Path:
Periodical volume 28. Mai 1898, No. 22

Full text: Der Bär Issue 24.1898

263 
alles nehmen, was er gab, uns völlig vereinsamen lassen, und unsere 
Trauer darüber würde um so bitterer sein, je mehr wir sie in Hader 
und Auflehnung gegen seinen allmächtigen Willen ausarten lassen. 
Mische Deinen gerechten Schmerz nicht mit Bitterkeit und Murren, 
sondern vergegenwärtige Dir, daß Tie ein Sohn und eine Tochter bleibt, 
und daß Du mit ihnen und im Gesühl, ein geliebtes Kind 15 Jahre 
lang besessen zu haben, Dich als gesegnet betrachten mußt im Vergleiche 
mit den vielen, welche Kinder niemals gehabt und Elternfreuden nicht 
gekannt haben. Ich will Dir nicht mit schwachen Trostgründen lästig 
werden, sondern Dir nur sagen, wie ich als Freund und Bruder Dein 
Leid wie mein eigenes fühle und bis ins Innerste davon ergriffen bin. 
Wie verschwinden olle kleine Sorgen und Verdrießlichkeiten, die unser 
Leben täglich begleiten, neben dem ehernen Auftreten wahren Unglücks! 
Ich empfinde als eben so viele Vorwürfe die Erinnerungen an alle 
Klagen und begehrlichen Wünsche, über welchen ich so oft vergessen 
habe, wie viel Segen Gott uns giebt und wie viel Gefahr uns umringt, 
ohne zu treffen. Wir dürfen uns an diese Welt nicht hängen und nicht 
in ihr heimisch werden; noch 20 oder 80 Jahre im glücklichen Falle, 
und wir beide sind über die Sorgen dieses Lebens hinaus, und unsere 
Kinder sind an unserem jetzigen Standpunkt angelangt und gewahren 
mit ebensoviel Erstaunen, daß das eben so frisch begonnene Leben schon 
bergab geht. Es wäre das An- und Ausziehen nicht wert, wenn es 
damit vorbei wäre." 
Das „Zictenhaus" in Berlin (Kochstr. 62.), eines der ältesten 
Häuser der Kochstraße, wird jetzt abgerissen, um einem stattlichen Neubau 
Platz zu machen. In diesem Hause verlebte der preußische Reitergeneral 
die letzten Jahre seines Lebens; hier war es, wo Zielen oft den Besuch 
seines großen Königs empfing. Bekannt ist das herzliche Verhältnis, 
das beide Männer verband. Den Revuen im Sommer wohnte Zielen 
noch bis zuletzt bei. War Friedrich im Winter im Exeizierhause 
gewesen, so fuhr er gewiß von dort nach Zietens Wohnung in der Koch- 
straße, kam zuweilen, ehe sich jemand dessen versah, auf sein Zimmer 
und litt nie, daß ihn der Greis beim Weggehen begleitete. Das letzte 
Mal sah Friedrich seinen alten Zielen am 22. Dezember 1785 bei der 
Parole-Ausgabe im königlichen Schlosse, und nachdem er ihn mit 
Aufmerksamkeiten überhäuft, nahm er rührenden Abschied von ihm. 
„Leb' Er wohl, Zielen, nehm er sich in acht, sich zu erkälten! Erhalt' 
Er sein Leben, solange cs sein Alter zuläßt, damit ich noch oft das 
Vergnügen habe, ihn wiederzusehen!" Es war das letzte Lebewohl. 
Am 25. Januar 1786 fuhr Zielen noch mit seiner Gemahlin spazieren 
und fühlte sich so wohl, daß er mit ihr von einer Reise nach 
Wusirau, seinem ihm gehörigen Landgut bei Ruppln, sprach. Beim 
Abendessen überfiel ihn ein Unwohlsein, das aber bald gehoben wurde, 
und niemand befürchtete, daß schon die nächste Nacht den Tod bringen 
würde. Schmerzlos entschlummerte der 87 jährige Greis. An Zietens 
Sterbehaus ließ später der Verein ehemaliger Zieten-Husaren die bis 
jetzt an demselben befindliche Gedächtnistafel anbringen, welche auch 
am Neubau einen würdigen Platz erhalten soll. Parole. 
Ueber Napoleon I. Wo Napoleon I. an jedem Tage seines Lebens 
war, diele Frage wird in der Schrift „Jtineraire de Napoleon" mit 
großem Fleiße beantwortet. Hiernach hat Napoleon in allem 18 892 
Tage gelebt, und von jedem dieser Tage ist angegeben, wo er sich an 
demselben aufgehalten hat. Auch für die deutsche Geschichte ist bekanntlich 
schon Aehnlichcs versucht und ermittelt worden. Räumers Hohenstaufen 
und Stengels Geschichte Deutschlands unter den fränkischen Kaisern 
geben die Aufenthaltsorte der Männer an, deren Geschichte sie erzählen. 
Dasselbe thun I. Fr. Böhmers Regesten der Karolinger und der 
römischen Könige von 911—1313, indem sie neben Angabe der Urkunde 
auch den jedesmaligen Aufenthalt des deutschen Kaisers nennen. — 
Bemerkenswert in dem erstgenannten Werke ist folgende Stelle: „Wie 
schnell die französische Tagesprcsse damals ihre Farben wechselte, um 
. von der untersten Stufe der Verunglimpfung sich auf der Leiter des 
Kriechens bis zur Höhe der vollsten Ergebenheit emporzuschrauben, 
beweisen folgende Auszüge aus dem Moniteur de Paris von 1815 
Dieses Blatt schrieb am 19. Februar: „Der Vertilger des menschlichen 
Geschlechts hat ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen." An, 
28. Februar: „Der Korse hat die Insel Elba verlassen." Am 7. März: 
„Bonaparte ist an der Küste der Provence gelandet." Am 11. März: 
.Der General Bonaparte ist an der Küste der Provence gelandet." An, 
17. März: „Der Kaiser ist in Lyon empfangen worden." Am 20. März: 
«St. Kaiserliche Maj stät werden in den Tuilerien erwartet." 
Turnvater Iah» als Schachspieler. Der kürzlich verstorbene 
Pffcgesohn Friedrich Ludwig Jahns, Ziegeleibesitzer Eduard Arnold in 
Lcngefeld bei Kösen, hat einige intereffantc Auszeichnungen aus seinen, 
Verkehre mit dem Turnvater hinterlassen, die mancherlei Neues enthalte», 
unter anderem auch die fast garnicht bekannte Thatsache, daß Jahn ein 
vorzüglicher Schachspieler war. Arnold sagt daniber: „Allen Glücksspiele» 
war Jahn Feind, namentlich dem Kartenspiel; er haßte dies, nannte 
cs Teufelsspiel und suchte es überall zu hintertreiben. Dagegen suchte 
er die Brettspiele, namentlich das Schachspiel, in verschiedenen Alten, 
als das jetzt weltbeherrschende Zweischach- und als das seltenere 
Rund- oder VIcrschach einzuführen, was ihm auch gelang. Es wurde 
las Zweischach in seiner Wohnung, das Vierschach in einer Schank- 
wirtschaft in der Woche zweimal gespielt. Das Äierschach spielte er 
feisterhast, wenn auch oft recht unaufmeiffam, weil er während des 
'L-les die sämtlichen Gäste unterhielt, so daß er oft erinnert werden 
daß er am Zuge sei. Sowie er aber bemerkte, daß er in der 
Klemme, ja fast matt war, dann sah man die Ueberlegenhcit seines 
Spieles. „Heraus mit der Ziege aus den Deichdamm!" rief er dann 
oft, sein Auge blitzte über dar Schachbrett, das Spiel bekam eine andere 
Wendung, das fast mattgcsctzte Spiel wurde frei, und bald hatte er es 
gewonnen." B. Lok.-A. 
Ex libris als Kinder ihrer Zeit. Die Ex-Hbris richten sich als 
Kinder ihrer Zeit ganz nach dem herrschenden Geschmack Hat uns das 
16. Jahrhundert mit den schönsten Schöpfungen der Renaissance beschenkt, 
so wird das Ornament im 17. Jahihundert schwerfälliger und über 
ladener. Auf das Barock folgen die zierlichen Schöpfungen des Rccoco, 
denen dann gegen den Schluß des vorigen Jahrhunderts Zopf und 
Empire folgen und den zu dieser Zeit geschaffenen Bücherzeichen den 
Stempel der Langeweile aufdrücken. Von den Erzeugnissen unseres 
Jahrhunderts bis in die 50er Jahre hinein schweigt man am besten; 
Geschmacklosigkeit und Verwendung unverdauter Ornameutformcn sind 
das Charakteristikum dieser Periode. Erst in neuester Zeit, seitdem man 
das Studium der großen Werke früherer Künstler, hauptsächlich der 
Renaissance vorgenommen, an ihnen wieder Geschmack und Stil gebildet 
hat, erst seitdem sind auch auf d esem Gebiet der Buchausstattung Blätter 
entstanden, die sich neben die Erzeiigniffe des 16. Jahrhunderts stellen 
können. 
Die Gegenstände auf den Bücherzeichen sind so mannigfaltig wie 
nur möglich gestaltet; wir finden am häufigsten die Wappen des Besitzers 
mit oder ohne Beiwerk, mit dem Motto oder Sinnspruch des Besitzers 
oder ohne denselben; ferner die eigenen Porträts, öfters auch ein Doppel 
blatt mit dem Porträt und dem Wappen des Besitzers. — Im vorigen 
Jahrhundert waren ganz besonders beliebt Ansichten der Bibliothek des 
Besitzers; daneben finden wir Orts-Darstellungen, die die Hcimatsstadt 
des Besitzers, ein ihm gehöriges Schloß u. s. w. zeigen. — Im 17. Jahr 
hundert kommt die Sitte auf, ein Monogramm aus den Anfangs- 
Buchstaben des Namens zu verwenden. — Allesorische Darstellungen, 
Apollo mit den Musen, der geflügelte Pegasus, eine Justitia mit Wage 
und Schwert und anderes mehr deuten auf die Neigungen der Besitzer. 
Wegweiser f. Sammler. 
Gut abgefertigt. Der berühmte Professor der Theologie Schleier 
macher ließ sich eines Tages von einem der bekanntesten Zahnärzte 
Berlins einen Zahn ausziehen. Schleiermacher galt als sehr wohlhabend, 
was auch wohl zutraf, war aber nebenbei auch recht sparsam. Er sandte dem 
Arzt einen Thaler mit einigen dankenden Worten, ein für die billigen 
Zeiten Schlciermachers sehr anständiger Preis. Der Zahnarzt jedoch 
dachte nicht so, schickte den Thaler zurück und schrieb daz>r sehr spitz: „er 
sei gewohnt, Arme umsonst zu behandeln, von Reichen dagegen drei 
Thaler zu nehmen". Schleiermacher schickte ihm sogleich folgende Zeilen, 
die eine vortreffliche Abfertigung enthielten: „Es dankt herzlichst Ihr 
armer Schleiermacher." — — ckn — 
Nereiiis Nachrichten 
Verein für Geschichte der Mark Brandenburg. 
Sitzung vom 11. Mai 1898. 
Herr Professor Sckmoller teilte aus seinen historisch-statistischen 
Studien über die Handels- und Kriegsflotten der Hauptkulturstaaten des 
17. und 18. Jahrhunderts, die er aber ausdrücklich als noch nicht 
abgeschlossen bezeichnete, die vorläufigen wichtigsten Resultate mit. Ec 
erörterte zuerst die Schwierigkeit, zuverlässige vergleichbare Zahlen zu 
gewinnen, ging dann auf die Hauptveränderungen Englands, Frankreichs, 
Hollands und der Vereinigten Staaten ein und sprach zuletzt eingehender 
von den deutschen Nord- und Ostseehäfen, sowie der skandinavisch- 
dänischen Entwickelung. Das Hauptresultat scheint zu sein, daß bis 
zum 30jährigen Kriege die Schifffahrt vieler deutschen Seestädte — trotz 
des Niederganges der Hansa — doch noch zunimmt, jedenfalls ganz 
erheblich ist. Dann aber geht sie so ziemlich überall zurück, um gegen 
1690-1780 ihren tiefsten Stand zu erreichen. Die Königsberger 
Kaufleute hatten damals keine eigenen Schiffe mehr, die Stettiner auch 
nicht viele; der Danziger Handel wird wesentlich von fremden Schiffen 
besorgt, auch Hamburg hatte bis 1620 und dann wieder in der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts eine viel größere eigene Handelsflotte und 
einen größeren Schifffahrtsverkehr als gegen 1700. Der Aufschwung 
des Schiffbaues in der Ostsee war 1756—1806 ziemlich bedeutend 
und wurde in England mit sehr scheelen Augen angesehen; der Schiffs 
verkehr und der Eigenbesitz von Schiffen nahm aber hauptsächlich von 
1780—1806, begünstigt durch die Kriege und die allgemeinen Welt 
verhältnisse, außerordentlich zu, fast ebenso, wie die Handelsflotte der 
Vereinigten Staaten von 1789—1807 (von 127 000 auf 843 306 Tonnen) 
zunahm. Diese beiden großen Aufsckwungsbcwegungen hat England 
dann in der Zeit 1805—1815 zu vernichten verstanden. Beide Länder 
iDeutschland und die Vereinigten Staaten) haben erst 1840—60 die 
Größe der Handelsflotte wieder erreicht, die sie 1804—1807 inne hatten. 
Zum Schluffe zog der Redner einige allgemeine Resultate, wies 
auf die Ursachen des Aufschwungs hier, des Niedergangs dort, auf den 
Zusammenhang der Handels» und Schifffahtsentwickclung mit den 
staatlichen Machtverhöltnissen und den Kriegsflotten, mit den Seekriegen 
und internationalen Rivalitätskämpfen und Äehnliches hin. 
Nachher machte Herr Legationsrat von Lin den«u sehr interessante 
Mitteilungen, auf Grund der Erzählungen der Gräfin Oriola, über 
die Ilcbersiedlung des Prinzen von Preußen von Berlin nach Spandau 
und der Pfaueninscl am 19. März 1848. Er wies nach, daß der Weg
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.