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Periodical volume 17. September 1898, No. 38

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Mühlenstraße, der Kietz und die Spiegelstraße, jetzt Ruppiner- 
straße, niedergelegt wurden. Nur die Kirchgoffe, jetzt Kirch- 
straße, d'e halbe Dammstraße nebst der halben Straße hinter 
der Mauer, die beiden Kirchen, die Schule, die beiden Prediger 
häuser, die Thore und das Naihaus find durch Gotles Hand 
gereltet worden. Die Schuld an diesem Unglück trifft den 
Bürger Peter Hünike. Zank und Streit waren ein ständiger 
Gast in dessen Familie, und häufig mußte Frau Hünike sich 
den Roheiten ihres Mannes durch Flucht oder Versteck ent- 
ziehen. Auch der oben erwähnte Tag zeichnete sich in dieser 
Familie wiederum durch eine solche Scene aus. Hünike, seine 
Frau suchend, hatte sich mit einem brennenden Kienspan 
auf den Boden seines Hauses begeben, wo sich diese 
versteckt hielt. Sobald er seiner Frau dort ansichtig wurde, 
warf er den Kienspan von sich, um sich auf dieselbe zu stürzen 
und sie hernach bei den Haaren im Hause herumzuschleifen. 
Unterdessen ist das Feuer vom Kienspan in das Strohdach 
des Hauses geraten und „hat", wie der Chronist berichtet, 
„ihnen beiden bei diesem Kampf ein solches Licht angesteckt, 
dadurch sie und die meisten in der Stadt um ihre Wohnungen 
find gekommen". 
Unter großen Opfern war es den heimgesuchten Bürgern 
möglich, ihre Häuser binnen kurzer Zeit wieder aufzubauen. 
Hünike selbst, welcher auf einige Zeit Kremmen den Rücken 
gekehrt hatte, war auch mit dem Wunsche auf Bebauung 
seines Grundstückes hervorgetreten, dem aber Rat und Bürger 
schaft mit Rücksicht auf seine Schuld an diesem Unglücksfalle 
nicht nachkamen. Voll Unmut ist darauf Hünike von Kremmen 
gegangen, wobei er geäußert haben soll: „Soll ich nicht bauen, 
so will ich Euch zu bauen genug machen." 
Zwar hat man diesen Worten wenig Beachtung geschenkt 
und keine Bedeutung beigelegt, aber den Bürgern ist sehr 
bald inne geworden, daß Hünike Böses im Sinne gehabt hat. 
Denn am 10. Mai des folgenden Jahres, nachmittags zwischen 
4 und 5 Uhr. ist in einer an der Hohenstraße belegenen 
Scheune Lippold v. Bredows Feuer ausgekommen. Dies 
legte wiederum einen großen Teil der Stadt in Schutt und 
stand, was den erlittenen Schaden betrifft, dem Unglück des 
Jahres 1606 nicht nach. Keinem Bürger war es zweifelhaft, 
daß es sich hier um eine böswillige Brandstiftung des Hünike 
handelte, zumal er sich für die Folge in Kremmen nicht wieder 
sehen ließ. In dem im Geheimen Staats-Archiv befindlichen. 
Notizen zur Geschichte Neu-Ruppins und seiner Umgegend 
enthaltenden Tagebuche des Diakonus Grimme, umfassend die 
Zeit von 1524 bis 1624, wird zwar angeführt, daß am 
28. Februar 1610 in Kremmen ein Glaser, der die Stadt 
angezündet hatte, verbrannt worden sei. Jedoch hat sich 
anderweitig eine Bestätigung dieser Notiz nicht ausfinden lassen. 
Während des 30jährigen Krieges hatte Kremmen viel 
Ungemach von den durchziehenden kaiserlichen Heerscharen zu 
erleiden. Gelegentlich eines solchen Durchzuges zu Anfang 
des Jahres 1630 bekam ein kaiserlicher Hauptmann Quartier 
bei dem Bürger Marx Möller und der sich bei demselben 
Truppenteil befindliche Fähnrich ein solches bei dem damaligen 
Ziesemeister Joachim Mildecke. Ersterer sah den Fähnrich 
nicht gern bei der Kompagnie, sondern hätte lieber den alten, 
vom Oberst abgedankten Fähnrich behalten. Um nun dem 
jungen Fähnrich die Freude am Soldatenleben zu verleiden, 
hatte der Hauptmann beschlossen, ersteren um seine drei guten 
Pferde und seine Montierung zu bringen. Um solches zu be 
werkstelligen, hatte sich der Hauptmann vorgenommen, das 
Quartier des Fähnrichs in Brand zu stecken, wobei er sich 
der Hoffnung hingab, daß die Bürger und Soldaten des 
Feuers Herr werden würden. Aber die Rechnung des 
Osfizters traf nicht zu. Am Abend des 24. März ließ cr 
durch einen der Seinen Feuer in Mildeckes Scheune anlegen. 
Als das Feuer durch das baun aufgespeicherte Heu und Stroh 
aufbrannte, setzte der vorher aus Nordwcsten wehende Wind 
nach Südost um. Hierdurch wurden die Flammen vom 
Spandauer Thore, an welches das Mildcckesche Grundstück 
grenzte, derartig über die Stadt getrieben, daß binnen 
1^/z Stunde ein großer Teil derselben in Asche lag. 
Anfänglich liefen zwar die Einwohner zum Löschen herbei, 
aber sobald das Feuer au Umfang zunahm, ließen sie den 
Mut fallen und beeilten sich, nur das zu retten, was sich noch 
an loser Habe in den vom Feuer nicht erfaßten Gebäuden befand. 
Das Feuer legte die Hohestraße mit allen Vorwerken, 
die Mühlenstraße, den Kietz, die Spiegelstraße, die halbe 
Kirchstraße, die halbe Dammstraße und die halbe Mauerstraße, 
zusammen 163 Wohnhäuser, nieder. Auch ging das mit drei 
Türmen gezierte Rathaus und mit ihm viele wertvolle Akten 
zu Grunde. Die Schuld hieran trifft allein den derzeitigen 
Bürgermeister Bertram, der sich berauscht schon niedergelegt 
hatte und bet eingetretener Gefahr vor Schlaftrunkenheit und 
Schreck nicht wußte, wo er die Schlüssel zum Rathause finden 
sollte. Zu allem Glück waren die notwendigsten Privilegien 
aus Anlaß des Krieges nach Spandau in Verwahrung ge 
geben; diese blieben dadurch der Stadt erhalten. An öffent 
lichen Gebäuden verlor die Stadt ferner die St. Jakobskirche, 
von welcher weiter nichts als die Fundamente übrig blieben. 
Die St. Nikolaikirche, die beiden Pfarrhäuser, die Schule, 
die Ziegelscheune und etliche Bürgerhäuser find vom Feuer 
verschont worden. 
Leider fanden auch drei Frauen bei diesem Brandunglück 
ihren Tod. darunter die Ehefrau des Bürgers Peter Bertram, 
welche sich in Bruno Brands gewölbten Keller in der Hoffnung 
geflüchtet hatte, darin vor dem Feuer sicher zu sein. 
Die damaligen Bauverhältnisse Kremmens werden durch 
eine vom Chronisten als Merkwürdigkeit bezeichnete Thatsache 
charakterisiert. Das Haus des Stadtdieners und das Spandauer 
Thor, welche neben dem Hause von Joachim Mildecke belegen 
waren, sowie eine auf dem Grundstücke des Bürgers Bruno 
Brand befindliche Scheune, welche ihren Standort mitten 
unter den abgebramrten, mit Stroh gedeckten Gebäuden hatte, 
haben vom Feuer keinen Schaden erlitten; sie waren mit 
einem Sleindach versehen. 
Den letzteren Brandschaden hat die Stadt Kremmen viele 
Jahre hindurch nicht überwinden können. Das Brandunglück 
von 1630 und der 30jährige Krieg brachten den größten 
Teil der Bürgerschaft in Armut. Die meisten Einwohner 
waren außer stände, ihre Stellen alsbald mit Wohn 
häusern zu bebauen; sie fristeten zum Teil noch lange ein 
kümmerliches Dasein bei den Mitbürgern, deren Grundstücke 
nicht vom Brande heimgesucht waren, oder sie behalfen sich 
mit geringen Gebäuden, welche später als Ställe benutzt 
wurden. Erst mit Beendigung des erwähnteil Krieges trat 
eine geringe Besserung ein. Jedoch nur langsam ging der 
Aufbau der Stadt vor sich, da bei dem wirtschaftlichen Nieder-
        
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