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Periodical volume 8. Januar 1898, No. 2

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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In Sturm und Not 
Mit Dir ist Gott. 
O Heinrich, Prinz von Preußen, 
Du Mann von deutscher Art! 
Kein Zaudern und kein Säumen 
Bei Deines Kaisers Wort! — 
Das weckt wohl auf aus Träumen 
So manchen hier und dort! 
Noch lebt die alte Treue, 
Des deutschen Muts Genoß. — 
In Sturm und Not 
Mit Dir ist Gott, 
O Heinrich, Prinz von Preußen, 
Du Hohenzollernsproß! 
Dem Morgen lenkt entgegen 
Das Schiff nun Deine Hand. — 
Es fleht für Dich um Segen 
Das ganze Vaierland. — 
Du ziehst zu Deutschlands Ehre, 
Und wär' es auch zum Klieg! 
In Sturm und Not 
Behüt' Dich Gott! 
Er geb' Dir gute Heimkehr 
Und Deiner Meerfahrt Sieg! 
In Kerlin vor sechzig Jahren. 
Von Georg Bormann. 
(1 Fortsetzung.) 
Es ist kein Zweifel, was wir in diesen Aufzeichnungen 
von dem Siadtbtlde vernehmen, läßt kaum hin und wieder 
die Ahnung von den gewaltigen Veränderungen erwachen, die 
in dem Zeitraum der letzten zwei Menschenalter Berlin durch 
gemacht. Das kann nach der Seite des äußeren Bildes kaum 
anders sein. Der Fremde fleht zunächst nur einen begrenzten 
Teil der Stad!. Er fleht diesen auch nur in seinen großen 
Linien, in Bezug namentlrch auf seine monumentalen Ge 
bäude. Nennt er die Namen „Unter den Linden, Friedrich 
straße. Leipzigerstraße", so verbindet die gegenwärtige 
Generation unwillkürlich die heutigen Vorstellungen damit. Der 
Frankfurter oder auch ein anderer Fremde von 1833 oder 34, 
der auf sechs oder acht Wochen nach Berlin kommt, ist nicht 
die geeignete Persönlichkeit, unseren Wünschen nach dieser 
Seite hm gerecht zu werden. Ec vermag es eben nicht. Hier 
muß jemand eintreten, der die Umgestaltungen und Um 
wälzungen der letzten Dezennien mit erlebt hat, der das Bild 
der alten Stadt mit dem gegenwärtigen auch bis in die 
Emzelheit vergleichen kann, der die Veränderungen des 
Privatbaus, der öffentlichen Einrichtungen, des Straßenlebens, 
der Umgebung der Stadl zu würdigen welß. 
Das Berlin am Ende der vierziger Jahre wird nur 
wenig Veränderungen zeigen gegen das Berlin am Ende der 
dreißiger Jahre. Aber rapid und in immer steigender Pro- 
gresflon hat fich die Stadt in den letzten fünfundzwanzig Jahren 
umgestaltet, sowohl was ihre Physiognomie als was ihre 
Ausdehnung betrifft. Wir wollen einmal nur einen kleinen 
Versuch machen, uns daran zu erinnern, was wir uns fortzu 
denken haben, um einigermaßen mit den Augen unseres Dr. 
Bormann zu sehen. 
Die Stadt war noch mit einer Ringmauer umgeben. Wo 
fich heut, nach ihrem Fall, die breite, luftige Königgrätzerstraße 
hinzieht, liefen hinter der Mauer vom Brandenburger Thor 
bis zum Halleschen die sogenannten Kommunikationen, ver- 
nachläsfigte Straßen mit wenig ansehnlichen Häusern, durch 
die dann in den fünfziger Jahren die Verbindungsbahn ging, 
die die westlichen mit den östlichen Bahnhöfen verband. Die 
Lokomotive hatte vorn ein Läutewerk, das sie bet Straßen- 
übergängen in Bewegung setzte. Die Züge waren für ge 
wöhnlich nur Güterzüge; bei Anwesenheit russischer Herrschaften 
und bei Mobilmachungen wurden auch Hof- und Militärzüge 
eingestellt. 
Aber solche durchgreifende Veränderungen wie hier, die 
oft ganz neue, die Weltstadt energisch ankündigende Bilder 
geschaffen haben, hat Berlin seit der Anwesenheit unseres 
Frankfurter Gastes an vielen Punkten erfahren. Ich will den 
Leser nur auf einige derselben stellen, um ihn an den Gegen 
satz des Gewesenen und Gewordenen zu erinnern. 
Die einschneidendste Veränderung Berlins im wahrsten 
Sinne des Worts hat gewiß die Stadt- und Ringbahn be 
wirkt. Ich wüßte nicht, wo man den Puls des großstädtischen 
Getriebes mehr fühlen könnte, als bei einem Aufenthalt von 
zehn Minuten in der großen Ein- und Ausfahrtshalle des 
Bahnhofs „Friedrichstraße." Aber wie fortgewischt find z. B. 
auch durch die in eins verschmolzenen Terrains der Pots 
damer und Anhaller Bahn jene idyllischen Kohl- und Kartoffel 
felder, durch die man noch zu Anfang der fünfziger Jahre 
pilgerte, um dann über das nun abgetragene „Gebirge" nach 
Schöneberg zu gelangen. Auch von der Weite gewisser Bilder, 
die selbst den Einheimischen immer wieder fesseln, so oft er sie 
auch fleht, hatte man zur Zeit des Berlins Friedrich 
Wilhelms III. nicht die leiseste Ahnung. Was würde ein 
Bürger der damaligen Zrit sagen, wenn man ihn plötzlich 
die Ueberbrückung des Humboldihafens. die benachbarte Straße 
Alt-Moabit, wo sie die darunter liegenden Rangier-Bahnhöfe 
überschreitet, oder die Eisenbahn-Terrains bei Station Haleu- 
see übersehen lassen könnte? 
Nun aber vergegenwärtige man fich auch, welche Umge 
staltung die Stadt im einzelnen tm Lauf von sechzig, insbe 
sondere der letzten dreißig Jahren durch den Bau von 
Monumental- und Privalbauien erfahren hat. Eine wie große 
Anzahl von Ministerien, Reichsämtern. Hochschulen, Museen, 
Kirchenbauten, militärischen, medizinischen und anderen Siaats- 
und städtischen Unterrichtsanstalten ist in diesem Zeitraum 
erstanden; dazu kommen eine stattliche Reihe neuer und groß 
artiger Hotels. Bankgebäude. Kaufhäuser; nicht zu gedenken 
der ganz andere Anforderungen als früher befriedigenden 
Bier- und Kaffeehäuser. Selbst der Spreelauf, sonst keine 
Glanzseite Berlins, stellt sich, nach seiner Regulierung, durch 
Ufer- und monumentale Brückenbauten großstädtisch dar, so 
daß sogar Torpedoboote der kaiserlichen Marine es nicht ver 
schmähen, bis in das Herz der Stadt zu kommen und fich den 
Berlinern vorzustellen. 
So wird sich jedes Lesers Phantasie auch jene Haupt 
adern städtischen Verkehrs, die wir schon mit unserem Reffenden 
berührten — die Leipziger Straße, die Friedrichstraße, die 
Straße Unter den Linden — viel einförmiger und nüchterner 
vorstellen müssen als heute. Bei seiner Abfahrt von Berlin 
bemerkt der Reisende zu seinem alten Postkondukteur, den er
        
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