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Periodical volume 25. Juni 1898, No. 26

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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dem Höhepunkte seiner städtischen Blüte und Machtentwickelung. 
Nicht weniger als vierzig — und tetlweis überaus kostbare — 
gottesdienstliche und öffentliche Gebäude, Kirchen und Kapellen, 
sowie eine große Anzahl mildthätiger privater Stiftungen 
beweisen den frommen und wohlthätigen Sinn der Goslarer 
Bürgerschaft. Daneben hatte man aber auch nicht versäumt, 
zum wehrhaften Schutz nach außen hin vie Befestigungs 
werke der Stadt zu verstärken, die Wälle und riesigen 
„Zwingertürme" mit grobem Geschütz gut zu besetzen und 
Schutz- und Trutzverträge mit mächtigen Fürsten abzuschließen. 
Handel und Industrie standen in höchster Blüte, Bergbau, 
Forst- und Fischereigerechtsame warfen hohe Erträge ab, und 
der Wohlstand der Einwohner mehrte sich von Tag zu Tag. 
Aus dieser Blüteperiode Goslars stammt die Mehrzahl der 
heute noch vorhandenen prunkvollen Hausbauten, welche 
reiche Patrizier und machtbewußte Jnnungsverbände als Zeichen 
äußeren Glanzes durch geschickte Werkmeister aufführen ließen. 
Noch in diese Blütezeit der Kaiserstadt fällt die Ein 
führung der Reformation daselbst. Die neue, lichtvolle Lehre 
Dr. Martin Luthers drang unerwartet schnell bis in die 
untersten Volksschichten ihrer Bewohner, die in jubelnden, 
Hellen Haufen den neuen Glauben annahmen. Später — 
1536 — schloß sich Goslar dem Schmalkaldischen Bunde an, 
welcher ihr im Jahre 1545 denn auch bei einer Fehde mit 
Herzog Heinrich dem Jüngeren von Braunschweig tapfer 
Beistand leistete und den Feind bald besiegte. Inzwischen 
war 1540 „wegen Landesfriedenbruchs" die Reichsacht über 
die „abtrünnige Stadt" ausgesprochen worden, was schließlich 
— im drängenden Verein mit der Niederlage der Protestanten 
bei Mühlberg an der Elbe — die Stadt zu jenem ver 
hängnisvollen Vertrage des Jahres 1562 zwang, durch 
welchen die Freiheit Goslars „auf ewige Zeiten" ein 
Ende fand. 
Im folgenden Jahrhundert legten die Verwüstungen und 
Schrecknisse des dreißigjährigen Krieges den Handel der allen 
ehemaligen Reichsstadt völlig lahm; die einzige Erwerbs 
quelle der Bewohner — die ihnen nach Verlust der Gruben. 
Hütten rc. übrig geblieben war — wurde dadurch vernichtet. 
Zudem wütete die Pest in den Mauern der unglücklichen 
Stadt, welche, schließlich noch von den Schweden auf das 
härteste gebrandschatzt, nach Abschluß des Friedens vor einer 
Schuldenlast von mehr denn 2 370 000 M. stand — für da 
malige Zeilen eine ungeheuere, schier unerschwinglich scheinende 
Summe! — Kaum hatten sich in den folgenden Dezennien 
die Goslarer etwas erholt, die Wunden des schrecklichen 
Krieges waren im Verharschen, da brach im Jahre 1728 
eine furchtbare Feuersbrunst aus. welche die größere Hälfie 
der Stadt in Schutt und Asche legte. Das Jahr 1780 
brachte abermals einen verheerenden Brand, dem 244 Ge 
bäude zum Opfer fielen. Rasch ging es nunmehr bergab mit 
der einstmals so blühenden Kaiser-Residenz; Handel und 
Industrie lagen völlig darnieder, und die an den Bettelstab 
gebrachte Bevölkerung sank auf 6400 Seelen. 
Im Frieden von Lüneville fiel Goslar 1802 an das 
Königreich Preußen. Dies Jahr bedeutet für die Stadt den 
Anbruch einer neuen, besseren Zeit, welche selbst durch die 
Fremdherrschaft des napoleontschen Königreichs Westfalen 
(1807—13) nicht getrübt werden konnte. — Nach dem 
Sturz des korsischen Eroberers wurde Goslar durch den 
Wiener Kongreß dem neugebildeten Königreich Hannover zu 
gewiesen, zu welchem es bis 1866 gehörte; in diesem Jahre 
fiel die Stadt an Preußen zurück — sie wurde „gut preußisch" 
und ist es auch bis heute geblieben. 
Langsam, doch stetig blühte die altehcwürdige, historische 
Stätte mittelalterlicher Kaiserherrlichkeit wieder empor. Der 
neu erwachte Sinn für Geschichte und Altertumskunde, ver 
eint mit der steigenden Beliebtheit des Harzes als Reise- und 
Ausflugsziel, führte Goslar alljährlich Tausende und Aber 
tausende von Besuchern zu, die jedenfalls nicht zum 
wenigsten zu dem unverkennbar wiedergekehrten Wohlstände 
der Bürgerschaft beigetragen haben. Heute zählt Goslar 
gegen 15000 Einwohner und gehört zu den geschäftsreichsten 
und bedeutendsten Städten des ganzen Harzgebietes. Neues, 
frisches Leben pulsiert in den allen Adern; auch Goslar gleicht 
dem Phönix, der schöner und jugendfrischer aus der Asche 
emporgestiegen. 
* * 
* 
Schon von weitem gewährt die alte Residenz der 
Sachsenkaiser einen imposanten Anblick. Aus dem Gewirr 
der Häuser und Straßen erheben sich grüßend schlanke Türme; 
trutzigltch und eiseufest erscheinen die mächtigen Festungsthore 
der Stad! mit ihren kolossalen Rundtürmen und Wehrgängen. 
Erhaben über der Dächerflut steigt der weiße Bau des 
„Kaiserhauses" empor, des herrlichsten Juwels aus Goslars 
alten Tagen. Den Hintergrund schließen dunkle Wald- 
kuliffen, die an den sanften Hängen des erzreichen Rammels- 
berges und seiner Nachbarhöhen emporsteigen. 
In Goslar selbst bietet sich auf Schritt und Tritt der 
reichste Stoff zum Schauen und Lernen. Fast jeder Fußbreit 
Bodens birgt Reminiscenzen aus der einstigen großen Der- 
gangenheit der Stadt, die als Zeugen ehemaligen Glanzes 
und Prunkes uns noch so manches unschätzbare Stück erhalten 
hat. Wer von Goslars Besuchern kennt nicht die malerische 
„Kaiserworth", den wunderlichen Bau des „Brusttuches", das 
dem letzteren benachbarte „Alldeutsche Gildehaus", das 
restaurierte Rathaus am Markt u. s. w. — ganz zu schweigen 
von den zahlreichen Kirchen (oarunter als karger Ueberrest 
des herrlichen Kaiseroomes die „Domkapelle") sowie den 
sonstigen Altertümern an architektonisch interessanten Haus 
bauten und mittelalterlichen Straßenzügen. 
Jedoch alles das verschwindet gegenüber der Lichtgestalt des 
hochragenden Reichspalastes oder Kaiserhauses, jenem 
letzten, hehren Ueberrest der einstigen Goslarer Kaiserpfalz, 
die ehedem die prächtigste und größte unter den sächsischen 
Königsburgen des Mittelalters war. Von all den übrigen 
Herrscherfitzen, welche zu Quedlinburg, Merseburg, Bod- 
feld, Werla und Pöhlde rc. am Harz errichtet waren, 
find nur noch Teile spärlichen Mauerwerks erhalten geblieben, 
oder aber sie find völlig vom Erdboden verschwunden; der 
Pflug des Landmannes geht heute da, wo vor langen Jahr 
hunderten die Fülle des Prunkes der mächtigsten Herrscher 
des Abendlandes sich entfaltete. — 
Der Geschichte der Goslarer Kaiserpfalz seien die nach 
folgenden Zeilen gewidmet. Die Vergangenheit der Pfalz 
enthält ein gut Teil von Goslars Wohl nnd Wehe; mit 
ihrem Schicksal war das Schicksal der Stadt innig 
verknüpft.*) 
*) Ich folge Huron den Angaben des Büchleins: „Die Kaiser 
pfalz zu Goslar" von Th. Asche. Verlag von Ludwig Koch in Goslar. 
216 Seilen illustr
        
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