Path:
Periodical volume 18. Juni 1898, No. 25

Full text: Der Bär Issue 24.1898

—295 
Ueber Joseph aber schrieb Friedrich an Voltaire: „Ich 
bin in Mähren gewesen und habe da den Kaiser besucht, der 
sich vorbereitet, eine große Rolle in Europa zu spielen. Er 
ist an einem bigotten Hofe erzogen und hat den Aberglauben 
verworfen; er ist an Prunk gewöhnt und hat einfache Sitten 
angenommen, wild mit Weihrauch genährt und ist bescheiden, 
glüht vor Ruhmbegierde und opfert seinen Ehrgeiz der kind 
lichen Pflicht auf. hat nur Pedanten zu Lehrern gehabt und 
besitzt genug Geschmack, um Voltaires Werke zu lesen und 
sein Verdi nst zu schätzen." 
Anerkennender kann man sich in der That kaum äußern. 
Weniger freundlich lauten Friedrichs Auslassungen über 
Josephs Reise nach Frankreich, die er nicht ohne Mißtrauen 
auf des Kaisers weitgehende Pläne, der es nicht erwarten 
könne, Venedig. Bayern und Württemberg zum Kaiserstaate 
zu schlagen, betrachtete. Er sagt darüber: „Im Jahre 1777 
machte der Kaiser eine Reise durch Frankreich. Sein Aufent 
halt zu Paris und Versailles trug nicht dazu bei, die Bande 
zwischen beiden Nationen enger zu knüpfen. Da er mehr 
Weltkenntnis und Anmut befaß, als Ludwig XVI., so er 
regte dies die Eifersucht des französischen Monarchen in nicht 
geringem Grade. Joseph bereiste auch die französischen Pro 
vinzen und ließ es sich merken, daß er die Blüte des Handels 
und der Manufakturen mit scheelen Augen betrachtete. Dies 
entging dem französischen Scharfblick nicht, und so erschien er 
mehr im Lichte eines Neiders, als eines Freundes der Nation, 
in deren Mitte er sich befand." 
Uebrigens hatte Friedrich wieder seinen durchdringenden 
Scharfblick bewiesen, wenn er dem Wiener Hose und vorzüglich 
Joseph Absichten auf Bayern zutraute, deren Vereitelung durch 
ihn das beiderseitige Verhältnis sehr verschlechtern sollte. Auf 
einen sehr verbindlichen Brief Josephs, in welchem er den 
König für seine Absichten zu gewinnen suchte, antwortete 
dieser, als schon die beiden Heere einander gegenüberstanden, 
von Schönwalve bei Siloerberg: „Ich habe bei der Sache 
durchaus kein persönliches Jntereffe; allein Ew. Majestät 
müßten niich Ihrer Achtung für unwert halten, wenn ich zu 
geben sollte, daß der Kaiser willkürlich mit Reichslandeir ver 
fahre. und wenn ich Rechte und Freiheiten opferte, welche ich 
und meine Mitchurfücsten von unseren Vorfahren ererbt haben. 
Gewiß wird es mir sehr hart kommen, gegen einen Fürsten 
zu kämpfen, den ich persönlich achte und liebe; auch sehe ich 
recht wohl ein, wie sehr Bayern dem Hause Oesterreich zur 
Hand liegt, obwohl es nicht das geringste Recht zu dessen 
Erwerb hat. Ich muß also bitten, andere Vorschläge zu 
machen, durch welche bestehende Rechte nicht verletzt weiden ..." 
Das Ende dieser Unterhandlungen zwischen Friedrich und 
Joseph war ein bitterböser Brief des letzteren, der folgende 
Stellen enthält: 
„Mein Herr Bruder! 
Sie wollen in dem Erfolgestceit nach dem Tode des 
Kurfürsten von Bayern die Rolle eines Beschützers spielen, 
Sie nehmen den Charakter eines Garanten des Westfälischen 
Friedens an, um Oesterreich zu kränken, und wollen den Macht- 
sprach thun, daß es Bayern aufgeben inüsse. Ich kann nicht 
annehmen, daß Sie erwarten, Oesterreich werde sich dem 
Tribunal des Kurfürsten von Brandenburg unterwerfen . . . 
Sie bauen vielleicht zu sehr darauf, daß Sie ein glück 
licher General find und 200000 Monn geübter Truppen 
haben. Dies hat die Vorsehung auch noch anderen Mächten 
verliehen. Wenn Sie ein Vergnügen darin finden, 200000 
Mann aufs Schlachtfeld zu führen, so komme ich mit der 
nämlichen Anzahl dorthin. Ich hoffe. Sie an den Ufern 
der Elbe zu finden. 
Jaroinirs im Juli 1778. 
Joseph." 
Zu Josephs bitterster Betrübnis und Demütigung, da er 
darauf brannte, sich mit Friedrich im Felde zu messen, wurde 
durch Unterhandlungen, die Maria Theresia hinter seinem 
Rücken mit Friedrich führte, und die zu dem Frieden von 
Teschen führten, der Streit beigelegt, ohne daß es in dem 
sogenannten „Kartoffelkriege" zu einem ernstlichen Zusammen 
stoß gekommen wäre. 
Sehr erwünscht kam daher Joseph, abgesehen von anderen 
Gründen, nur um Friedrich zu ärgern und zu beunruhigen, 
der von Katharina II. bald darauf geäußerte Wunsch nach 
einer Zusammenkunft mit ihm, dem er auch bereitwilligst ent 
sprach. damit, wie cr an Lascy schrieb, „dadurch die Galle 
des geliebten Friedrich so aufgeregt würde, daß er 
daran umkäme." 
Dieser fromme Wunsch ging zwar nicht in Erfüllung, 
wennschon Friedrich, wenig erfreut über diese Annäherung, 
die Wirkung der Zusammenkunft auf alle Weise zu hinter 
treiben und abzuschwächen suchte. 
Der Tod Maria Theresias am 29. November 1780 gab 
Joseph volle Freiheit des Handelns, und nun stürzte er sich 
mit einem wahren Feuereifer auf das Gebiet der Reformen, 
die das um Jahrhunderte zurückgebliebene Oesterreich urplötzlich 
in die Reihe der vorgeschrittensten Staaten, ja ihnen noch 
voranstellen sollte. Nur zu erklärlich ist es, daß allen diesen 
überstürzten, ohne Erwägung der entgegenstehenden Hindernisse, 
ohne alle Vorbereitung mit Hartnäckigkeit durchgesetzten Maß- 
regeln eine gedeihliche Wirkung nicht beschieden sein konnie, 
aus so edlen Antrieben fie auch hervorgegangen sein mochten. 
Das Größte würde Joseph vollbracht haben, wenn er 
Friedrichs Besonnenheit und Charakterstärke besessen hätte. 
So aber mußte er mit seinen edelsten Abfichten vielfach 
scheitern. Sein Kopf war, wie Friedrich sagte, „eine Nieder 
lage. worin Berichte. Gutachten, Entwürfe. Beschlüsse ver 
worren unter einander aufgespeichert waren." 
Wie völlig Joseph in seinem Regentenberuf aufging, 
geht aus einem, wenige Wochen nach seiner Mutter Tode an 
deren Leibarzt van Swinten gerichteten Briefe hervor, aus 
dem wir einige Stellen anführen, die sich nicht ohne Bitterkeit 
über Friedrichs litterarische Bestrebungen aussprechen. 
„Ich begreife nicht", sagte er. „wie einige Monarchen sich 
so weit herablassen konnten, sich litterarische Vorzüge zuverschaffen 
und eine Art von Größe darin zu suchen, Verse zu machen. 
Zwar sehe ich wohl ein, daß es einem Könige geziemt, im 
Reiche der Wissenschaften nicht unbekannt zu sein; daß man 
aber als Monarch die Zeit damit zubringe, Madrigale zu 
schmieden, finde ich äußerst überflüssig. 
Der Markgraf von Brandenburg ist das Haupt einer 
KönigSsekte geworden, die sich damit beschäftigt, Memoiren, 
Gedichte und Abhandlungen verschiedener Art zu schreiben. 
Die Kaiserin von Rußland und der König von Schweden 
ahmten ihn darin nach. 
Ich habe gelesen, um mich zu unterrichten, und indem
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.