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Periodical volume 30. Juli 1898, No. 31

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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von Buch überbrachte den Befehl zum Rückzug persönlich dem 
General von Götzen, welcher in dem vordersten Laufgraben 
aus den Angriff leitete; abends 8 Uhr zogen sich die An 
greifer zurück. 
Die Verluste der Kurfürstlichen waren sehr groß: zehn 
Offiziere, 18 Unteroffiziere, 270 Gemeine waren getötet, 
18 Offiziere, darunter der spätere Feldmarschall von Barfuß, 
25 Unteroffiziere und 364 Gemeine waren verwundet. Ueber 
die Verluste der Schweden liegen zuveiläsfige Nachrichten nicht 
vor, doch können fie sehr bedeutend nicht gewesen sein, denn 
noch in derselben Nacht machte die Besatzung des Hornwerks 
etnen Ausfall und verbrannte die liegen gebliebenen Sturm 
brücken. Den nächsten Morgen wurde ein mehrstündiger 
Waffenstillstand zur Beerdigung der Toten abgeschlossen, aber 
kaum war man damit fertig, da befahl der Große Kurfürst 
einen neuen Sturm; der Zustand des Hornwerks mochte ihn 
überzeugt haben, daß er diesmal auf einen so starken Wider 
stand nicht mehr zu rechnen habe. Aber die Kraft der 
Belagerten war gebrochen. Schon drohte unter der Besatzung 
eine Meuterei; die Munition war knapp geworden und 
blutenden Herzens entschloß fich der tapfere Kommandant, 
um wenigstens eine ehrenvolle Kapitulation zu erlangen, zu 
Unterhandlungen. Er sandte in das kurfürstliche Lager und 
bat um Einstellung der Feindseligkeiten. Am nächsten Morgen 
erschien ein brandenburgischer Offizier in Anklam und bald 
darauf begannen die Kapitulationsverhandlungen, zu der die 
Bürgerschaft drei Abgesandte schickte. Sanitz verlangte freien 
Abzug für die ganze Besatzung, allein der Kurfürst wies diesen 
Wunsch mit Entschiedenheit zurück und erst nach längerer 
Verhandlung kam am Nachmittag eine Einigung zu Stande, 
wonach den national-schwedischen Truppen freier Abzug gewährt 
wurde, während die deutschen Truppenteile aufgelöst werden 
sollten. Wer nicht in brandenburgische Dienste treten wollte, 
sollte in seine Heimat entlassen werden. Das Kriegsmaterial, 
also auch die Geschütze und die noch übrig gebliebene Munition 
fielen in die Hände des Siegers. Am 19. August verließen 
die Schweden mit klingendent Spiel die Festung, um draußen 
den Transport nach Kolberg, von wo aus fie nach Schweden 
übergeführt werden sollten, zu erwarten, und am nächsten 
Morgen, einem Sonntag, zog der Große Kitrfürst in die 
eroberte Stadt ein. Vor d;m Stolperthor erwartete ihn der 
Magistrat und geleitete ihn in die Marienkirche, wo Gottes 
dienst abgehalten wurde, darauf leisteten die städtischen 
Behörden auf dem Rathause und gleich darauf die Bürger 
schaft auf Markt dem neuen Herrscher den Huldigungseid. 
So erlag Anklam nach sechswöchentlicher Belagerung, 
von einer schwachen Besatzung gegen einen übermächtigen 
Gegner auf das tapferste verteidigt. Der Wohlstand der 
Stadt hatte außerordentlich gelitten; wenn auch die Häuser 
nur wenig beschädigt waren, draußen di; Vorstädte lagen in 
Asche, die Ortschaften, welche der Stadt gehörten, waren ver 
wüstet, die Felder weit herum von den Belagerern zertreten 
und unfähig gemacht zur Bebauung. Auch die Peenebrücke 
war schadhaft geworden und mußte wieder hergestellt werden. 
Vor allem aber war die durch den 30jährigen Krieg bis fast 
auf ein Drittel gesunkene Zahl der Bewohner noch mehr ver 
mindert worden und die noch da waren. litten Mangel am 
Nötigsten. Um der ersten Not zu steuern, schenkte der Kur- 
fürst, der am 3. September das Schloß Löcknitz eingenommen 
hatte, das Lager mit all seinen Vorräten den Änklamern und 
bewilligte ihnen einen Erlaß von Abgaben und Lasten. Auch 
sonst sorgte er nach Kräften für die neugewonnene Stadt und 
vielleicht hätte er fie bald zu ihrem alten Wohlstand zurück 
gebracht. hätte nicht der Frieden von St. Germain im Jahre 
1679 ihn um all seine Erfolge gebracht und Vorpommern 
wieder den Schweden ausgeliefert. Jetzt ist Anklam lange 
wieder preußisch und an jene Belagerung erinnert nichts mehr 
als die zahlreichen Kugelspuren am Turme der Marienkirche 
in der Nähe des Stolper Thores. 
Alte Uetzstickereien. 
Von Marie Becker. 
(Mit Abbildung.) 
Nachdruck verboten. 
Als man in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts 
begann, das mit der Filetnadel hergestellte durchbrochene 
Leinengeflecht mit weißem oder farbigem Garn zu durch- 
stopsen und Sterne und Bordenmuster herzustellen, schaffte 
man grade keine neue Arbeit, wohl aber bildete fich eine 
durchaus neue Technik auf dem vorhandenen alten Material 
aus. Die Netzgewebe, mit Hilfe eines Holzstabes, der Filet 
nadel. auf die der Arbeitsfaden gewickelt ist, hergestellt, haben 
ihren Ursprung in den Küstenstrichen, deren Bewohner früh 
zeitig begannen, aus Fasern und Gespinnsten Fischnetze zu 
flechten. Schon den allen Aegyptern und Babyloniern waren 
fie als Zierde der Tracht bekannt, die christliche Kirche aber 
bemächtigte fich ihrer als einer wertvollen, ausbildungsfähigen 
Technik erst, als fich das Bestreben und die Notwendigkeit 
bemerkbar machten, Oeffnungen und Abteilungen zu verhüllen, 
oder den harten Uebergang zwischen Fenster und Mauer 
künstlerisch zu verhüllen. Da erblühte neben der Leinen 
stickerei in Klöstern und Ritterburgen auch die Netzstickerei. 
Ursprünglich aus dem gleichen Material — dem weißen Leinen 
faden —, ging fie mit der Schwesterkunst in ihrer Entwicklung 
Hand in Hand und lehnte fich in Muster und Stil zuerst 
an diese, später zugleich an die Kanevasstickerei an. Hier 
wie dort gestaltete die Gotik Sterne und Pleinmuster, während 
die romanische Stilart. mit dieser verflochten, eine sehr schöne 
Arbeit daraus schuf: die mächtigen Wandbehänge, Altar- und 
Bettdecken, auf deren durchbrochenem Grund heraldische Tiere, 
Hochzeitsszenen, Jagdstücke, Heilige und heilige Handlungen 
ihren Platz fanden. Meist nahm eine figurale Darstellung 
die Mitte ein, während Fabeltiere, den Sternbildern oder 
der verblichenen Heidenzeit entsprossen, auch als Attribute der 
Apostel gedacht, die Ecken füllten. Gradlinige gotische Borden, 
später schwungvolle Ornamente übernahmen die Einteilung 
des Stückes in größere und kleinere Felder. Gern fügte man 
dem Filetkareau ein solches aus Leinen mit Reticellastickerei 
hinzu, und die Altardecken, abwechselnd aus großen und 
kleinen Kareaufiguren zusammengesetzt, bilden noch heute 
das Entzücken jedes Kenners. Ungemein reich und schön 
wirken fie mit der schlichten weißen Zeichnung, der fich 
nur zuweilen ein brauner (roter?) oder blauer Faden 
beigesellt. So lange fie nicht das Hauptgewicht auf 
menschliche Figuren oder gar Köpfe legen, haben fie sogar 
Anspruch auf hohen künstlerischen Wert, der ihnen jedoch bei 
solchen, für das Material völlig ungeeigneten Motiven ganz 
verloren geht. In ihrer Verwendung für das deutsche HauS,
        
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