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Periodical volume 30. April 1898, No. 18

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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stärksten Hirsch der Schorfheide, einen ungeraden 22Ender zur 
Strecke. Derselbe hatte unaufgebrochen nur ein Gewicht von 
275 Pfund, aufgebrochen von 200 Pfund, das Geweih, das 
eine Auslage von voll 1 Meter hatte, wog nur 10 V4 Pfund. 
Aehnlich ergiebt fich für die übrigen in Rominten erlegten 
Hirsche ein erheblich höheres Durchschnittsgewicht, als für die 
Schorfheide. Dennoch tragen die Hirsche unserer Heide Ge 
weihe bis zu 14 Pfund Gewicht und Auslage bis 1,20 Meter, 
die Länge der Stangen erreicht 1,10 Meter, der Umfang der 
Rose 27 Zentimeter. Standort dieses Wildes ist ungefähr 
das Gehege^Schorfheide, mit Ausnahme des östlich des Wer» 
bellin-Sees gelegenen Teiles, die Oberförstereien Groß-Schöne- 
beck, Reiersdorf und Zehdenick, mit Ausnahme eines kleinen 
Teiles an den äußersten Grenzen. Man hat diesen Unter, 
schied des Wildes wohl auf die geringe Bewegungsfähigkeit 
der Hirsche in der Schorfheide zurückgeführt. Die unum 
schränkte Bewegungsmöglichkeit ist allerdings seit dem Jahre 
1889 ausgeschlossen, trotzdem geht der Wildstand nicht zurück, 
sondern entwickelt fich bei der angemeffenen Behandlung, 
welchen derselbe auf Allerhöchsten Befehl erhält, nach jeder 
Richtung hin vorteilhaft, ebensowenig kann wohl bei einem 
Gehege von 140 000 Morgen von einem beschränkten Wechsel 
gesprochen werden. 
Der Kräftcverbrauch, den das Wiederaufsetzen des Ge 
weihs beansprucht, hat Anfang August aufgehört, und „das 
Fleisch fliegt den Tieren an", wie ein alter Thüringer Wald- 
warr zu sagen pflegt. Feist und lebenskräftig treten Hirsch 
und Tier in die Brunstzeit, die von Mitte September bis 
Mitte Oktober währt. Ein eigentümliches Konzert beginnt 
in dem sonst stillen Walde, das dem. der es vernommen, 
immer unvergeßlich sein wird. Der Hirsch schläft und äst 
während der Brunstzeit fast gar nicht, die Sorge um die von 
ihm zusammengetriebenen Tiere, seine Eifersucht und seine 
Kampfbegier lasten ihm bei Tag und Nacht keine Ruhe. 
Jetzt gilt es einen Kampf auf Leben und Tod mit einem 
gleichalterigen Nebenbuhler. Wie in einer Arena drehen fich 
die Kämpfenden im Kreise herum, weithin schallen die Töne 
der fich treffenden Stangen, ähnlich wie auf einer Studenten 
mensur das Klappen der fich kreuzenden Klingen. Dann 
wieder muß allerlei geringes junges Volk, das sich in ver 
dächtiger Nähe umhertreibt, müssen die Beihirsche und Schneider 
abgetrieben und eine Strecke weit verfolgt werden. Immer 
wieder tönt die Herausforderung des Platzhirsches zum Kampf, 
sein Orgeln tönt durch den dunklen Wald, um so tiefer, je 
stärker der Hirsch. An nebeligen Tagen schallt es schauerlich 
schön; an stilleu Herbstabenden begleitet es den Wanderer 
ganze Strecken durch den schweigenden Wald. 
(Fortsetzung folgt.) 
\ Karl Wilhelm limitier. 
Zur Erinnerung an die 100. Wiederkehr seines Todestages. 
(11. April 1798.) 
Von Richard George. 
„Ich will lieber an der geringsten von Ihren Oden 
schuld sein, als ich weiß nicht was selbst gemacht haben. Und 
ich will hoffen, daß mir es die Nachwelt auch höher anrechnen 
wird." Diese überschwänglichen Worte schrieb kein Geringerer 
als Gotthold Ephraim Lessing an Karl Wilhelm 
Ramler, den „deutschen Horaz". Die Nachwelt hat fteilich 
anders geurteilt; sie hat den Berliner Sprachmeister und 
Verskünstler, trotzdem seine Verse „die vollendetsten in deutscher 
Sprache" gewesen find, so gut wie vergessen. Wer liest heute 
noch Ramlers Oden? Wer kennt von ihm mehr als den Namen? 
Aus dieser Unkenntnis ist auch niemand ein Vorwurf zu 
machen; denn Ramlers Poesien find lediglich Verstandeswerk; 
er war kein Dichter, dem die Poesie aus dem Herzen quoll, 
sondern ein begabter Verskünstler, dessen Sprachgefühl bei 
den Zeitgenoffen im höchsten Ansehen stand, und dem selbst 
Lessing seine „Minna von Barnhelm" und seinen „Nathan" 
zur Durchsicht anvertraute, um diese Werke im Ausdrucke 
durch die Feile des Freundes verbessern zu lasten. 
Sind die Verdienste Karl Wilhelm Ramlers um die 
deutsche Liiteratur mithin auch nicht von grundlegender Be 
deutung, so darf doch der 100. Todestag des „deutschen 
Horaz", des Freundes von Gleim und Leffing, des begeisterten 
Barden Friedrichs des „Einzigen", wie Ramler 1763 Friedrich 
den Großen zuerst nannte, nicht unbemerkt vorübergehen, und 
es ist eine Ehrenpflicht des „Bär", in seinen Spalten des 
Mannes zu gedenken, der, ein glühender Vaterlandsfreund, 
den großen König begeistert besungen hat. und der von 
1748-1798 im Mittelpunkte des Berliner litterarischen Lebens 
gestanden hat. — 
Karl Wilhelm Ramler wurde am 15. Februar 1725 
zu Kolberg geboren, wo sein Vater Accise-Jnspektor war. 
Der Vater war ein nüchterner, pedantischer und strenger 
Mann; aber er ließ seinen Söhnen eine gediegene Schulbil 
dung zu teil werden. Da ihm die Kolberger Schulen nicht 
genügten, mußte der Knabe die Vaterstadt und das Vaterhaus 
frühzeitig verlassen. Von 1736—1740 war er Zögling des 
Schinmayerschen Waisenhauses in Stettin, von 1740—1742 
des berühmten Waisenhauses in Halle. „Die Lust zu fabu 
lieren" war in Ramler, der schon als zehnjähriger Knabe 
Verse gemacht, so stark, daß er nur mit Widerstreben dem 
Gebote des Vaters gehorchte und fich 1742 bei der theolo 
gischen Fakultät der Universität Halle immatrikulieren ließ. 
Der gewissenhafte Vater sah ein, daß sein Sohn bei seinen 
freien religiösen Ansichten nicht zum Theologen taugte, und 
berief ihn nach Kolberg, das er im März 1745 erst verlassen 
durfte, nachdem er fich zu einem anderen Brot-Studium, dem 
der Medizin, entschlossen hatte. Auf der Reise nach Halle 
hatte er in Berlin das Glück, Gleim kennen zu lernen, dem 
der junge Mann klagte, daß er Medizin studieren solle, während 
sein Herz ihn mit allen Fasern zur Poesie und Litteratur 
ziehe. Das reiche geistige Leben das fich nach der Thronbe 
steigung Friedrichs II. in Berlin entwickelte, die Bekanntschaft 
mit Gleim und anderen Litteraten waren zu verlockend. Ramler 
ließ fich in Berlin feffeln. besuchte, um vor dem Vater eine 
Entschuldigung zu haben, anfangs das collegium anatomicum, 
trieb aber in der Hauptsache poetische und litterarische Studien. 
Gleim nahm fich des talentvollen jungen Mannes an, und 
da er ihm nicht gleich eine Anstellung verschaffen konnte, 
schickte er ihn 1746 als Hauslehrer zu seiner ältesten Schwester 
nach der Domäne Lähme bet Werneuchen. Hier blieb er un 
gefähr ein Jahr, mußte dann in einer anderen Stelle ein 
weiteres halbes Jahr auf der „Galeere" als Hauslehrer aus 
halten, bis es ihm endlich gelang. 1748 eine Stelle als 
maitre de la philosophie an der Schule des Kadettenkorps 
zu erhallen.
        
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