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Periodical volume 11. Juni 1898, No. 24

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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die treu an ihm hingen, durchaus wohl und versammelte alS 
Kanzelredner eine zahlreiche und andächtige Gemeinde um 
sich. Da traten die Pläne der Zukunft an den achtund- 
zwanzigjährigen Mann heran, und das Einheiraten in eine 
fette Pfründe, wie es damals unter dem schwedischen Regiment 
in Pommern bei Besetzung geistlicher Stellen üblich war, 
wurde unserm Arndt von Freunden und Verwandten nahe 
gelegt. Sein Vater hätte es als ein großes Glück betrachtet, 
wenn der Sohn auf solche Art zu sicherem Brot gekommen 
wäre, und war, als sich Gelegenheit bot, besonders eifrig 
bemüht, ihn in der Langenhanshagener Pfarre als Schwieger 
sohn unterzubringen. 
Nun mag es freilich sein, daß Arndt, wie er in seiner 
Selbstbiographie durchblicken läßt, von der 
Art und Weise der Besetzung der Pfarren 
angewidert wurde, so daß sich bei ihm 
eine immer größere Abneigung gegen das 
Predigeramt ausgebildet hat, allein die 
Ausschlag gebende Ursache war die Alter 
native, vor die er gestellt war, ent- 
weder ein ungeliebtes Mädchen zu heiraten 
und bei dem sorglosen Leben in einer guten 
Pfarre seiner Studentenliebe zu entsagen, 
oder, seine liebe Lotte im Arm, den Kampf 
mit dem Dasein aufzunehmen und Stellung, 
Anerkennung und Würde sich zu erringen. 
Arndt wählte das letztere. 
Da war es denn zur Notwendigkeit 
geworden, das Schweigen von dem Herzens- 
bündnis seinen Eltern gegenüber zu 
brechen. Kurz vor seinem Scheiden aus 
dem gastfreien Hause Kosegartens entdeckt 
sich Arndt in einem Briefe seiner Mutter: 
„Was Sie auch davon denken mögen", 
schreibt er ihr. „so ist es doch die Einzige, 
mit der ich einst glücklich zu leben hoffe. 
Sie ist jung und wild, ich weiß es, 
hoffentlich nicht, was ihre Sittenrichterinnen 
aber aus ihr machen, und gewiß nicht, 
was diese selbst find." Die Mutter soll 
und edles Herz in ihr achte, wenn ich sie also allen Mädchen 
in der Welt vorziehe, so werden Sie mir Ihre Beistimmung 
nicht versagen." 
Der Vater Arndts, der trotz seiner patriarchalischen 
Strenge gerade seinem Sohne Ernst Moritz gegenüber bei 
Entschlüffen und Thaten ein letztes Machtwort niemals sprach, 
gab seine Einwilligung zur Verlobung, ebenso auch Lottens 
Vater, welcher nicht nur aus dem Grunde, den Uebermut 
der Jugend seiner Tochter in einem stillen Eheglück verfließen 
zu sehen, sondern auch, um dadurch die Erinnerung an eine 
eigene Jugendthorheit zu verwischen, dem Bunde der beiden 
jugendlichen Herzen seinen Segen nicht versagte. Zu einer 
innigeren verwandtschaftlichen Zuneigung zwischen Arndt und 
seinem Schwiegervater Quistorp ist es frei- 
lich nie gekommen. 
All diese Unterhandlungen fallen in 
die zweite Hälfte des Mai 1798. Die 
Vorbereitungen zu der Reise Arndts 
waren getroffen; der Abschied stand 
bevor. Nur wenige Tage konnten daher 
die Liebenden das Glück genießen, vor 
ihren Verwandten und Freunden als Ver 
lobte zu gelten. 
Die Worte, welche Charlotte Quistorp 
ihrem Geliebten als Abschiedsgruß in 
sein Album schrieb, geben eine echte und 
reizende Charakteristik derselben. Sie 
lauten: „Süß ist, zu atmen die Lufi, in 
der des Geliebten Atem weht. Die 
Hoffnung des Wiedersehens mildert der 
Trennung Schmerz, und der erste Kuß, 
vom Munde des Geliebten der Harrenden, 
nach langer Trennung gegeben, belohnt 
göttlich jede Thräne des trauernden, ver- 
laffenen Mädchens. — — Eigentlich ist 
Trennung bei Liebenden eine Lüge. Die 
Geister der Liebenden find sich immer nahe 
und reichen sich überm Weltmeere die 
Hände. In dem Busen der Geliebten 
herrscht der Liebling wie ein Gott in 
seinem Tempel, sein Bild steht vor ihr im 
das Geheimnis vorerst vor dem Vater be 
wahren und nur die treue Beschützerin gtMlölJiltl Friedlich Wilhelms III. im Weißen Wachen und verrinnt in ihren Träumen, 
seiner Jugend. Tante Sophie Schuh- Zlllli dl» König!. ZlhIosskS. die ganze Schöpfung zerfließt ihr in dem 
macher, in das Vertrauen ziehen. Aber Bo» Bildhauer Pr°feff°r sb erlern. Einzigen, strahlt ihr den Einzigen wieder. 
Frauenmund hat wohl nicht geschwie 
gen, und im Kreise der Familie ist wahrscheinlich der 
Plan entstanden, den jugendlichen Stürmer, der für das 
geistliche Amt nicht taugen wollte, draußen in der Welt Liebe 
und Schwärmerei vergeffen zu lassen. Bereits hatte der 
Vater die Mittel zu einer größeren Reise dem Sohne zugesagt, 
und dieser war vom väterlichen Hause fort nach Greifswald 
geeilt, ohne daß er seine Liebe zu Lotte Quistorp dem Vater 
gestanden hatte. Erst nach einigen mit Freunden froh durch 
jubelten Stunden findet er mitten in der Nacht den Mut, zu 
schreiben. Da gesteht er dem Vater, daß er nun und nimmer 
die Langenhanshagener Pastorstochter heiraten könne, da er 
seit langer Zeit bereits mit seinem Mädchen vurch ein Band 
verbunden sei, das nur eine gewaltige Macht zerreißen könne. 
„Wenn ich trotz manchen äußeren Scheines ein gefühlvolles 
tönt ihr den Einzigen entgegen. — 
Fahr' glücklich und gedenke in Italien meiner. Bring' 
mir was mit von der Ferne. Greifswald, den 16. May 1798. 
Lotte Quistorp." 
Als glücklicher Mann zog Arndt in die Welt hinaus, 
sorglos, voll Lebensmut, bereit, ohne große Mittel in jeder 
Lage sich durchzuhelfen, mit offenem Auge für alles Schöne 
in Natur. Kunst und Leben, mit geradem Sinn sich neue 
Freunde werbend, von allen selbst freudig als treuer und 
unterhaltender Reisegefährte begrüßt. Ein gewiffenhafter 
Briefschreiber, gab er den Seinigen von Zeit zu Zeit Kunde, 
und oft lag ein Briefchen an Lotte Quistorp bei. Dieser 
Briefwechsel existiert noch und ist im Verwandtenkrerse wieder, 
holt zum Lesen gegeben worden, allein die Veröffentlichung 
desselben wird wohl nie stattfinden. Dies ist um so mehr
        
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