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Periodical volume 14. Mai 1898, No. 20

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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wicht der traurigen Last. Und bei alledem drang von fernher, ! 
aus der Richtung, wo sich das von der Familie Cheronne 
verlassene Wohnhaus befand, ein wüster Lärm herüber. 
Dort schwelgten nun schon seit drei Nächten in dem vor 
gefundenen Ueberflusse sämtliche Anführer der in Names ein 
quartierten Dragoner nebst Priestern und Soldaten und feierten 
das glorreiche Ereignis der Aufhebung des Edikts von Nantes, 
das im Straßburger Münster unter dir Großthaten der Ge 
schichte eingereiht werden sollle. 
Endlich waren die Träger mit der Leiche an Ort und 
Stelle angelangt. Ihr Fuß betrat einen mit Epheu über 
wucherten und von immergrünen Eichen beschatteten Platz. 
Camille Cheronnes jugendliche Gemahlin hatte diesen 
etwas erhöht gelegenen Ort besonders geliebt. In ihrer 
kurzen, glücklichen Ehe war sie oft an der Seite des Gatten 
oder mit ihren beiden kleinen Kindern dort oben erschienen 
und hatte voll Glück und Stolz auf ihr ausgedehntes Be 
sitztum, den prächtigen Park, das stattliche Wohnhaus und 
die umfangreichen Baulichkeiten der Seidenweberei, hinab 
geschaut. Auch die anmutige Umgebnng von Names und die 
Stadt selbst konnte man von hier aus überblicken. Wie oft 
hatte das schönheitskundige Auge der jungen Frau die herr 
lichen Formen des Oktogons aus dem Mont Cavalier von 
dieser Höhe aus bewunden! 
Nun ruhte sie selbst schon so lange dort unter der 
kühlen Erde. und ihr von Epheu überrankiec Grabhügel war 
unter der üppig wuchernden grünen Last kaum mehr zu 
erkennen. Der geliebte Gatte sollte an ihrer Seite die letzte 
Ruhestätte finden. 
Es war Helmut Derenthals Absicht, das dichte Laub 
werk nur so weit als nötig zu entfernen, dann das Erdreich 
sorgsam herauszuheben und schließlich, nach der Bestattung, 
das Epheu wieder unversehrt an Orc und Stelle zu legen, 
so daß cs ungestört weitergrünen könne. 
Niemand, der diesen stillen Platz betrat, sollte ahnen, 
daß hier eine zweite menschliche Hülle ihre Ruhestätte gefunden. 
Jaques hatte auf Derenthals Veranlassung eine kleine 
Blendlaterne mitgebracht, die ihnen für die traurige Arbeit 
das erforderliche Licht geben sollte. Wurden sie unvermutet 
bei derselben gestört, so konnte die Laterne sofort verdeckt 
werden, und die Totengräber konnten im Dunkel der Nacht 
eiligst verschwinden. Das Mitbiingen der Laterne erwies sich 
als unnötig. Camille Cheronnes Bestattung sollte von ge 
waltigeren Flammen beleuchtet werden. Die beim Mahle 
schwelgenden Glaubenshclden hatten ein Freudenfeuer angc- 
zündct, wie es ihre von dem starken südfranzösischen Weine 
erhitzten Köpfe nicht prächtiger ersinnen und ihre gierigen Blicke 
cs sich nicht großartiger wünschen konnten. 
Die alte Seidenmühle, der Stolz und die Freude ihrer 
Besitzer, stand samt allen Nebengebäuden in Flammen. So 
eben brach eine Feuersäule zu dem hohen Tachstuhle heraus 
und lohte in den dunkeln Nachthimmel hinauf. Bald leckten 
auch aus allen Fenstern die roten Feuerzungen hervor. 
Entsetzt von dem Anblick, standen die beiden treuen 
Männer da. Den entseelten Besitzer dieser in Flammen auf 
gehenden Herrlichkeit hatten sie auf den grünen Teppich 
n edergelegt. 
(Fortsetzung folgt.) 
Der Werbellin. 
Von vr. H. Böttger. 
(7. Fortsetzung). 
Kein Wunder ist es. daß die Fürsten, die in derMarkBranden- 
burg herrschten, die große Werbelliner Heide mit ihrem Wildreich 
tum stets bevorzugten. Das läßt sich nachweisen von den Anhal 
tinern, von den Hohenzollern, sogar von den Bayern, die ja 
nur eine kurze und noch dazu unruhige Zeit in der Mail 
regierten, und denen gewiß treffliche Jagden in den Alpen zu 
Gebote standen. Die Jagdschlösser Werbellin und Breien ver 
raten uns die Vorliebe der Anhaltiner für diesen schönen Fleck 
Erde; Groß Schönebeck, Giimnitz, Hubertusstock find von den 
Hohenzollern bevorzugte Plätze. 
Bei den Anhaltinern war Fürsorge getroffen, daß die 
magna merica Werbellin trotz aller sonstigen Teilungen 
gemeinsamer Besitz blieb und nie geteilt werden durste. Seit 
dem Jahre 1273 sind dort eine Reihe von Urkunden aus- 
gestellt. Datum oder aetum eb datum in Werbellin, apud 
Werbellinum, super Werbellinum, up deme Werbeline, 
bie dem Wirweline uf der Heide, so schließen diese Anhaltiner 
Urkunden. Die erste, am 8. September 1273 ausgestellt, 
enthält die Erlaubnis zur Verlegung des Marienklosters von 
der Insel im Paarsteiner See nach Chorin und lautet in 
deutscher Uebersetzung: „Die ehrwürdigen und achtbaren 
Männer, die Aebte des Cistercienserordens, der Abt Heinrich zu 
Lenya, der Abt Hermann zu Colbatz und der Abt Heinrich der 
neuen Pflanzung zu Koryn sind mit den übrigen Brüdern jenes 
Ordens vor uns erschienen und baten demütig und flehentlich, 
daß die von den erlauchtenFürsten, Herrn Johann, unserm Vater, 
und Otto, unserm Oheim, auf einer von dem See Parstein um 
flossenen Insel gegründete Abtei wegen vieler, den Brüdern 
lästigen Unbequemlichkeiten nach einem passenderen Ort verlegt 
werden möchte. In Betracht dieser demütigen Bitte und der 
mannigfachen Nachteile für die Inwohner jener Abtei haben 
wir, nicht aus Leichtsinn, sondern auf wohlerwogenen Rat 
verständiger Männer geistlichen und weltlichen Standes, die 
Verlegung gedachter Abtei Mariensee nach dem von dem See 
Korin umflossenen Ort. welcher von alten Zeiten her der 
Abtei gehörte, beschlossen. Wir sind der Meinung, daß die 
Abtei nach verändertem Orte den allen Namen Mariensee 
auch in den von Koryn umwandele." 
Die schönste Zeit sah jedenfalls das Schloß Werbellin 
(das. wie anfangs gesagt ist. da stand, wo sich heute die 
Askanierburg erhebt) unter den Markgrafen Otto IV. mit dem 
Pfeil (1268—1308) und Waldemar (1303—1319). Be 
sonders Otto mit dem Pfeil, dieser prachtliebende Fürst und 
Minnesänger, hielt sich mit seiner Gemahlin Heilwig viel hier 
und in Grimnitz auf. Aus dieser Gegend kam dem Mark 
grafen auch Hilfe, als er gefangen in Magdeburg schmachtete, 
denn der alte Johann von Buch auf Slolp zeigte Ottos Ge- 
mahlin Heilwig in der Mauer der Angermünder Kirche die 
Truhe, deren Inhalt ihn befreien sollte, und die man noch 
heute in Angermünde zeigt. 
Um die gewiß oft zahlreichen Gäste der Markgrafen, 
besonders aber deren Gefolge zu beherbergen, dazu diente 
das kleine Schloß Breien. Ausgestellt sind daselbst drei 
Urkunden. Am 24 Juli 1311 verkauft Markgraf Waldemar 
die Schlösser und Städte Danzig. Dirschuu und Schwetz mit
        
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