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Periodical volume 7. Mai 1898, No. 19

Full text: Der Bär Issue 24.1898

Alle diese Gedichte Ramlers find heute so gut wie ver- 
geffen.. Eine Ausnahme bildet die geistliche Kantate: „Der 
Tod Jesu", welche Ramler 1754 auf Veranlassung der 
Prinzessin Amalie, der Schwester Friedrichs des Großen, dichter, 
und welche in der Komposition Karl Heinrich Grauns am 
26. März 1755 im Dom zu Berlin zum ersten Male unter 
Leitung des Hofkomponisten Agricola aufgeführt wurde. 
Agricola, seine Frau und seine Schwester Moltani, sowie der 
Baritonist Wreden sangen die Soli, der ganze Hof war zu 
gegen. und das Werl machte einen solchen Eindruck, daß es 
alljährlich zur Passionszeit in einer der Hauptkirchen Berlins 
aufgeführt worden ist und viele Tausende von Herzen erbaut 
hat (siehe Blumner, „Geschichte der Singakademie, Seite 5). 
Ist dieser dauernde Erfolg natürlich auch in erster Linie der 
Graunschen Musik zuzuschreiben, so hat doch der würdige Text 
Ramlers, für den er von der Prinzessin Amalie ein Honorar 
von 300 Thaler erhielt, seinen Anteil an demselben. Ter 
Text ist durch die alljährlichen Aufführungen der Kantate so be- 
kannt geworden, daß ein näheres Eingehen auf denselben 
überflüssig erscheint. Tie Recitative schließen sich inhaltlich 
eng an die Bibel an und enthalten die Erzählung des Neuen 
Testaments mit Betrachtungen aus den Psalmen. Die rein 
lyrischen Teile, Arien, Choräle, Duette find von der Bibel inhalt 
lich unabhängiger, atmen jedoch den Geist derselben. Ramler 
dichtete noch zwei geistliche Kantaten: im Jahre 1757 „Die 
Hirten bei der Krippe" für den Hofkomponisten Agricola 
und im Jahre 1760 „Die Auferstehung und Himmel 
fahrt Jesu" für Telemann in Hamburg. Von Ramlers 
weltlichen Kantaten seien hier genannt: die Davidische Kan 
tate auf Friedrich Wilhelm II. und die Singspiele „Cephalus 
und Prokris" (1778) und „Cyrus und Kassandane" 
(1784). Tie Davidische Kantate ist eine Zusammenstellung 
von Psalmstellen; den Singspielen fehlen dramatisches Leben, 
packende Charakteristik und Wärme der Empfindung. 
Eine ganz eigenartige Thätigkeit, die ihm viele Anfeindung 
zuzog, entfaltete Ramler in der Verbesserung von Werken 
anderer Autoren. So weit die Verbesserung mit Wissen und 
auf Wunsch derselben geschah, wie bei Lessings „Minna von 
Barnhelm" und deffen „Nathan", konnie ihm natürlich niemand 
einen Vorwurf daraus machen. Ramler „verbesserte" aber 
auch, ohne daß die Autoren es wußten oder wollten; so gab 
er 1753 und 1755 „Oden mit Melodien" heraus (die 
letzteren lieferte der ihm befreundete Komponist Christian 
Gottfried Krause), eine Sammlung, in welcher er Lieder 
von Hagedorn. Gleim, Uz u. a. ganz willkürlich — „der 
besseren Musik wegen" — umgestaltet halte; im Jahre 1761 
erschienen Lichtwers auserlesene Fabeln zur peinlichen Ueber- 
raschung des Verfassers in einer von Ramler verballhornifierten 
Ausgabe; Geßners Idyllen setzte er in Verse um, in 
mehreren Anthologien veränderte er die Lieder. Fabeln und 
Erzählungen verschiedener Verfasser ganz willkürlich. Die 
Werke verstorbener Autoren waren seiner Verbesserungssucht 
in besonderem Maße ausgesetzt; so erschienen die Werke 
E. von Kleists 1760 in einer von Ramler willkürlich ver 
änderten Ausgabe; die Sinngedichte Logaus gab er 1759 im 
Verein mit Lessing in modernisierter Form heraus. Diese 
Verbefferungssucht ist nach modernen litterarischen Begriffen 
ein verwerflicher Eingriff in das geistige Eigentum anderer, 
sie wurde auch von Ramlers Zeitgenossen vielfach als ein 
solcher betrachtet, obgleich z. B. Leffing (im 233. Litteratur- 
brief) sich zum Verteidiger der mit Lichtwers Fabeln vorge 
nommenen Veränderungen auswirft. 
Eine der erfreulichsten Seiten der litterarischen Thätigkeit 
Ramlers find seine Uebersetzungen aus antiken Klassikern. 
Als Uebersetzer hat Ramler bahnbrechend gewirkt; er kann 
als solcher direkt als Vorläufer von Joh. Heinr. Voß und 
A. W. Schlegel hingestellt werden. Er war der erste, der 
die schwierigen antiken Versmaße Zeile für Zeile wiedergab, 
so daß die Übersetzung die gleiche Z ilenzahl enthält wie 
das antike Original. Seine Uebersetzungskunst galt in erster 
Linie dem geliebten Horaz. Eine Auswahl aus deffen Oden 
erschien 1766, eine vermehrte Auswahl 1787; die gesamten 
Oden des Horaz wurden erst 1800 nach dem Tode Ramlers 
in einer zweibändigen Ausgabe veröffentlicht. Neben Horaz 
übersetzte der Dichter im Auszuge den Catull, den Anakre on 
und den Martial. Einen großen äußeren Erfolg erzielte 
Ramler mit der deutschen Bearbeitung von Batteux' ästhetischem 
Lehrbuch „Principe de la litterature ou cours de belles 
lettres“, die er unter dem Titel „Einleitung in die schönen 
Wissenschaften" 1756 -1758 herausgab, und die bis 1785 
vier weitere Auflagen erleb.e. Die neuen ästhetischen Grund 
sätze, welchen Leffing und Herder znm Siege verhalfen, ver 
drängten die Theorien Batteux' und mit ihnen die deutsche 
Bearbeitung seines Lehrbuches. 
Der äußere Lebensgang Ramlers, dem wir uns nun 
mehr wieder zuwenden, verlief äußerst einfach. Der Tichter 
blieb bis zum Jahre 1790, also 42 Jahre. Lehrer an der 
Kadetien-Anstalt. Seine bescheidenen Einkünfte suchte er durch 
öffentliche Vorträge aufzubessern, die er über Litteratur, Phi 
losophie und Ästhetik zuerst in seiner Wohnung*), dann in der 
Realschule hielt. Im Jahre 1786 wurde Ramler zum Mit- 
glied der Akademie der Wissenschaft ernannt, wodurch sich 
seine Einnahmen um 200 Thaler jährlich vermehrten. Friedrich 
der Große hatte von Ramler nie die geringste Notiz genommen. 
Der Dichter trachtete auch nicht nach einem Lohne von „seinem 
so herzlich besungenen Helden" und meinte, der König möge 
die belohnen, die ihr Leben für ihn gewagt. Als der große 
König das Zeitliche gesegnet, begrüßte Ramler den Nachfolger 
mit den ebenso begeisterten wie naiven Versen: 
„Triumph! Der leere Raum ist nun ausgefüllt, den Eines 
Großen Sturz im menschlichen Geschlecht zu lassen drohte. 
Nichts ist. Liebling des Himmels, dir unerreichbar." 
König Friedrich Wilhelm II. wurde nun von Ramler 
naiverweise, doch aus einem treuen patriotischen Herzen 
heraus, nicht aus Liebedienerei, mit demselben poetischen 
Enthusiasmus besungen, wie früher Friedrich der Große. 
Der neue Herrscher war dem Dichter wohl geneigt; er kannte 
ihn persönlich, hatte ihn als Prinz mehrfach besucht und rtch- 
tete wenige Tage nach seiner Thronbesteigung, am 27. August 
1786, folgende Kabinettsordre an Ramler: „Eure bekannte 
Verdienste um die Wiffenschaften haben meiner Aufmerksamkeit 
nicht entgehen können und Euch meinen Beifall erworben. 
Zugleich habe ich Euch aber auch meinen Estim dadurch thätig 
bezeigen wollen, daß ich Ordre gestellt habe, daß Ihr jährlich 
*) Ramler wohnte anfangs in der Neuen Friedrichitroße 23, im 
Hause des Brauers Hamans, später in der Alten Prästdentenstratze in 
des Geheimrats Caps Hause (Neue Promenade b)
        
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