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Periodical volume 16. Juli 1898, No. 29

Full text: Der Bär Issue 24.1898

Goslar, die alte Kaiserpfalz und das 
Kaiserhaus. 
Von SB. Schulz, Hafferode o. H. 
(Schluß.) 
Ottos IV. Nachfolger, der Hoyenstaufe Friedrich II., 
welcher während seiner langen Regiernngszeit sieben Kronen 
auf seinem Haupte vereinigte, war einer der edelsten Fürsten, 
deren Andenken uns die Weltgeschichte aufbewahrt hat. Am 
26. Dezember 1194 zu Jefi in der Mark Arkona (Italien) 
geboren, durch seine Mutter Constanzia der Erbe beider 
Sizilien, nach dem frühen Tode seines Vaiers am Hofe des 
gebildeten und klugen Papstes Jnnocenz III., seines Vor- 
mundes. erzogen, vereinigte er mit italienischer Gewandtheit 
und feiner Sitte deutsche Treue und Biederkeit und eine Vtel- 
seiiigkeil der Bildung, die weit über den Horizont seiner Zeit 
hinausging. Leider blieb diesem genialen Herrscher trotz 
seiner lang-n Regierungszeit für sein deutsches Slammland 
nur wenig Zeit übrig, obg'eich der Stern des römisch-deutschen 
Weltreiches äußerlich noch einmal im hellsten Lichte auf 
leuchtete. Die beständigen Unruhen in Italien und die er 
bitterten Kämpfe mit den Ansprüchen der Päpste hielten ihn 
von Deutschland fern. Doch ließ auch dieser Kaiser es nicht 
an Beweisen der Huld für Goslar fehlen. Bereits im September 
1218 war der Schirmvogt und Verteidiger Goslars, der Graf 
Hermann von Woldenberg, an seinem Hoflager zu Ulm. und 
auch später befand sich derselbe noch mehrfach an der Seile 
des Kaisers in Italien. Mitte Juli 1219 sodann finden wir 
die Kaiserpfalz zu Goslar wieder als Schauplatz wichtiger 
Verhandlungen. Friedrich II. hielt hier eine große Fürsten 
versammlung ab, wozu auch der Pfalzgraf Heinrich erschien. 
Die häufige Anwesenheit der Kaiser in Goslar gab ihm 
Veranlassung, die Stadt aufs neue mit wichtigen Privilegien 
auszuzeichnen, welche auf das Emporblühen derselben nicht 
geringen Einfluß ausübten. 
Mit dem Untergange der Hohenstaufen schließt die große 
mittelalterliche Kaiserzeit und auch die historische Bedeutung 
der Kaiserpfalz zu Goslar ab. Die Geschichtsschreiber und 
Chronisten der späteren Zeit wissen wenig mehr von den 
Schicksalen der ehemals so stolzen Kaiserrefidenz zu erzählen. 
Statt des Reichsoberhauptes selbst mit seinem Hoflager 
residierte nur noch ein kaiserlicher Vogt dort, dem die höchste 
Gerichtsbarkeit oblag. Aber je mehr der Glanz und der Einfluß 
des Kaisertums in Goslar abnahmen, umsomehr erhob sich 
die Bedeutung des freien, selbständigen Bürgertums. 
Anfangs wurde der kaiserliche Vogt aus den alten 
Goslarschen Patrizierfamilien, von Gowisch, von Dike, von 
Barum, von Wildenstein, von Sulinge und anderen gewählt. 
Diese stolzen und einflußreichen Geschlechter waren mit den 
adeligen Rittern und Herren der Umgegend vielfach verwandt 
und nannten sich mit großem Selbstbewußtsein „Bürger und 
Ritter in Goslar". Später jedoch sank auch das Ansehen der 
kaiserlichen Vogtei. als diese durch den Pfalzgrafen Heinrich 
dem Grafen von Woldenberg zum Lehen gegeben wurde; denn 
nun flössen die bedeutenden Einkünfte der Vogtei in die Kaffe 
der Grafen, und der Vogt selbst war nur ein gräflicher Dienst- 
mann. Die Gilden und Gewerkschaften nahmen inzwischen 
mit dem Aufblühen des Handels einen immer mächtigeren 
Aufschwung, und jüngere Familien, die sich durch Handel und 
Bergbau hinaufgeschwungen hatten, überholten schließlich die 
alten seßhaften Patriziergeschlechter an Reichtum und Ansehen 
und verdrängten sie nach und nach aus dem Stadtregiment. 
Die Gilden der Gewandschneider und Münzer und die Gewerk- 
schäften der Berg- und Hüttenwerke waren die ersten, die Anteil 
an der Verwaliung der Stadt bekamen. Im Jahre 1290 
erwarb sodann der Rat von dem Grafen von Woldenberg die 
kaiserlichen Vogteirechte, wenn auch nicht die Einkünfte der Vogtei. 
Der Vogt wurde nun aus den jüngeren ratsfähigen Familien 
der Stadt gewählt, als deren Repräsentant er von dieser Zeit 
ab anzusehen ist. Er stand nicht mehr als kaiserlicher oder gräf 
licher Vogt über dem Rat der Stadt, sondern hatte als Stadt 
vogt nur noch Sitz und Stimme in demselben. Obwohl mehr- 
fach schreckliche Epidemien und blutige Fehden die Zahl der 
Einwohner dezimierten, so entwickelte sich doch das städtische 
Gemeinwesen zu immer größerer Blüte, da auch die folgenden 
Kaiser die alten Voirechte der Stadt bestätigten und ihr noch 
wichtige neue Privilegien dazu verliehen. So erhielt Goslar 
von Rudolf von Habsburg im Jahre 1275 das Münzrecht und 
von Ludwig von Baiern 1331 dos Gelübde der Unverpfänd 
barkeit, dazu 1340 das sogenannte Heerschildrecht, welches jedem 
Ratsmitgliede gestattete, unmittelbare Reichslehen zu erwerben. 
Ein weit rer Faktor zu der gedeihlichen Entwickelung der 
Stadt war deren Beitritt zu der Hansa, wodurch der inner? 
Wohlstand und die Einwohnerzahl sich so mehrten, daß im 
Jahre 1494 die Festungsmauern im Norden und Westen 
erweitert werden mußten und auch die Klöster Neuwerk und 
Fravkenberg mit in den Stadtbezirk hineingezogen wurden. 
In dieser Zeit des Wohlstandes wurden die starken Zwinger 
erbaut, die allen Streitmitteln der damaligen Zeit trotzten. 
Doch kehren wir zur Kaiserpfalz selbst zurück! Im Juli 
des Jahres 1289 wurde dieselbe von einer furchtbaren Feuers 
brunst heimgesucht. Es war nicht das eiste Mal, daß die 
verheerenden Flammen in dem ehrwürdigen Gebäude wüteten. 
Schon in früheren Jahren war das anfangs kupferne Dach 
nach einem Brande durch ein bleiernes ersetzt worden. Dieser 
letzte Brand war aber ohne Zweifel der bedeutendste, da 
durch ihn ein großer Teil der Baulichkeiten der Pfalz gänzlich 
vernichtet wurde. Kaiser Rudolf ließ die Wiederherstellung 
des Kaiserpalastes alsbald in Angriff nehmen, vollendet wurde 
dieselbe jedoch erst von seinem Nachfolger Adolf von Nassau. 
Im Jahre 1415 wurde das Kaiserhaus von der Siadt käuflich 
erworben, und da der Reichssaal, wie bereits oben gesagt, 
immer noch zu Gerichtsverhandlungen Verwendung fand, so 
wurde für seine Erhaltung fortgesetzt Sorge getragen, während 
die andern Baulichkeiten, soweit dieselben nicht vom Domstift 
in Anspruch genommen wurden, der Zerstörung durch den 
Zahn der Zeit anheimfielen. 
Schon im Anfange des 17. Jahrhunderts müffen die 
Einkünfte des Domes nicht mehr zur Instandhaltung der 
Gebäude ausreichend gewesen sein, da in einem Vertrage mit 
dem Rate der Stadt vom Jahre 1617 beschlossen wurde, die 
damals noch rechl bedeutenden Kostbarkeiten der Münsterkirche 
teilweise zu Gelde zu machen. Die größte Einbuße erlitt 
jedoch der Dom zur Zeit des dreißigjährigen Krieges. Durch 
das Mstitutionsedikt Kaiser Ferdinands II. vom Jahre 1629 
kam er wieder in die Hände der Katholiken. Anr 4. Januar 
1630 erschienen die Jesuiten in Goslar und nahmen von ihm 
Besitz. Durch pomphafte Gottesdienste suchten sie dem alten
        
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