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Periodical volume 27. August 1898, No. 35

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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„Das thut et!" rief auch Volkmann. Beide trennten 
sich, indem sie sich kräftig die Hände schüttelten. — 
Schnell ändert sich der Sinn der vielköpfigen Menge. 
Hatte erst die Kriegswut gelodert, so erwachte jetzt, als Arnim 
so geschickt die Friedensschalmei blies, in der durch Schanz- 
arbeiten und Wachen abgespannten Bürgerschaft immer 
mächtiger die Sehnsucht nach Ruhe und friedlichem Handel 
und Wandel. 
Ob die in der Niedermühle gepflogenen Verhandlungen 
zu einem Resultat führtrn, blieb ungewiß. Zu einer vollen 
Verständigung war man noch nicht gekommen. Allgemein 
aber verbreitete sich in der Stadt das Geiücht, die Feind 
seligkeiten würden eingestellt. „Es wird Frieden! Arnim 
rückt ab!" rief einer dem anderen zu. Zur Feier wurde 
heute nicht weiter geschanzt und exerziert. Nur mit Mühe 
hielten die Offiziere di: allernotwendigsten Wachen und Posten 
auf den Wällen unter dem Gewehr. 
Dunkel sank die Nacht hernieder; schweres Gewölk deckle 
den Himmel, kein Stern schimmerte durch die Finsternis. 
Die heiße Stirn zu kühlen, wanderte der Bürgermeister 
in liefen Gedanken längs dcs Strandes zum Knieperthor. 
Ja, die Seeluft stählt die Nerven, und kühner fliegen die 
Gedanken in ihrem herben Hauche. Er erreichte das Knieper 
thor und die Schanzen. Nur einige wenige Posten standen 
auf den Wällen; ihre brennenden Lunten flammten wie Glüh 
würmchen durch die Nacht. Der wackere Lieutenant Joachim 
Ranow trat zum Bürgermeister und meldete ihm: „Nichts 
Neues!" 
„Ich sehe nur wenige Posten!" sagte Dr. Steinwig. 
„Die Leute find nicht zu halten, Herr Bürgermeister!" 
erwiderte Joachim Ranow. „Die Friedenshoffnimg und die 
Uebermüdung haben sie schlapp gemacht." 
„Die Friedenshoffnung?" sprach der Bürgermeister für 
fich. „Frieden! Wann wirst Du, Du holdes Engelsbild, 
Dich nahen?" Da schlug es elf Uhr. In langen, hallenden 
Schlägen setzte ein Kirchturm nach drin anderen ein. 
St. Marien, St. Jakobi, Heiliggeist, St. Nikolai. Wie eine 
tröstliche Antwort aus der Höhe auf die bange Frage des 
Bürgermeisters klang es. Dr. Steinwig seufzte tief. 
„Wäre es nicht doch besser, Herr Bürgermeister", unter 
brach Joachim Ranow das Schweigen, „wenn noch ein 
Quartier Bürgerwehr anträte, die Wachen voll zu besetzen?" 
„Bester wohl!" erwiderte Dr. Steinwig nachdenklich, 
„doch ich fürchte Widerspenstigkeit und Ungehorsam bei den 
ermatteten Leuten. Und reißt erst einmal Ungehorsam ein, 
so ist alles verloren! — Glaubt Ihr, daß Anlaß zu irgend 
welcher Befürchtung ist?" 
„Das gerade nicht!" erwiderte Joachim. „Nach mensch 
licher Voraussicht nicht!" 
Ein Weilchen standen beide schweigend; es war totenstill, 
nur leise rauschte das Meer.— 
„Ich weiß nicht", sagte Joachim plötzlich, „mir kommt es 
vor, als wenn es drüben im Hainholz, wo Arnims Haupt 
quartier ist, lebendig würde! Ich habe schon verschiedentlich 
Ordonnanzen einhersprengen sehen, auch verdächtiges Geräusch 
gehört. Da — jetzt wieder!" Der Bürgermeister lauschte 
angestrengt. Man hörte allerdings vereinzelte Hufschläge und 
dann dumpfes, unregelmäßiges Klappen wie von vielen 
Tritten. Joachim riß sein Fernglas aus dem Gürtel und 
spähte falkenscharf in die Nacht. Dort drüben, auf drei 
hundert Schlitte, wo der Dünensand weiß durch die Nacht 
schimmerte, sah er eine dunkle Mauer fich langsam vorschieben. 
„Herr Bürgermeister", stieß Joachim hervor, „wir werden 
angegriffen! — An die Gewehre!" rief er mit hallender Stimme. 
„Hornist, blas Alarm!" 
Schlaftrunken fuhr die Wache auf, die Posten gaben 
einige Schüsse ab. 
„Zur Besetzung der Schanze am St. Jülgenkirchhof! 
Marsch! Marsch!" kommandierte Joachim. Im Laufschritt 
ging die geringe Mannschaft vor. Indes blies der Hornist 
Alarm; vom Triebseer Thor, vom Frankenihor antworteten 
die Hörner in langgezogenen Tönen — ein schauriges 
Konzert. 
Einen Augenblick stand der Bürgermeister bewegungslos, 
er zog den Hut, faltete di: Hände und sprach leise: „Mit 
Gott!" Dann eilte er zur Stadt, so schnell er konnte. Jetzt 
setzten auch die Sturmglocken ein. Mit hellem, grellem Geläute 
mischten sie fich in den Klang der schmetternden Hörner. 
Joachim Ranow besetzte schleunigst die Schanze am 
Sankt Jürgenkirchhof. Seine Pikeniere standen mit gefällten 
Piken an der vordersten Böschung, hinter der Brustwehr die 
wenigen Musketiere. Oben auf der Hauptschanze konnten 
nur einige Kartaunen und Falkonette von der Bürgerwache 
schußbereit gemacht werden. 
Jetzt sah man deutlich die dunkle Masie der Angreifer 
ganz dicht, auf zwanzig Schritt. „Feuer!" kommandierte 
Joachim. Die Schüsse blitzten und knallten; drüben antwortete 
höhnisches Lachen. Die Schüsse waren in der Dunkelheit 
fehlgegangen. 
Die Angreifer hatten die Schanze erreicht und erklommen 
die Böschung. „Jungs, holt fast!" schrie Joachim. Furcht 
bar wüteten die Piken der tapferen Bürger unter den An 
greifern, die Musketiere feuerten aus nächster Nähe ins 
Getümmel — doch, wurden die vo,bersten Feinde niedergemacht, 
immer neue drängten, von den hinteren Mannschaften geschoben, 
nach, wie die Wellen im Meere. Joachim führte mit der 
Rechten das Schwert, mit der Linken das Pistol; scharf klang 
sein anfeuerndes Kommando durch das Geschrei der Kämpfenden. 
Die Uebermacht siegte. Immer mehr und mehr Leute vom 
kaiserlichen Regiment Tiefenbach drangen in die Schanze; die 
tapferen Bürger mußten zurück; Schritt für Schritt wichen sie 
durch den Kirchhof; um jeden Grabhügel wurde gerungen. 
Das R-giment Tiefenbach machte einen Augenblick Halt, 
um fich zum Sturm auf das Hauptwerk zu ordnen. Joachim 
eilte mit den Seinen im Laufschritt in die Hauplschanze zurück. 
Er biß die Zähne aufeinander. Wie sollte er sie halten mit 
seinen paar Mann? — Als er sie keuchend erreichte, trat 
ihm der Stadtkapitän entgegen. Er war eben mit einem 
Quartier Bürgerwehr eingetroffen. Ranow konnte mit seinen 
erschöpften Leuten in Reserve rücken. 
Wieder setzte das Regiment Ttefenbach zum Sturme an. 
Es fand jetzt härtere Arbeit. Die Schanze war vollzählig 
besetzt; das erste matte Morgengrauen des frühen Maientages 
dämmerte durch die Landschaft, und die Schüsse knallten sicherer 
in die engen Sturmkolonnen. 
Vergeblich war der Ansturm. Immer wieder wurde das 
tapfere Regiment zurückgetrieben. Aber immer wieder drangen 
seine Kolonnen, trotz der großen Verluste, vor.
        
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