: „Ulrike, 
fürchte ick, wird es nie ganz überwinden; sie fühlt still, 
aber tief!" 
„Und Du wirst sie noch mehr verziehen und verwöhnen!" 
erwiderte Frau Amilie, doch nicht mehr mir Bitterkeit — bei 
dem großen Schmerze ihrer Tochter war ihr Muttergefühl 
aufs neue erwacht. „Ich war oft eifersüchtig ans sie," fuhr 
sie fort, „daß sie Dir mehr sein konnte als ich!" 
„Eifersüchtig?" fragte Dr. Steinwig lächelnd. „Auf 
unser Kind?" 
„Du lächelst," sprach seine Frau, „und dies Lächeln ist 
die richlige Beurteilung. Ich schäme mich selbst." Eine 
Helle Röte übergoß ihr Wangen und Stirn. 
„Aber Amalie!" sagte ihr Gatte, begütigend ihre Hand 
fassend. 
„Siehst Du," nahm Frau Amalie nach einer kurzen 
Pause wieder das Wort, „welch Schicksal die Frauen getroffen 
hat, die nicht bei ihrer Pflicht ausharren wollten?" 
„Schrecklich!" sagte der Bürgermeister, indem er die Hand 
seiner Gattin fester drückte. „Du hattest recht damals!" 
„Und was wäre geschehen," fuhr sie fort, „wenn Du, 
Lambert, dem Drängen der Kleinlichen uno Aengstlichen nach 
gegeben hättest? Was wäre Stralsund jetzt?" 
„Ein Trümme Haufen!" erwiderte der Bürgermeister. 
„Ja! es war eine große Zeit, die wir durchkämpften. Es 
war ein schweres Schicksal, das unsere Stadt traf. Und wir 
haben das erhebende Bewußtsein, uns diesem Schicksal 
gewachsen gezeigt zu haben!" — 
Dir Denkmäler der vier ersten Askanier 
in der Siegesallee ;u Kerlin. 
Von I)r. Gustav Albrecht. 
Am 22. März dieses Jahres find in der Siegesallee zu 
Berlin die ersten der Denkmäler brandenburgischer Herrscher 
enthüllt worden, welche vom ersten askanischen Markgrafen 
Albrecht dem Bären an bis zum ersten Kaiser aus dem Hause 
Hohenzollern Wilhelm I. die prächtige Promenade des Tier 
gartens schmücken sollen. Die Standbilder sind, wie bekannt 
sein dürfte, von Kaiser Wilhelm II. am 27. Januar 1896 
der Stadt Berlin „als Zeichen der Anerkennung für die Stadt 
und zur Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit unseres 
Vaterlandes" geschenkt worden und sollen, wie die Allerhöchste 
Kabinettsordre sagt, „die Entwicklung der vaterländischen 
Geschichte von der Begründung der Mark Brandenburg bis 
zur Wiederauflichtung des Reiches" darstellen. Und diesen 
Zweck werden die herrlichen Denkmäler sicher erfüllen. Besser, 
als die auf den vergilbten Blättern der Chroniken verzeichneten 
Historien oder die aus beredtem Munde fachkundiger Professoien 
hervorquellenden Lobhymnen es vermögen, werden diese 
Marmorgruppen im Volke das Verständnis für die Thaten 
der Vorfahren und das Gefühl für vaterländische Geschichte 
erwecken, indem sie ihm in den von buschigem Grün um 
rahmten Gestalten seiner früheren Herischer und ihrer Helfer 
in Kampf und Frieden den glänzenden Entwicklungsgang 
unseres Staatswesens vorführen. Liegt auch, wie kleinliche 
Nörgler eingewandt haben, die Zeit, in der jene Männer 
gelebt und gewirkt haben, größtenteils so weit zurück, daß 
das Volk mit seinem Empfinden sich nicht in die Anschauungs 
weise der damaligen Menschen hineinzuversetzen vermag, sind 
auch die Namen vieler der ausgestellten Personen nur leerer 
Schall für die meisten Ohren, so soll ja eben durch die 
Herrschergallerie in der Siegesallee bewirkt werden, daß das 
Volk sich mehr als bisher mit der Geschichte seincs Vater 
landes beschäftigt, daß es das Leben und Wirken seiner Vor- 
fahren kennen uud würdigen lernt. Selbstverständlich muß 
zu diesem Zweck die Geschichtsschreibung mit der Kunst Hand 
in Hand gehen, sie muß den künstlerischen Gruppen mit 
geistigem Inhalt erfüllen und dem Volke die Bedeutung 
der dargestellten Personen klar machen, so daß es mit ihrer 
Geschichte vertraut wird und Mut und Begeisterung für die 
Lösung der Aufgaben der Gegenwart und Zukunft aus ihr 
schöpfen und seine Kinder und Kindeskinder auf die leuchtenden 
Vorbilder der Vergangenheit hinweisen kann. 
Nachstehende Zeilen find in dieser Absicht geschrieben und 
sollen einen kurzen geichichilichen Ueberbtick über die Thaten 
der vier ersten Askanier und das Wirken der dargestellten 
Zeitgenossen gewähren; mögen sie eine Anregung zu weiteren, 
erschöpfenderen Kompendien sein! 
Die äußere Form der Denkmäler ist stets die gleiche. 
Vor dem Hintergründe von grünen Taxushecken ;:eht sich in 
leuchtender Weiße eine halbrunde Marmorbank um ein mit 
farbiger Mosaik ausgelegtes Plateau herum, zu welchem drei 
Stufen hinaufführen. Im Vordergrund der Anlage erhebt 
sich auf einem Sockel von 1,50 in Höhe die 2,50 in hohe 
Figur des betreffenden Herrschers, in die Bank find die Hermen 
zweier Zeitgenossen eingefügt; nach vorn wird die Bank durch 
zwei stilisierte Adler geschlossen, über ihnen prangt als
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.