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Periodical volume 28. Mai 1898, No. 22

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Still seufzte Helmut Derenthal zu Gott, daß er die 
Unglücklichen, die seinem Schutz anvertraut waren, in seiner 
Heimat aufs neue Glück und Frieden möge finden lassen. 
Mehr konnte er für den Augenblick nicht thun. Worte, 
und selbst die teilnehmendsten, find in Siunden so schweren 
Leids machtlos. 
Die Franzosen ihrem wilden Schmerz überlassend, stand 
der junge Brandenburger mitten unter Schiffslasten aller Art, 
Säcken, Kästen. Ballen, in dem Raum, der ihnen sicherheits 
halber noch unter der Segelkammer angewiesen war, an einer 
seitlich angebrachten Luke und blickie auf das von der Sonne 
hell beschienene Wasser hinaus. Aus den laut gerufenen 
Befehlen an Deck vernahm er, daß alsbald nach ihrer An 
kunft die Anker gelichtet wurden. Bald hörte er auch das 
Rasseln der Ankerketten und sah den Anker aus den Fluten 
emportauchen. Am liebsten hätte er selbst mit Hand angelegt, 
um die Abfahrt zu beschleunigen. Nicht lange darauf vernahm 
er die Weisung des Kapitäns, alle Segel beizusetzen. 
Vom Deck herab erklang ein alles frommes und 
munteres Secmamislied. Eine eigentümliche Stimmung 
kam über ihn. „Heil der Fahrt!" sprach er leise und 
in feierlichem Ton. Dann bat er unwillkürlich Gott um ein 
Zeichen, daß die Fahrt glücklich von Statten gehen und die 
Flucht gelingen werde. 
Unverwandt blickte er zu der kleinen Schiffsluke hinaus, 
welche bei dem Tiefgang der Brigg kaum über dem Wasser 
emporragte. 
Der Zweimaster wurde von einer Anzahl kleinerer Fahr 
zeuge in den Golf du Lion hinausbugfiert. Nur das Rauschen 
des Kielwassers ließ sich vernehmen, und dann und wann 
zischle eine kleine, weiße Schaumwelle empor. 
Helmut mußte sich neigen, um noch ein Stückchen 
Himmelsblau, das ihm freundliche Hoffnung gewähren sollte, 
zu erblicken. Da zeigte sich ihm in dem kleinen Rahmen 
des Fensters plötzlich ein wunderliebliches Bild. 
Am Südende des Hafens, welches „La Patrie" soeben 
passierte, erschien der stolze Felsen Notre-Dame de la Garde 
und auf demselben die schöne, uralte Kirche gleichen Namens. 
Vom unbewölkten Himmel hoben sich ihre edlen Formen ab. 
und, vom milden Glanz der Herbstsonne bestrahlt, lächelte 
das Goldkreuz des Turmes freundlich hernieder. 
Helmut Derenthal faltete unwillkürlich seine Hände. 
„Der Himmel wird sich uns gnädig erweisen. Gott 
richtet milder als die. welche sich seine Diener nennen. Er 
krönt den starken Fels unseres Glaubens mit Liebe und 
Barmherzigkeit." So sagte er bewegt und dankbaren Herzens. 
Als die Brigg im Golf angelangt war und nun mit 
vollen Segeln auf die Balearen zusteuerte, eilte der Branden 
burger auf Deck. Vorläufig war keine Gefahr vorhanden, 
und er durfte furchtlos seinen Blick über die weite Wasser 
fläche auf der einen und das herrliche Panorama auf der 
anderen Seite schweifen laffen. Marseille, die berühmte alte 
See- und Handelsstadt der Phönizier, verschwand mit ihren 
prächtigen Gebäuden und Hafenanlagen nach und nach am 
Horizont. Bald versanken auch die Umrisse der reichen süd- 
franzöfischen Küste in das azurblaue Meer. Eine unabseh 
bare Wogenpracht schwebte auf und nieder. Stolz fuhr das 
Schiff durch die Wellen. Möven. Seeschwalben und fliegende 
Fische tauchten gleich silbernen Pfeilen aus der Flut auf und | 
zuckten durch die sonnige Luft. Andere Fahrzeuge, französische 
Fregatten und Kauffahrteischiffe fuhren vorbei und tauschten 
mit der Brigg Grüße aus. 
Barcelona auf der einen, Mallorka auf der anderen 
Seite kamen in Sicht des Schnellseglers, noch ehe die Nacht 
hereinbrach. Helmut Derenthal vermochte sich kaum für eine 
Stunde von Deck zu entfernen. Es war nicht seine erste 
Seereise, auch befand er sich nicht mehr in so jugendlichem 
Alter, um von jedem großartigen Eindruck gefesselt zu 
werden. Es war vielmehr der Widerschein seines inneren 
Glücks, daß ihm die Welt diesmal so besonders schön erschien. 
Die überstandene Lebensgefahr — es war ja kaum noch eine 
Entdeckung und ein Mißlingen der Flucht zu befürchten —, 
die Aussicht auf eine beglückende Zukunft und das Wieder 
sehen mit Mutter und Schwester nach jahrelanger Abwesen 
heit von der Heimat erfüllten sein Herz mit seliger Freude. 
Nur die anhaltende Trauer der Familie Cheronne warf 
einen Schatten auf die Reise, namentlich in der ersten Zeit. 
Keine Bitte oder Vorstellung konnte die Unglücklichen in 
den ersten Tagen bewegen, ihr düsteres Versteck auch nur für 
eine Stunde zu verlassen, um an Deck frische Luft und 
neuen Lebensmut zu schöpfen. 
Gibraltar lag bereits im Rücken der Flüchtlinge und 
„La Patrie" durchschnitt den atlantischen Ozean, als Alfred 
Cheronne in der Nacht zu seinem Freunde trat. Helmut 
erschrak fast, als er ihn neben sich erblickte. Tiefe Schwermut 
sprach aus den ehemals so lebensvollen Zügen, die jetzt ab 
gezehrt und geisterbleich erschienen. Nur die Augen leuch 
teten in verzehrendem Glanze. Doch war es nicht das Feuer 
jugendfrischer Begeisterung, sondern mehr das verborgenen 
Wahnsinns, dem nur unter Aufbietung aller Willenskraft ein 
Auflodern verwehrt wurde. 
„Dort drüben liegt Frankreich!" sprach er dumpf, indem 
er auf den kaum noch bemerkbaren dunklen Küstensaum hinwies. 
Es war eine Vollmondnacht bei ziemlich starkem See 
gange und scharfem Winde. 
„Mein Frankreich!" rief er in leidenschaftlichem Schmerze 
aus, beide Hände vor das Antlitz schlagend. „Was hast Du, mein 
Vaterland, mir. was hast Du den Meinen gethan, für alle 
Liebe, die wir zu Dir hegten!" 
Langsam ließ er die Hände herabfinken. „O, Ludwig, 
Du Abgott Deines Volkes! Du hartherziger Landesvater! — 
Dort, dort, in jener Richtung, liegt vielleicht Paris — dort 
Versailles — dort Fontainebleau! 
Ach, Helmut! Helmut!" 
Es klang wie der Aufschrei eines zu Tode Verwundeten. 
Tieferschüttert umfaßte Derenthal Alfreds wankende 
Gestalt. 
„Mein armer, teurer Freund! — Bisher wagte ich nicht, 
Dich zu bitten, mir Dein Herz zu eröffnen. Aber jetzt muß 
ich es thun. Es ist für Dich heilsam, wenn Du all dein 
erfahrenes Leid einmal in Wort fassest. Komm. laß uns 
auf dem stillen, dunkeln Hinterdeck im Schatten des Haupt 
mastes Platz nehmen!" 
Liebevoll führte er den mechanisch folgenden Freund zu 
der genannten Stelle. 
„Jetzt sprich Dir die Seele frei!" bat er weich. „Denke, 
ich sei das Echo Deiner Gedanken und Empfindungen, wie es 
in unserer frohen Studienzeit der Fall war! Erzähle mir,
        
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