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Periodical volume 28. Mai 1898, No. 22

Full text: Der Bär Issue 24.1898

255 - 
was Dich betroffen hat! Unter dem Rauschen der Meereswogen 
wird sich Dein Leid mildern." 
Alfred lehnte das Haupt gegen den Mast. In den 
Segeln knatterte der Wind, die aneinander schlagenden Raaen 
verstärkten das Schiffsgeräusch. 
Am Himmel jagten wunderlich geformte Wolken einher, 
bald das tiefdunkle, reichgestirnte Blau des Himmels, bald 
die Lichtfülle des Mondes verhüllend. 
Lange hielt Alfred seine Augen geschlossen. 
Endlich begann er zu sprechen, leise, mit stockender 
Stimme, die Lider noch immer geschlossen haltend und wie 
zu sich selber redend. Aber allmählich löste sich die Eiskruste 
seines Innern. Er richtete das Haupt in die Höhe und blickte 
den Freund vertrauensvoll an. Und dann erzählte und 
erzählte er, daß die Stunden der Nacht vorüberflogen wie die 
Sturmvögel an der Brigg. 
Sonder Scheu und Zurückhaltung vor einem geliebten 
Freunde alles auszusprechen, was das Herz bedrückt, gleicht 
der Wohlthat, die ein Blinder empfindet, dem ein Sehender 
zur sicheren Leitung die Hand beut. 
Auch Alfred Cheronne fühlte sich auffallend erleichtert, 
als er dem Freunde das grambeladene Herz ausgeschüttet hatte. 
Hinfort erschien er häufiger auf Deck, doch war es 
deutlich zu merken, daß die Wunden seines Innern noch nicht 
geheilt waren. In tiefer Schwermut ging er meist einher, 
und mit Vorliebe suchte er die Einsamkeit auf. 
Groß war Derenthals Freude, als sich auch Adele auf Deck 
einfand und unter dem wachsenden Gefühl der Sicherheit neuen 
Mut und neue Lebenshoffnung schöpfte. Bald war sie tags 
über regelmäßig an seiner Seite und ließ sich von ihm über die 
Meeresteile, die sie durchfuhren, und die Länderstrccken, an 
denen sie vorüberflogen, belehren. Ja. sie bereute es jetzt auf 
richtig, so lange im Innern des Schiffes verweilt und es 
versäumt zu haben, so viel Schönes zu sehen. 
Als „La Patrie" in den Kanal einlenkte, konnte Adele 
noch einmal ihr geliebtes Vaterland sehen und Frankreich 
ein letztes Lebewohl zurufen. 
Die nördlich gelegenen Ufer ihres Vaterlandes aber 
waren so verschieden von den südlichen Gestaden, daß sie kaum 
noch eine Art von Heimweh empfand, als die französische 
Küste hinter Belgien verschwand. Dagegen flößten ihr die 
niederländischen Hafenplätze, wo man, unbesorgt für die Sicher 
heit der Hugenotten, vor Anker gehen konnte, lebhaftes 
Interesse ein. und ein Gefühl freudiger Erwartung kam über 
sie bei dem Gedanken, daß die Nordsee, deren Wogen nun 
der Kiel des Zweimasters durchschnitt, das letzte Meer war, 
welches sie von der neuen Heimat trennte. (Fortsetzung folgt.) 
Alte Stickereien. 
Bon Marie Becker. (Nachdruck verboten.) 
(Mit drei Abbildungen.) 
I. 
Einem Gruß aus fernen Zeiten gleicht die alte, ver 
blichene Handarbeit, welche uns in selten betretenen Räumen 
fürstlicher Schlösser, in Museen und Kirchen noch oft begegnet. 
Auf den ersten flüchtigen Blick wissen wir kaum zu sagen, ob 
sie schön sei oder nicht. Sie gleicht meist dem alten Gemälde, 
das. in Schmutz und Rauch gedunkelt, uns nur ahnen läßt, 
welch reiches, köstliches Werk es gewesen — oft indessen haben 
Zeit und Staub und Sonne mit ihrem vereinigten Zerstörungs 
werk aus den allzu prunkenden Stoffen einen Rest geschaffen, 
schöner, weicher, künstlerischer in den Farben, als das neue 
Original je gewesen. Wie das Gemälde ist die Nadelarbeit 
durchaus individuell, sie verrät die Geschmacksrichtung, das 
stilistische Verständnis und die Technik des einzelnen, und 
doch giebt sie uns auch eine Antwort auf so manche kunst 
historische Frage. Denn wir alle stehen im Banne unserer 
Zeit, ihre Bedürfnisse und ihr Stil find uns in Fleisch und 
Blut übergegangen, und ihrem Geschmack in der Farbenwahl 
können wir uns kaum entziehen. So schaffen wir — selbst 
in der Nachahmung einer fremden Technik oder mit antiken 
Motiven — doch nur das unserer Zeit Entsprechende, denn 
gerade die Arbeit fleißiger und selbst kunstgeübter Frauen 
hände ist stets bestimmt, dem täglichen Leben eingereiht zu 
werden; sie soll unser Heim verschönern und unsere Tracht 
zieren. So find denn unsere Erbstücke aus früheren Jahr 
hunderten einerseits eine geheimnisvolle Ueberlieferung des 
einzelnen — andereeseiis eine treue Abspiegelung des Blühens, 
Wachsens und Melkens der verschiedenen Völker und der mit 
ihnen herrschenden Ideen. Wir müssen bei der alten Nadel- 
arbeit wie bei dem alten Gemälde mit tiefstem Verständnis 
eindringen in seine Schönheit und mit größter Vorsicht den 
Schatz zu heben und zu verstehen suchen, der vor uns liegt, 
denn sie sprechen eine gewaltige Sprache, jene Zeugen ver 
wehter Zeiten, und eine Welt von Geheimniffen verdunkelt 
ihren Ursprung, deren Lösung uns nie mehr vor Augen kommt. 
Wir können nicht jeder Stadt und jedem Jahrhundert 
eine bestimmte Technik zuweisen, die oft veränderten sozialen 
Verhältniffe würden uns zu schweren Irrtümern führen; und 
der Handelsverkehr früherer Zeiten war großartig und weit 
verzweigt genug, um die Originalmuster der Morgenländer 
dem Abendlande zuzuführen, die Bedürfnisse und Wünsche 
des Westens durch den industriellen Orient berücksichtigt zu 
sehen. Verlangte doch sogar eine Verordnung aus der zweiten 
Hälfte des Mittelalters von jedem Zunftgenossen der Sticker 
und Stickerinnen in Deutschland, daß ein neuerfundenes 
Muster zugleich allen überwiesen würde — nur der kunstvollen 
Ausführung galt der Wettstreit. 
Daß von all dem weiblichen Kunstfleiß der Jahrtausende 
nur wenig Reste der Nachwelt erhalten blieben, liegt an der 
Vergänglichkeit des Materials: Krieg, Brand und Revolutionen 
waren seine Feinde, oder der tägliche Gebrauch nutzte sie ab. 
und sie versanken — zerfetzt — vertragen — verwaschen! 
Was wir aber vor uns haben, find meist Ergebnisse einer 
Technik und eines Fleißes, wie sie unser Zeitalter nicht mehr 
kennt. Alle unsere modernen Textilerzeugnisse verlieren be 
deutend im Vergleich mit den alten Stoffen, Seiden-, Woll- 
und Goldfäden; die schönen, edlen Muster, der Eifer der 
unermüdlichen Hände, welche solche Kunstwerke der Weberei, 
Stickerei und Spitzenarbeit geschaffen, müssen uns deutschen 
Frauen, die wir so stolz find auf unserer Hände Werke, ein 
ernst mahnendes Vorbild auf dem Gebiete der künstlerischen 
Nadelarbeit werden. 
Um diesen alten Findlingen näher zu treten, dürfen wir 
uns nicht auf die Grenzen unseres Vaterlandes beschränken, 
sondern müssen an die Quellen der reichsten Funde aus grauer 
Vorzeit wandern, und von hier aus von Land zu Land, um 
die Schätze eines jeden kennen zu lernen.
        
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