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Periodical volume 17. September 1898, No. 38

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Da ward's drüben im Hainholz lebendig. Die Haupt« 
macht Wallensteins rückte vor, Regiment neben Regiment, in 
drei tiefe Schlachthaufcn, sog. Bataillone, geteilt. Die voran 
ziehenden Fähnlein waren flankiert von ihren Musketieren, 
die gliederweise feuerten und durch ihren Pulverrauch die 
anrückende Front verhüllten. Der Boden erzitterte unter dem 
Tritt der Sturmkolonnen. Die Kartätschen rissen furchtbare 
Lücken in ihre Reihen. 
„Die Bürgerwehr muß heran!" schrie Volkmann. Ein 
Trompeter galoppierte davon. Doch gerade in dem schmalen 
Thorweg des Triebseer Thors war ein Pulverkarren umge 
worfen, die Bürgerwehr konnte nicht durch, vergeblich hob 
und schob man an dem Hindernis. 
Indessen hatten die kaiserlichen Bataillone die vordersten 
Schanzen erreicht, und wie die Sturmflut über die Hallig 
brausten sie darüber hinweg, die schwache Besatzung wie Spreu 
vor sich hertreibend. 
Im Sturmschritt ging's auf das Hauptwerk vor. Doch 
jetzt war die Bürgerwehr zur Stelle, und furchtbares Feuer 
empfing die Stürmenden. Gliederweise erklommen fie die 
Böschung, und gliederweise wurden sie hinabgestoßen. Sie 
mußten zurück. 
„Das Ganze avancieren!" ließ Volkmann durch das 
Getümmel blasen. Tie Bürger und Stadknechie gingen mit 
furchtbarer Wut vor und stürmten in die zurückflutenden 
Kolonnen ein. In grausigem Knäuel wälzte sich das Gefecht 
rückwärts. Im dichtesten Gewirr focht mit den tapferen 
Bürgern der tapfere Bürgermeister. Die verlorenen Schanzen 
waren wiedergewonnen. 
Die völlig verwirrten kaiserlichen Regimenter rückten aus 
dem Feuerbereich, um sich neu zu rangieren. Die Nacht sän! 
auf das leichenbesäeie Schlachtfeld, und die Geschütze schwiegen. 
Doch man traute dem Feinde nicht, und die gesamt' 
Mannschaft blieb auf den Schanzen. — 
Die Bürgermelsterin ließ für die erschöpften Kämpfer 
einige riesige Kessel warmen Breis kochen und fie von alten 
Männern auf die Schanzen hinaustragen. Auch Ulrike ging 
mit hinaus, einen großen Korb voll Brot am Arme. 
Sie ging zum Frankenthor hinab und über den Damm 
auf die Außenwerke. Schnell war der Inhalt ihres Korbes 
verteilt. Sie stand noch einen Augenblick auf der Schanze 
und sah in die Nacht hinaus und über die dunkle Flut des 
Sundes hinweg. 
Da trat, in fernen Mantel gehüllt, das Fernglas in der 
Hand, der Stadtlieutenant Joachim Ranow an fie heran, 
„Wollt Ihr nicht heimgehen, gnädiges Fräulein?" fragte 
er mit ehrerbietigem Gruße. „Ihr seid hier nicht sicher. 
Jeden Augenblick kann der Feind zu einem neuen Ueberfall 
ansetzen!" 
„Ich fürchte mich nicht." erwiderte Ulrike. — Die wilde 
Umgebung und die Nähe des Geliebten aber brachten ihr 
Blut in Wallung, ihr Atem ging heftig, und ihr Herz klopfte 
in rasenden Schlägen. 
„Jeden Augenblick können Stückkugeln kommen," sagte 
Ranow eindringlich, „und, da der Feind gut eingeschossen ist, 
auch treffen. Ich bitte Euch, geht!" 
Ulrikens Pulse hämmerten, ihr Herz schwoll in süßer 
Sehnsucht, unwiderstehlich riß es fie fort: fie mußte ihm 
^hre Liebe zu verstehen geben. 
„In Eurer Hut fürchte ich mich nicht." wiedkrholte sie, 
und ihr Auge leuchtete freudig auf und blickte ihn tief und 
innig an. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück. 
„Ich kann mich nicht um Euch kümmern, wenn der Feind 
hereinbricht," erwiderte er säst rauh. 
„Nein," sagte fie mechanisch und tonlos, wenngleich 
innerlich aufs höchste erregt. Trotzdem ging sie nicht. Wie 
angebannt blieb sie stehen. Nur ihm nahe sein, und selbst 
im Tode! 
Beide schwiege». Ulrikens Erregung teilte sich dem 
jungen Manne magnetisch mit. Auch sein Herz klopfte in 
ungestümen Schlägen, und es zuckte um seine Lippen. 
Plötzlich faßte er ihre Hand mit festem Drucke, und er 
sagte: „Wäre ich ein reicher Bürgersohn, es käme anders! 
Ich bin aber nur ein armseliger Landsknecht, doch ein ehrlicher 
Mann. Und der will ich bleiben! — Du, Musketier da! 
Geleite das Fräulein sicher bis ans Thor!" Er wandte sich 
kurz und ging schnell zu der vordersten Postenkette vor. 
Ulrike folgte willenlos dem Musketier und ging heim. 
Ihre Thränen rannen wie milder Regen nach heftigem 
Gewitter. Harter, unbarmherziger Mann! Ach. je mehr sie 
diese verschlossene Seele erkannte, desto mehr mußte fie sie lieben. 
Ich lieb' Dich mit Bangen, 
Mit zitternder Pein, 
Mit süßem Verlangen, 
Im Tode noch Dein! — 
(Schluß folgt.) 
Der Uame Sismarck in -er Geopraphie 
Sachsens und Pommerns. 
Von Dr. Gg. Schmidt. 
Nach alter Sage verpflanzte Karl der Große viele edle 
Geschlechter aus dem Süden und dem Westen nach dem 
nördlichen Deutschland, die Schulenburg aus Geldern, die 
Bredow aus Holland, die Garsdau und Buch aus Nassau, 
die Bismarck aus Böhmen, und sollen letztere das gleichnamige 
Städtchen in der Allmark erbaut haben. Diese „Sage" ist 
aber sowohl aus historischen wie aus ethnologischen Gründen 
gänzlich haltlos. Abgesehen hiervon, vermag keine Sippe des 
norddeutschen niederen Adels anders als mit Konjunkturen 
ihren Ursprung über das Ende des zwölften Jahrhunderts 
zurückzuführen, weil die Wappen erst seit der Zeit der Kreuz 
züge geführt und die Familiennamen erst mit dem zwölften 
Jahrhundert, bis wohin man sich mit dem Vornamen begnügte, 
üblich wurden und nur allmählich sich vererbten. Während 
der Name oftmals nach dem Besitze wechselte, galt das vom 
geharnischten Ritter auf seinem Wappen getragene Bild als 
Erkenntniszeichen für die Zugehörigkeit zum Geschlecht. Tie 
v. Börstel, deren Namen an Burgstall (in alten Urkunden 
Borchstall genannt) erinnert, führen ein ganz ähnliches Wappen 
wie die v. Bismarck, nämlich ein Kleeblatt, aus dessen Ecken 
Flügel hervorwachsen. In der unmittelbaren Nähe der 
v. Bismarckschen Güter angesessen und einige Jahrzehnte 
später als jene urkundlich genannt, find fie für eine jüngere 
Linie deS altmärkischen Geschlechtes zu erachten, deren Stifter, 
mit Börstel belehnt, sich mit Fallenlassen seines alten Familien 
namens nach der neuen Begüterung nannte.
        
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