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Periodical volume 13. August 1898, No. 33

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Tag um Tag ging dahin; die Frühlingsstürme brausten 
durchs Land, und die heftigen Regengüsse schwemmten auch 
die letzten Reste Schnee aus den Ecken der Graden und Rame. 
In Stralsund wurde verhandelt — mit den heizoglichen 
Räten, dem dänischen Gesandten, dem Unterhändler Arnims, 
aber man kam nicht vom Flecke. Das Volk war des ewigen 
Verschleppens herzlich müde, und immer stürmischer verlangte es, 
daß es in den Waffen geübt und die Befestigungswcrke 
verstärkt würden. Und vor Stralsund, auf kaiserlicher 
Seile, wurde geschanzt mit aller Macht! Trotz der Verhand 
lungen zog Arnim den Gürtel seiner Bastionen enger und 
enger. Schon gingen bei Brandshagen die gewaltigen Batte 
rien, die das Neue Tief und somit den Uebecgang nach Rügen 
beherrschen sollten, schnell ihrer Vollendung entgegen. So 
machten die kaiserlichen Waffen langsame, aber stetige Fort 
schritte; nur an einer Stelle nicht, am Dänholm. Wie die 
Falken kreuzten bei schwerster See mit größter Gefahr die 
Stralsunder Schaluppen um die kleine Insel, und nichts ent 
ging den scharfen Augen der Schiffer. D.r alte Andersen 
war Tag und Nacht in Oelzeug und Südwester an Deck 
seines schnellsegelnden Fahrzeugs; durch das ganze Neue Tief 
kreuzte er mit den Stralsunder Schalupp.n, auch nach Rügen 
sperrte er den Uebergang. 
Ein grimmiges Lächeln lag auf dem eisernen Gesicht 
des alten Seebären Andersen, wenn er, wie aus Erz gegossen, 
auf dem schräg liegenden, schwankenden Deck seiner Schaluppe 
stand, und die Schaumflocken, die vor dem scharfen Bug auf 
stoben, ihm im Barie hingen. Kam ein kaiserliches Boot in 
Sicht, schien sich die Kraft der schnellen Schaluppe zu ver 
doppeln; dato war es eneicht, und d.r alte Andersen fragte 
nicht lange, was das Boot enthielt, Geschütz oder sonst 
etwas, ohne weiteres mußte cs die Rückfahrt anirele», 
— die drohend offenen Siückpforten ließen dem kaiserlichen 
Bootsführer keine weitere Wahl. Und so, wie der alte 
Andersen, machten es auf fein Geheiß alle Schiffer. Tie 
Sperre wurde so gründlich durchgeführt, daß die kaiserlichen 
Truppen auf Rügen, die bis dahin in Wein und Bier 
gebadei, und deren Obristen mit 60—70 Gängen banqneitieri 
hatten, jetzr in einer Salzsuppe ihren Fisch zweimal kochen 
sonnten, wre eine alle Chronik sagt. 
Heute, an einem trüben, regnerischen Tage — häufige Böen 
peitschten über die steilen Wogen des Meeres — herrschte trotz 
dem lebhaftes, frohes Leben am Hafen. Einige Schaluppen, 
die nördlich bis Hiodenföe gekreuzt waren, hatten ein hansea 
tisches Schiff dort geiroffen und sicher in den Hafen geleitet, 
und dies Schiff brachte Pulver. 
Es war ein öffentliches Geheimnis gewesen, daß das 
Pulver sehr, sehr knapp war, und manchen, sonst kampfes- 
muiigen Mann hatte dieser Mangel bedenklich gestimmt. 
Jetzt war Pulv.r da, hussa! jetzt konnte man zu Thaten 
übergehe»! Das Volk war in fröhlichster Siiinmung. Das 
Schiff wurde sofort gelöscht, und alles, was ein paar kräfl.ge 
Arme hatte, legte Hand an; unter lustigem Gesänge wurden 
die schweren Tonnen hoch durch die Raaen an Land gewuchtet 
und von kräftigen Fäusten auf den Wageil verstaut, um 
sofort zum Puloerturm gefahren zu werden. 
Breilbernig uild behaglich lächelnd stand der dicke Stadt- 
kapitän Volkmann, die Hand am Wehrgehänge, auf dem 
Bollwerk und sah dem regen Treiben zu. 
Herr Pastor Erasmus, der auch zum Hafen hinab- 
gegangen ivar, das Schauspiel zu sehen, trat zu ihm. 
„Na. Herr Pastor." lachte Volkmann. „nächstens werden 
statt der langatmigen Friedensepisteln die Bomben fliegen!" 
„Gott verhüte es!" sagte Herr Erasmus. 
„Ihr seid in Aussicht genommen," fuhr Volkmann mit 
ernster Miene fort, „auf Schanze drei vor'm Frankenihor zu 
fechten." 
„Um Gottes willen!" rief Herr Erasmus. „Ich bin ein 
Slreilec Gottes!" 
„Eben darum!" versetzte Volkmann: der Schalk spielte 
in den kleinen Fältchen an seinen Augen. „Ihr werdet unter 
dem Feinde wüten wie Simson mit seinem Eselskinnbacken!" 
„Hol mich der Teufel, Gott verzeih mir's," ries der 
w:ckere Gottesstreiter entrüstet, „wenn ich der Esel wäre, für 
den Ihr mich haltet! Ich kämpfe mti dem Kreuze, den 
Eselskinnbacken überlasse ich Euch!" 
Der dicke Volkmann wollte sich ausschütten vor Lachen. 
Im Volke entstaub eine Bewegung. Der Stadtlieutenant 
Joachim Ranow trat zu seinem Kapitän und machte ihm eine 
kurze, dienstliche Meldung. Soeben seien am Oberteich drei 
Bürger beim Holzholen von kaiserlichen Musketieren überfallen 
worden. Zwei seien erschossen, der dritte gefangen fortgeführt. 
Krpitän Volkmann wurde ernst und pfiff durch die 
Zähne. Windschnell verbreitete sich die Kund: im Volke. 
Eine rasende Erregung bemächtigte sich der Masse, deren 
Kriegsmut durch das Eintreffen des Pulvers schon so wie so 
zum Siedepunkte erhitzt war. Das sei ein Friedensbruch, schrie 
man, das heische Rache! In hellen Haufen rückte das Volk 
vor das Rathaus. 
Der Bürgermeister sprach von dem Erkerfenster scines 
Hauses aus und suchte das Volk zu beruhigen. Der Rat solle 
sofort zufammengerufen werden, man wolle von Arnim 
Genugthuung fordern! 
Das Volk gab sich damit nicht zufrieden, es kannte seinen 
ehrbaken Rat zu gründlich. Mit drohenden Mienen, in wilder 
Aufregung blieb die Menge auf dem Markt zusammen, um 
nötigenfalls einen kräftigen Druck auf die wohlweisen Rats 
herren auszuüben. 
In tiefem Nachsinnen ging der Bürgermeister in seinem 
Zimmer auf und. Arnim, sagte er sich, werde schwerlich eine 
Genugthuung bewilligen, die dem aufgebrachten Volke genüge. 
Wie sollte er durch diese Enge steuern? 
Da trat der alle Andersen ins Zimmer, auf seinem 
Oelzeug perlten noch die Tropfen der Spritzseen; ihm folgte 
auf dem Fuße ein kaiserlicher Trompeter, der dem Bürger- 
mcister einen großen Schreibebiief überreichte. 
vr. Steinwig winkte dem Trompeter abzutreten und 
riß den Brief auf. Er fuhr zusammen: die Besatzung deS 
Dänholm kapilulterle und bat um freien Abzug. 
„Andersen!" rief der Bürgermeister, „Der Dänholm 
kapituliert — warum, wieso?" 
Der alte Andersen biß die Lippen aufeinander und sagte 
kurz: „Aus Hunger!" 
„Andersen!" rief der Bürgermeister. „Wie tst das möglich?" 
Der alle Andersen sah trotzig m eine Eck: und versetzte: 
„Ich habe alle Bote angehalten, was sie auch befördein 
mochten, und keines passieren lassen!"
        
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