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Periodical volume 15. Januar 1898, No. 3

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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„Bon soir, monsieur!" sprach ihre süße Stimme; aber 
die kühlen Fingerchen wurden sofort zurückgezogen. Zugleich 
lachte Adele leise auf. Es klang wie fröhliches Vogel 
gezwitscher. „Oh Löon, was bist du für ein einfältig gut 
mütiger Geselle, und welch schlechter Kavalier dazu!" 
Die Worte waren im Tone halben Schmollens an einen 
großen, schwarzen Wolfshund gerichtet, der bis dahin der 
jungen Dame als Fußpolster gedient hatte, nun jedoch, 
rücksichtslos genug, aufgestanden war und an Helmut empor- 
sprang, um seine Freude über dessen Erscheinen kund zu 
thun. Der junge Mann drohte ihm mit dem Finger, aber 
das bekümmerte das Tier nicht. Wurde ihm doch gleichzeitig 
der buschige Kopf gekraut, und er bekam freundliche Worte 
zu hören. 
„Erlaube, lieber Helmut, daß ich Dich mit dem werten 
Gast unseres Hauses, rnonoisnr 1s capitaine Alphons 
Lemourgue, bekannt mache!" unterbrach Alfred in elegantem 
Französisch die kleine Scene. 
Dercnthal stand dem Sänger von vorhin gegenüber. 
Während beide sich vornehm verneigten, tauschten sie einen 
scharfen Blick miteinander aus. Derenthal blieb gelassen, 
obwohl er innerlich überrascht war von der eigenartigen 
Schönheit des über gewöhnliche Mannesgröße weit hinaus 
ragenden Offiziers. Wie des Waldes stattlichster Eichbaum 
stand derselbe vor ihm; aber es war ein Stamm, dessen 
Gezweig der Sturm verwüstet hatte. Alle Leidenschafien. 
deren ein Mensch fähig ist. prägten sich in den schönen Zügen 
aus. Was für den erfahrenen Mann ein Warnungsfignal 
bedeutete, erschien dem unschuldigen Mädchen als erhöhter 
Reiz. 
Adelens Augen wanderten vergleichend zwischen den beiden 
Männern hin und her. Sie blieben schließlich an dem 
Franzosen heften. 
„Vicomte, Sie müssen hernach noch ein Lied fingen!" 
befahl sie mit ihrer klingenden Stimme. 
Lemourgue lächelte nachlässig, was ihn jedoch nicht ver 
hinderte. einen funkelnden Blick auf die Tochter des Hauses 
zu werfen. 
„Wollen Sie die Verantwortung übernehmen, wenn ich 
M'fieur Derangtal — er sprach den von allen übrigen 
deutsch gesprochenen Namen ostentativ mit französischem Accent 
aus — hinaustretbe? Oder — zu Helmut gewendet — ver 
steht man auch in Brandenburg das Geheul eines Ketten- 
Hundes von einer Oper zu unterscheiden?" 
„Das käme auf einen Versuch an", erwiderte der junge 
Chemiker ruhig. 
„Welcher Musik giebt man dort den Vorzug?" 
„Nun. ich denke, im allgemeinen zieht man die Ge 
fühlsäußerung eines treuen Vierfüßlers einer schlechten 
Komposition vor." 
„Sie hören. Mademoiselle!" 
„Oh — Monsieur Derenthal scherzt nur," erwiderte daS 
junge Mädchen lebhaft auf den spöttischen Einwurf des 
Osfiziers. „Er spielt selbst sehr schön das Clavichord. Ich bitte, 
beweisen Sie die Wahrheit meiner Worte!" 
Helmut zögerte einige Minuten. Eher hätte er indessen 
noch dem nichtachtrnden Blicke und Lächeln des Kapitäns, als 
einer erneuten Aufforderung von seilen der jungen Dame 
Stand, gehalten. 
Er nahm an dem viereckigen, aus kostbarem Ebenholz 
verfertigten Saiteninstrument Platz und griff in die Tasten. 
Da er wohl ein feines Verständnis für die Tonkunst, 
aber nur gering zu nennende Schulung besaß, so war er haupt 
sächlich ans sein gutes Gehör angewiesen. 
In seiner Knabenzeit hatte er für einen Lieblingsschüler 
des Organisten Krüger gegolten, der im Dome von Cölln- 
Berlin seines Amtes waltete. 
Als solchem war ihm zuweilen vergönnt worden, rin 
von der Kurfürstin Henriette stammendes Kirchenlied auf der 
Orgel zu spielen. Im Laufe der Zeit gelang es Helmut, 
die solcherart gewonnenen Fertigkeiten auch auf weltliche 
Instrumente, die an Einfachheit der Konstruktion untereinander 
wetteiferten, zu übertragen. 
Die anmutigen Weisen eines Heinrich Schütz und der 
Musiker der Hamburger Oper waren ihm bald geläufig. Ein 
Präludium von Johann Ambrosius Bach bot ihm Genuß. 
Seit seinem Aufenthalt in Frankreich hatte er jedoch auch 
die hier hauptsächlich gepflegte italienische Musik kennen und 
lieben gelernt. 
So kam es. daß sich in diesem Moment, wo er sich in 
dem glänzend erhellien, vom Duft südlicher Pflanzen durch 
hauchten Gesellschaftssaale am Clavichord niederließ, bald 
unter seinen Flngern ein Gewinde verschiedener Melodiesi 
harmonisch durch die Saiten schlang. Zuerst ertönte eine 
schlichte deutsche Weise, durch ihre Innigkeit das Ohr deir 
Südländer fremdartig berührend. So rauschte das windbe 
wegte Schilf am Ufer märkischer Seen. So ruht der Abend 
sonnenschein auf den schlank emporstrebenden Föhren in 
Brandenburgs Nadelwaldungen. Ein heiterer Sang, wie von 
Kindheitsspielen und traulichen Geschichten im friedlichen Heim, 
klang hinein und schmeichelte sich in Herz und Sinn. 
Ein liebliches Lächeln umspielte die Lippen des jungen 
Mädchens. 
Helmut gewahrte es, und in demselben Augenblick begann 
sich sein Spiel leidenschaftlicher zu färben. Das waren die 
liebenswürdig lockenden Weisen der italienischen Tonkunst, die 
das Blut in lebhaftere Wallung versetzen. 
Kapitän Lemourgue trat mit über der Brust gekreuzten 
Armen neben den Spielenden. 
„L'orgue äs Barbarin!“ ließ er, nur für Derenthal 
verständlich, fallen. 
Das Antlitz des letzteren veränderte sich nicht. Es schien 
als habe er die Aeußerung nicht vernommen; aber unter seinen 
Händen hervor strömten plötzlich kraftvolle Tonwellen, schallende 
Accorde von großartiger Harmonie. Es klang jedoch nicht wie 
Herausforderung, sondern wie stolze, aber edle Abwehr alles 
Niedrigen. 
Helmut Derenthal erhob sich. Als er zu Adele hinüber- 
sah, fing er einen scheuen Blick ihrer dunklen Augen auf und 
bemerkte, daß sie die Hand ihres Vaters ergriffen hatte und 
gleichsam verschüchtert und schutzbedürfltg ihre blaffe Wange 
hineinschmiegte. 
„Lla pstits hat sich soeben gefürchtet. Ich bitte, fingen 
Sie noch ein heiteres Lied!" wandte sich Camille Cheronne 
jetzt mit vornehm gedämpfter Stimme an den Vicomte. 
Und Lemourgue gehorchte bereitwillig. Ein übermütiger 
Sang aus: „Les fetes de l’Amour et de Bacchus“ ließ 
sich vernehmen und vollführte eine hinreißende Wirkung, de-
        
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