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Periodical volume 16. Juli 1898, No. 29

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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An einigen Stellen klang sogar eine gewisse Bitterkeit 
gegen den König hindurch. 
So sehr sie denselben seiner mannigfachen großen Eigen 
schaften wegen schätzte und die ihm anhaftenden Schwächen 
milder zu beurteilen geneigt war, zeigie sie sich doch über eine 
Andeutung von seiner Seite, daß er zwischen ihrem Sohne 
Philipp und einer seiner natürlichen Töchter ein Ehebündnis 
wünsche, sehr empört. 
Das Muttergesühl war in der pfälzischen Prinzessin, 
entgegen dem in der Heimat ihres Gemahls herrschenden 
Herkommen, besonders stark entwickelt. Mit rührender Liebe 
schrieb sie über die Entfaltung und erfreuliche Begabung ihrer 
kleinen „demoiselle äs 6sta>rtres", Elisabelh Charlotte, der 
späteren Herzogin von Lothringen. 
Dann erging sie sich in anerkennenden Worten über den 
Mut des „kleinen Kurfürsten von Brandenburg". Sie sprach 
ihre Freude darüber aus, daß so viele von Herd und Heimat 
vertriebene tüchtige Menschen in ihm einen Beschützer gefunden 
hätten. In ergötzlicher Weise schilderte sie den Zorn des 
Königs über die Aufnahme, welche die französischen Protestanten 
in Brandenburg gefunden. 
Der Aerger der Marquise von Maintenon und des ge 
samten Genissensrates bei Hofe war mit scharfen Federstrichen 
aufs drastischste gezeichnet. Auch berichtete die Herzogin die 
Thatsache, daß man in Paris den Protestanten sogar den 
Besuch des Gottesdienstes in der brandenburgischen Botschaft 
verboten habe. 
Bis dahin halte Alfred mit begreiflicher Anteilnahme, 
aber ohne innere Erregung gelesen. Nun kam eine Stelle, 
welche sein Blut in Wallung versetzte. 
Die Prinzessin von Orleans schrieb: 
„In Anbetracht dessen, was ich zu meiner Freude von 
Dir erfahren habe, daß Du die Meriten des jungen Cheronne 
anerkennst und würdigst, sende ich Dir beifolgendes Gedicht. 
Solches stammt als einzig erübrigter Rest von des Poeten 
Drama: „Sous defense et ä l’abri“, welches der König 
auf Befehl seiner Eheliebsten dem Flammentod überantwortet 
hat. In zwölfter Stunde glückte es mir, dies Bläitlein un 
versehrt zu erwischen. Jetzt liegt es in meinem Schatzkästlein, 
allwo ich mir die geringen Beweisstücke aufsammele, die von 
ehrlichem Wollen und Streben eines Franzosen Zeugnis ab 
legen. Du erhältst eine Abschrift, die ich verdeutscht habe. 
Kann mir nämlich nimmer denken, daß es wahr ist. wovon 
hier die Sage geht, daß eine Hannoveranerin, wie die Sophie 
Charlotte, ihr echt deutsches Ma^l dazu hergiebt, um französisch 
zu reden. Gott straf' mich, ich>hab' genug gekriegt von dem 
Parlieren! 
Das Poem laß Dir von Deinem Hofmufikus in Töne 
umsetzen. Es ist dazu wie geschaffen mit seinem Singsang von 
schönen Worten, die leider Gottes für uns in Versailles paßten, 
wie die Schelle am Gewand eines Buckligen. 
Ihm selber. Deinem Dichtersmann, thue kund und zu 
wissen, daß er sich beileibe nicht etwa um den schönen Fratz 
von Hosfrauenzimmer härmen soll! Manchmal ist das junge 
Mannsvolk ja so albern, und um ihn wär's schade! Er soll 
vielmehr seinem Schöpfer danken, daß die Erzkokette ihm zur 
rechten Zeit den Laufpaß gegeben hat. Und ruhig mag er 
darüber lachen, wenn sie jetzt dafür bestraft wird mit dem, 
worin sie gesündigt hat. 
Seit etlichen Wochen ist sie mit einem Vicomte Lemourgue 
verkuppelt, der wegen etwelcher Heldenthaten als Anführer 
der vermaledeiten Dragonaden unter die Leibwache des Königs 
versetzt worden ist. Ein wahres Kreuz! Es ist eine Schande, 
wie die Weiber der Teufelslarvr nachlaufen. Na, sie müssen's 
büßen! Und ihr, der d'Altateffe, geschieht Recht." 
Sowe>t las Alfred, dann sank die Hand mit dem 
Briefe herab. 
Louison mit Lemourgue vermählt! — Bleich geworden, 
blickte er mit großen Augen ins Leere. Wie deutlich er sie 
vor sich zu sehen glanbte — die beiden äußerlich von Golt so 
begnadeten Menschen! 
In diesem Augenblick empfand er, daß ihm im tiefsten 
Innern bisher noch immer eine leise Stimme zugeflüstert 
hatte: Louison ist nicht so verworfen, wie es den Anschein 
hat. Es waren nur die unglücklichen Verhältnisse, durch die 
sie von Dir getrennt wurde, wie Du von ihr! — 
Nun wußte er, daß sie von Anbeginn falsch und treulos 
gegen ihn gehandelt halte. 
Was ihn so tief niederdrückte, war indessen nicht der 
Gram um das einst erträumte und nun verlorene Liebesglück. 
Er schämte sich vielmehr, sein Bestes und Heiligstes an eine 
Unwürdige verschwendet zu haben und dadurch selbst unwürdig 
geworden zu sein, sein Auge zu einem reinen Mädchen zu 
erheben. Besonders der letztere Gedanke bereitete ihm Schmerz. 
Wie richtig war doch seine Ahnung gewesen, als er diesen 
Brief erblickt hatte! Für ihn enthielt derselbe keine erfreuliche 
Botschaft, wie die heiter denkende Kurprinzesfin jedenfalls ge 
glaubt hatte. 
Lange saß er in Gedanken versunken da. Wie lange, 
wußte er selbst nicht. Er hatte alles um sich her vergessen. 
Plötzlich vernahm er einen leisen Schrcckensruf. Im 
nächsten Moment legte sich eine Hand auf sein Haupt, und 
eine andere ergriff die schlaff hevniederhängenoe Rechte. 
„Um Gott, Alfred! Was ist geschehen?" fragte eine 
weiche, ihm nur zu gut bekannte Stimme. „Seid Ihr krank? 
Ist Euch etwas zugestoßen? Schon längst werdet Ihr vermißt. 
Man durchstreift den Park. um Euch zu suchen. Hört, wie 
fröhlich die Schiffcrsleute. die den Busch durchziehen, fingen! 
Die Kuipiinzesfin, die so gütig war. mich mit einer längeren 
Ansprache auszuzeichnen — Luise errötete bei der Erinnerung 
an die ebenso feine wie liebenswürdige Art, mit der die 
hohe Frau mit ihr gesprochen und sie veranlaßt hatte, ihr 
ihr innerstes Empfinden zu enthüllen — die Fran Kurprinzesfin 
riet mir, einmal in diesem Tempelchen nachzuschauen, ob Ihr 
Euch vielleicht dorthin verloren haltet. Wie richtig hat sie 
geahnt! Nun sagt, um des Himmels willen, Alfred, was ist 
Euch begegnet?" — 
In den Ohren des verstörten Mannes klangen die Worte 
des jungen Mädchens, welche die innigste Sorge um ihn verrieten, 
ungleich schöner und lieblicher, als die sanfte Musik, die de: 
Abcndwind durch den Park zu ihnen herüber trug. 
Stait jeder Antwoit, legte er seine heiße Stirn aus 
Luisens Hand, die er mrt seinen beiden krampfhaft festhielt. 
Von seinem Gebühren noch niehr beunruhigt, beugte sich 
das junge Mädchen über ihn. Da fiel ihr Blick auf bei. 
entfalteten Brief. Aengstlichen Tones fragte sie: 
„Habt Ihr unangenehme Nachrichten erhalten, Alfred? 
Daif ich nicht wissen, was Euch bedrückt? Ach, ich möchte
        
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