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Periodical volume 20. August 1898, No. 34

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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ihrem stillen Stübchen an Joachim Ranow gedacht, und der Gedanke 
an ihn hatte ihr Herz schneller schlagen lassen, und vergeblich 
hatte sie sich oft gefragt: Ist das die Liebe? Jetzt, wo sie aufs 
Gewissen gefragt wurde, wo sie jenem dunklen Gefühl, das 
sie mehr und mehr in seinen geheimnisvollen Bann zog, ins 
Auge sehen mußte, da fühlte sie klar: Ja! das ist die Liebe! 
„Sprich!" mahnte die Mutter. „Oeffne mir Dein Herz!" 
Ja! es war dies ihre Pflicht; auch ertrug ihr sonniges, 
offenes Gemüt keine Heimlichkeiten. Stockend sprach Ulrike: 
„Ja, Mutter! Ich fühle wärmer für — Joachim Ranow!" 
„Für wen?" fuhr Frau Amali: auf. „FürJoachim Ranow. 
den Stadtlieutenant? Diese Liebe reiße aus Deinem Herzen!" 
sprach sie mit strenger Stimme weiter. „Die Tochter des 
Bürgermeisters von Stralsund kann und soll nicht das Weib 
eines Landsknechts werden!" 
„Er ist ein ganzer Mann!" rief Ulrike mit aufblitzenden 
Augen. „Ganz anders wie die andern! Ich habe es gesehen! 
Ich weiß es!" 
„Er ist ein wackerer Mann!" sprach die Mutter. „Un 
bestreitbar. ein wackerer Mann! Doch kein Mann für Dich, 
für ein Mädchen Deines Standes und Deiner Erziehung! 
Die rohen oder, ich will milde sagen, rauhen Sitten des 
Feldlagers, die ihm durch Erziehung und Gewohnheit so zur 
zweiten Natur geworoen sind, wie Dir Sitte und Anstand, würden 
Dich bald anekeln! Entsinnst Du Dich seiner verstorbenen 
Mutter, der schnapsuafigen alten Marketenderin aus der 
Mauerstraße? Willst Du ihre Tochter werden? Willst Du 
auf einem Karre» im Troß roher Soldatenweiber und Dunen 
seinem ruhelosen Leben folgen?" Frau Amalie errötete bei 
dem Gedanken. Die Bitterkeit, die sich gegen ihre eigene 
Tochter in ihrem Herzen angesammelt, brach durch, als sie 
mit erhobener Hand rief: „Schäme Dich! Du bist des Namens, 
den Du trägst, nicht wert!" 
Mit gesenktem Haupt hatte Ulrike die Mutter angehört; 
ihr liebevolles, folgsames Gemüt machte sich Vorwürfe bei 
der Rede der Mutter; bei den letzten Worten erschrak sie, 
das war ein ungerechter Schlag! — Sie faltete die Hände 
über die Brust und sagte: „Was man aus reinem Herzen 
thut, macht uns nie unwert! Das Weib soll Vater und 
Mutter verlassen und dem Manne anhangen! — Ich werde 
mit meinem Vater sprechen!" 
„Das wirst Du nicht!" rief Frau Amalie. „Dein Vater 
hat jetzt andere Dinge zu thun, als sich um Deine neben 
sächlichen Herzensregungen zu kümmern!" 
Wahr! dachte Ulrike. Doch einem liebenden Herzen ist 
die ganze Welt nebensächlich oder eigentlich nichts gegenüber 
seiner Liebe. 
Fran Amalte beobachtete ihre Tochter einen Augenblick 
stumm von der Seite. Ulrikens Gemüt war wie der Epheu, 
der eher mit seinem Baume fällt und stirbt, als. durch irgend 
eine Gemalt gezwungen, von ihm losläßt. Das hatte die 
Mutter eben erkannt. Sie sagte deshalb einlenkend: „Denke 
an das, was ich Dir zu bedenken gab. Ulrike, und besinne 
Dich auf Dich selbst!" Damit ließ sie die Tochter allein. 
Ulrike blieb am Fenster fitzen und blickte hinaus in den 
sonnigen Tag; doch der Sonnenschein erschien ihr nicht mehr 
so goldig und das Meer nicht mehr so klar und heiter. 
Verdunkelten Thränen ihr Auge? Verdunkelten Sorgen und 
Qualen ihr Gemüt? (Fortsetzung folgt.) 
Die Ausstellung Indien. 
(Mit drei Abbildungen*).) 
Die diesjährige ethnographische Ausstellung am Kur 
fürstendamm will Indien, das uralte Kulturland in Süd- 
asien, veranschaulichen, welches die Engländer mit Recht als 
die Perle ihrer Kolonien betrachten. Das Kaiserreich Indien 
hatte bei der Volkszählung vom Jahre 1891 eine Bevöl 
kerung von 287 Millionen Seelen, sein Flächeninhalt beträgt 
4 025 211 Quadratkilometer. während das Deutsche Reich 
1895 nur 52 Millionen Einwohner zählte, die eine Fläche 
von nur 540 504 Quadratkilometer bewohnen. Das Deutsche 
Reich hätte somit bequem siebenmal in dem Kaiserreich 
Indien Platz, dessen Bevölkerung fünfmal so zahlreich ist 
als die unseres Vaterlandes. „Um sich von der Ausdehnung 
des Gebietes eine richtige Vorstellung zu machen", heißt es 
in dem „Offiziellen Führer durch die Ausstellung", „halte 
man fest, daß die größte Längenausdehnung von Kaschmir 
bis zur Südspitze. bis zum Kap Komorin, ungefähr 3000 Kilo- 
Meter beträgt, eine Entfernung, welche der zwischen Hamburg 
und Kairo in Aegypten gleichkommt. Die größte Breite, 
nicht ganz 3000 Kilometer, ist gleich der Entfernung zwischen 
Paris und Trapezunt." Dieses Riesenreich hat nun eine 
uralte Kultur, deren Anfänge sich in sagenhaftes Dunkel 
hüllen, so daß wir für Zeiträume von Jahrtausenden auf 
Sagen angewiesen find. „Die Wedas, die ältesten heiligen 
Gesänge der Arier, erhielten ihre gegenwärtige Fassung wahr 
scheinlich um 1400 v. Chr.; ihr Alter aber reicht viel weiter 
hinauf, läßt sich jedoch nicht rinmal annähernd feststellen. 
In der Zeit, in welcher unsere Vorfahren in Deutschland 
noch in Pfahlbauten hausten und sich dcr Steinwerkzenge 
bedienten, pflegte der Inder schon lange den Ackerbau, hatte 
Mühlen und Maße, wohnte unter selbst aufgerichteten Dächern 
und übte die Kunst des Webens." Berücksichtigt man neben 
der ungeheuren Größe Indiens und dem Jahrtausende 
zählenden Alter seiner Kultur die Vielartigkei! der Völker, 
welche Indien bewohnen, so muß es von vornherein ein 
leuchten. daß eine „Ausstellung Indien", welche doch ein 
Gesamtbild des vielgestaltigen Kulturlebens in dem Riesen- 
lande zwischen dem Himalaja und dem Kap Komorin geben 
soll, ein sehr kühnes Unternehmen ist, dessen Ausführung 
ebenso kostspielig wie schwierig sein dürfte. 
Giebt nun die ethnographische Ausstellung zwischen dem 
Kurfürstendamm und dem Savignyplatz ein erschöpfendes 
Bild von dem geheimnisvollen, uralten Kulturlande? Diese 
Frage dürfen wir getrost verneinen, und die Leiter der Aus 
stellung würden gut gethan haben, wenn sie dieselbe als 
„Jahrmarktstreiben in Indien" oder in ähnlicher Weise 
bezeichnet hätten, damit die Besucher ihre Erwartungen nicht 
zu hoch spannen und von vornherein wiffen, daß die Unter- 
Haltung die Hauptsache ist. und daß die „Ausstellung" in 
eister Linie Vergnügungspark und Cirkusunternehmen ist. 
Als „Indisches Jahrmarktstreiben" lassen wir uns 
dieses Aufgebot von Schlangenbeschwörern, Zauberern. Gauklern, 
Stocktänzern, Teufeltänzern und Bajaderen gefallen; an eine 
„Ausstellung Indien" muß man höhere Anforderungen 
*1 Aus dem „Offiziellen Führer durch die Ausstellung". Lith. und 
Druck von Weyland u. Bauchwitz.
        
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