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Periodical volume 21. Mai 1898, No. 21

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Wie sie ihn aus Haft und Banden 
Jüngst befreit durch Mut und List; 
görst- und Held er seinen Landen, 
Dichter ihr geworden ist. 
Lieder tönen, Harfen klingen. 
Und ein Stern vom Himmel fällt. 
Ferner, ferner schallt das Singen — 
O, wie schön ist doch die Welt! 
Well' auf Welle schäumt zur Stunde. 
Mond vollendet seinen Lauf, 
Aus versunkener Stadt im Grunde 
Läuten Glocken dumpf herauf. 
Wie ein Gottesauge glänzet, 
Drüber dunkle Brauen glühn. 
Liegt, von Berg und Wald umkränzet, 
Märchenhaft der Werbellin. 
Wald und See im Wolkendunkel! 
Trägen Flugs eine Weihe dort, 
Stille rings, dann Sterngefunkel — 
Und die Glocken läuten fort. 
Zur Geschichte -er Kurg HohenMern. 
Die stolze Stammburg des preußischen Königshauses 
konnte vor kurzem ein Jubiläum feiern: Fünfzig Jahre find 
vergangen, seit ihr Wiederaufbau begonnen, dreißig, seitdem 
sie feierlich eingeweiht wurde. . 
Die Geschichte der alten Zollernburg spiegelt die Ge 
schichte Deutschlands wieder. Lust an Abenteuern und über, 
müiige Verachtung des arbeitsamen Bürgerstandes, eigen 
mächtige Selbsthilfe und ungezügelte Kauflust — schlimme 
Eigenschaften des Adels nach der Zeit der Kreuzzüge — fie 
waren auch dort oben heimisch und brachten der Burg im 
Jahre 1423 fast völlige Zerstörung durch die Kraft der ver 
einten Städter. 
Dreißig Jahre später erstand die Burg bereits wieder, 
und oft genug tobte der Lärm des Kiieges um seine Mauern. 
Als der Glanz des römischen Reiches schwand, ein Stück nach 
dem andern die Beute gieriger Nachbarn wurde, der kaiser. 
liche Name nur noch ein leerer Schall war, da ging auch 
der Zollern aus einer Hand in die andere — Württem- 
berger, Schweden, Bayern, Oesterrcicher stritten sich um die 
Burg, auch die Schande französischer Besatzung mußte fie 
tragen. Sie verfiel und ward bald einer Ruine ähnlicher 
denn einem Ritterfitz, nur ein alter Hüter fand noch Raum, 
darin zu wohnen. Ein einziges Bauwerk erhielt sich und 
ragte hoch aus dem Schult ringsum empor als Zeuge längst 
entschwundener Pracht: die Burgkapelle, dem heiligen Michael 
geweiht. Sie stammte noch aus der Zeit der ersten Burg 
anlage und hatte auch j ne furchibaie Zerstörung über- 
dauert; fie steht noch heut, durch einen Anbau vergrößert, und 
dient wieder ihrem ursprünglichen Zwecke. 
Dem Kunstsinn Friedrich Wilhelms IV. ist es zu ver 
danken, daß die Hohenzollernburg aus ihren Trümmern 
wieder erstand. Als Kronprinz besuchte er, aus Italien kommend, 
im Jahre 1819 den Stammsitz seiner Väter; entsetzt über den 
Verfall derselben, faßte er den Entschluß, für Wiederherstellung 
des herrlich gelegenen Bauwerks zu sorgen, soweit es in seinen 
Kräften stand. Es hielt ziemlich schwer, den sparsamen König 
Friedrich Wilhelm III., der nüchterner dachte als der ideal 
veranlagte Sohn, zur Hergäbe einer größeren Summe zu be 
wegen; der Fürst von Hohenzollerns-Sigmaringen steueite 
ebenfalls bei; der Hechinger, dessen Residenz am Fuße des 
Burgberges liegt, sollte den Wiederaufbau leiten. Aber das. 
was neu aufgebaut wurde, war stillos und unschön, und was 
noch vorhanden war, legte man mit Hacke und Pulver in 
Trümmer, um den Bauten ein „malerisches" Aussehen zu 
geben. Als der Kronprinz 1834 nach Hechingen kam. um sich 
persönlich von der vielgerühmten Restaurierung zu überzeugen, 
war er so entmutigt, daß alle weiteren Arbeiten liegen blieben. 
Abermals verging lange Zeit, ehe der Plan wieder auf 
genommen wurde. Im Jahre 1844 lichtete ein Blitzschlag 
in der Burg bedeutenden Schaden an, und Nun knüpfte König 
Friedrich Wilhelm IV. erneut Unterhandlungen mit den beiden 
Fürsten an, um den Wiederaufbau der Burg nach einem von 
Stüler gebilligten Plane des Grafen Stillfried von vorn zu 
beginnen. Ein bez. Vertrag kam 1846 zustande, und im 
folgenden Jahre wurde der Anfang gemacht. Bis Anfang 
März 1848 schaffte man tüchtig — da kamen plötzlich die 
Revolutionsstürme; fie erfaßten auch die beiden Fürstentümer, 
und der Bau blieb abermals liegen. Preußische Truppen be 
setzten Hechingen wie Sigmaringen, und Ende 1849 trat der 
regierungsmüde letzte Hechinger Friedrich Wilhelm Konstantin 
auf Grund der Erbeinigung von. 1695 sein Land an Preußen 
ab; Sigmaringen folgte bald. Nun wurde der Bau nach den 
veränderten Plänen des Obersten von Prittwitz wieder auf 
genommen. man wollte in den neuerworbenen Landesteilen 
einen militärischen Stützpunkt haben und schuf eine regelrechte 
Festung mit Bastionen, Wällen und Türmen. Doch dauerte 
es noch lange.Jahre, ehe die Hohenzollernburg wie fie heut 
steht, vollendet wurde. Im Oktober 1867 nahm König 
Wilhelm I. hier die Glückwunschadresse des norddeutschen 
Reichstages entgegen, und Kronprinz Friedrich Wilhelm. 
„Unser Fritz", besuchte gern die stolze Feste. Eigentlichen 
militärischen Wert hat fie natürlich heut nicht mehr — die 
weittragenden Geschütze würden fie bald in Trümmer legen. 
Am Tage der Schlacht bei Königgrätz besetzten wüittem- 
bergische Truppen die Burg und gaben ihr den Namen ihrer 
Königin: Olga-Burg, aber am 6. August schon verließen fie 
dieselbe wieder — das kurze Vergnügen kostete fie eine Buße 
von 600000 Gulden. — Jetzt kommen Deutsche aus allen 
Gauen und preisen angesichts des stolzen, weitragenden Baus 
die Einheit des Vaterlandes und den Ruhm ihrer Begründer. 
So ist die Burg nicht nur ein Bild der Zerrüttung, sondern 
auch ein Wahrzeichen der Auferstehung des deutschen Reiches, 
seiner Macht und seines Glanzes — vor 50 Jahren noch eia 
Traum, an deffen Verwirklichung wohl niemand glaubte. 
P. B. 
Zwei Ge-enkbliitter 
aus Ser Geschichte -es Gesun-brunnens. 
i. 
Friedrich E 1701. 
Es war ein prächtiger Sommertag, 
Die Sonne durchglühte Feld und Hag, 
Der blaue Himmel wölbte sich klar, 
Laut sang eine lustige Vogelschar;
        
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