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Periodical volume 14. Mai 1898, No. 20

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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der oftmals Andeutungen machte von „reiner Lehre", so durch 
einen Wittenberger Mönch auf den Leuchter der Kirche ge 
pflanzt sei, und von „rechtem Sakrament", dadurch mancher 
thörichte Götzendienst gestürzet werden würde. Bald wurde 
denn auch in St. Jürgens Kirchlein der Meßdienst nicht mehr 
geübt. Den jungen Priester zog die große Bewegung fort, 
und ein neuer Seelsorger für die Armen und Kranken in 
St. Georg wurde nicht bestellt. Der Verwaisten nahm 
sich die Kirche von St. Nikolai mütterlich an, indem ihre 
Diakonen verpflichtet wurden, abwechselnd Sonntags in der 
Mittagsstunde dort Gottesdienst zu halten. Unter den Dia 
konen, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts diesen 
Gottesdienst hielten, war auch der berühmte evangelische 
Liederdichter Paul Gerhardt. 
Damit find wir übrigens der historischen Entwickelung 
schon vorangeeilt. Allgemein ist die Annahme, daß das Aus- 
sätz genhaus für seine ursprüngliche Bestimmung nur ver 
hältnismäßig wenig in Anspruch genommen worden ist. 
Berlin hatte unter jener schrecklichen Plage weniger zu leiden 
als andere Siädte und Gegenden. Die Bestimmung des 
Hauses erweiterte sich denn auch schon bald zu der eines all 
gemeinen Kranken- und Armenhauses. Immerhin wird 
man dabei die Praxis beobachtet haben, die unver 
dächtigen Kranken und die alten Stadtangehörigen im heiligen 
Geist-Hospitale unterzubringen, während die mit verdächtiger 
oder ekelhafter Krankheit Behafteten sowie die hilfsbedürftigen 
Fremden in das mehr entlegene Hospital vor dem Oderberger 
Thor geschafft wurden. 
Das alte Georgenkirchlein war, wie sich aus einer in 
Privatbefitz befindlichen uralten Zeichnung- und Beschreibung 
ergiebt, ein schmuckloser, einschiffiger Bau, im Innern über 
spannt mit einem Netzgewölbe, wie wir es noch jetzt in der 
alten, leider recht verwahrlosten h. Geistkirche bewundern 
können. Der in Stein ausgemauerte Hochaltar trug ein 
steinernes Tabernakel, eine große Seltenheit in damaliger 
Zeit, und darüber in kunstlosem, aber färben- und gold 
prangendem Schnitzwerk die Darstellung des h. Georg, wie 
er den Drachen tötet; in den Wolken erscheint Christus, die 
Kreuzfahne in der Linken, die Rechte zum Segen erhoben. 
Links war eine Verkündigung Mariä, rechts Christus am 
Oelberge, auf der Höhe des Ganzen ein von Strahlen um 
gebenes Kreuz. Nach alten Nachrichten hatte die kleine Kirche 
außer diesem Hochaltar noch zwei Seitenaltäre, von denen 
der eine „ad matrem dolorosam“ hieß. Das Aeußere ent 
behrte ebenfalls jedes Schmuckes und war etwas unregel 
mäßig, namentlich auch in den Anlagen der Fenster. Das 
wenig steile Dach trug einen Dachreiter mit Glocke. Eine 
Mauer schloß fich an die Westseite an, hier nur den Haupt 
eingang frei laffend. An diesem ursprüglichen Bau ist schon 
Ende des 17. Jahrhunderts eine Erweiterung, wahrscheinlich 
durch Anbau eines Seitenschiffs nach Norden hin, vorgenommen 
worden. Eine abermalige Erweiterung erfolgte in den Jahren 
1704 und 1705. Die Kirche wurde jetzt um die Hälfte ver 
längert und erhielt eine Sakristei, dazu ein Gewölbe zur 
Aufnahme von Leichen. Auch wurde ihr von einem gewissen 
Döhler eine Kopie der Kreuzesabnahme von Rubens ge 
schenkt. Im Jahre 1712 wurde mit dem Bau des Turmes, 
der fich bis vor kurzem erhalten hat, begonnen. In ihm 
wprde die alte, noch aus katholischer Zeit stammende Glocke 
des Dachreiters aufgehängt; sie wog lV 4 Zentner. Am 
5. Juli 1717 fuhr der Blitz in den neu erbauten Turm, 
glücklicherweise, ohne zu zünden. Wie die Kirche seit der Er 
richtung des Turmes aussah, zeigt uns das Bild auf S. 232. 
Inzwischen hatte fich auch die Bestimmung der Kirche 
vollständig geändert. Sie war aus einer Spitalkirche eine 
Pfarrkirche geworden. Schon im Laufe des 16. Jahr 
hunderts hatten fich immer mehr Leute in der Nähe der Kirche 
angefiedelt. Nach und nach war eine vollständige Vorstadt 
dort entstanden, deren Bewohner sich mit Vorliebe an dem 
Gottesdienst in dem Georgen-Kirchlein beteiligten. Mit aus 
diesem Grunde wurde wahrscheinlich im Sommer bei gutem 
Wetter der Gottesdienst häufig auf dem von Baumen be 
schatteten Kirchhof abgehalten. Das kleine Kirchlein wird die 
Menge der Kirchenbesucher nicht haben fassen können. Im 
Laufe des 17. Jahrhunders dehnte fich die Vorstadt vor dem 
Oderberger Thore immer weiter aus. Das Gleiche war mit 
den Vorstädten vor dem Spandauer- und dem Stralauer 
Thor der Fall. Alle Bewohner dieser Vorstädte sahen 
fich. was Teilnahme am Gottesdienst und Amtshandlungen 
anbetraf, vornehmlich auf die Spitalkirche zum h. Georg 
angewiesen. Es ist darum auch erklärlich, daß sie je länger 
je mehr auf die Bestallung eines eigenen Predigers und da 
mit auf dieBildung eines neuenPfarrsprengels drangen. Infolge 
dieser Bitten reskribierte Kurfüist Friedrich III. alsbald nach 
seiiierThronbesteigung an die Wirklichen GeheimenHof-Legations- 
und Konfistorialräte von Fuchs und von Flemming, die fich 
der Sache mit besonderem Eifer angenommen hatten, fol- 
gendermaßen: 
„Aus dem Beschlusse habt Ihr zu ersehen, wasmaßen die 
sämmtlichen Einwohner der drei Vorstädte allhier vor Berlin 
um Bestallung eines eigenen Predigers unterthänigst gebeten. 
Nun erinnern wir nns zwar, was das Ministerium in Berlin 
dawider, als wenn ihnen an ihren Accidenzien dadurch was 
abgehen würde, unterthänigst eingegeben. Als dieweil aber 
sowohl die in denen Vorstädten, sonderlich im Winter, da des 
Abends um 4 Uhr die Thore geschloffen, des Morgens um 
8 Uhr erst geöffnet, wegen der Kranken, Sterbenden, auch 
der jungen kranken Kinder, deren Eltern sie gerne vor Ab 
sterben getauft sehen möchten, hierunter gefährdet würden, 
und daher in diesem Falle mehr auf das interesse publicum 
als einiger raentger privatorum zusehen ist: Als committieren 
und befehlen wir Euch gnädigst, das Berliner Ministerium 
vor Euch zu bescheiden, Ihnen hierunter gebührende Weisung 
zu thun, und dabei anzudeuten, wie daß Wir gnädigst resolviri, 
daß ein eigener Prediger in denen Vorstädten,' welcher in der 
sogenannten Hospital - Kirche vor dem St. Georgen - Thore 
predigen soll, von dem Rath in Berlin bestellet und unter 
Dreien, welche deshalb eure Probe-Predigt zu thun haben, 
derjenige welcher die besten Gaben hat, und von der Gemeinde 
beliebt wird, zum Prediger vociret und confirmirt werden solle." 
Dadurch kam es im Jahre 1689 zur Bildung einer 
eigenen Gemeinde für die genannten Bezirke, der sogen. 
St. Georgen-Gemeinde. Nicht lange aber, und die Seelen 
zahl dieser neuen Gemeinde war bereits derart gewachsen, daß die 
Abzweigung der Spandauer Vorstadt erfolgen mußte. Schon 
im Jahre 1712 wurde hier die Sophien-Gemeinde begründet. 
Trotz dieser Abzweigung erwies fich die Kirche unter Friedrich 
dem Großen abermals zu klein, so daß man an einen Neu-
        
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