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Periodical volume 23. April 1898, No. 17

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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tektor des Rennsports. In Primkenau richtete sich sein Augen 
merk auch bald auf den Bau eines neuen Fürstenschlosses, da 
das alte Schloß nicht mehr geräumig genug war. Zunächst 
wurde das benachbarte Prinzenpalais in ein größeres statt, 
liches Gebäude umgewandelt. Gleichzeitig trat an die Stelle 
eines früheren Gasthauses eine künstlerisch ausgestattete Schloß- 
kapelle. An Stelle der früher durch den Schloßhof führenden 
westlichen Einfahrtsstraße zur Stadt wurde eine den Schloß. 
Hof umgehende neue angelegt. Zuletzt erhob sich an Stelle 
des von Herzog Christian August in normannischem Stil er 
bauten Schlosses ein neues Schloß in deutschem Stil, ein 
wahrer Edelstein unter den Schlössern Schlesiens. Wer Schloß 
Reinhardsbrunn in Thüringen kennt, das bekanntlich den 
Verwandten der hohen Braut des Herzogs Ernst Günther, 
der Prinzessin Dorothea von Koburg, gehört, der wird zwischen 
diesem und Schloß Primkenau manche frappante Aehnlichkeit 
herausfinden. Hier wie dort spiegelt sich das Schloß mit seinen 
Erkern und Söllern, mit seinen Zinnen und Thürmen in 
dem klaren Wasser eines Teiches, der es von den Parkanlagen 
trennt. Stattliche Bäume, blühende Boskelts, saftgrüne Wiesen, 
kunstvoll verschlungene Wege, duftende Blumen, traulicher 
Friede erinnern hier wie dort an Reinhold Neuhaus' Worte: 
Wenn Rosen blüh'n und duften rings im Thal, 
O unter grünen Blättern ruh' einmal! 
Nach all' dem Treiben, all' dem Weltgewühl 
Wie thut so wohl ein still, ein fromm Gefühl. 
Wie friedlich all' die Blütenbäume steh'n, 
O. ihren Frieden laß' in's Herz dir weh'n! 
Schau jeder Blume tief nur auf den Grund, 
War deine Seele krank, sie wird gesund. 
In der Nähe des SchlosieS wird ebenfalls hier wie 
dort hinter Umzäunung braunäugiges Reh- und Dammwild 
gehegt. Die. beiden Türme, welche Schloß Primkenau flau, 
kieren. weichen freilich von den beiden Türmen ab, welche 
an den beiden Enden der Hauptfacade von Schloß Reinhards- 
brunn stehen. Letztere find noch aus dem alten Bau ge- 
blieben und mit neuen Zinnen gefaßt, um die Söller zu 
tragen, auf die man aus den Eckzimmern deS zweiten Stock 
werks heraustritt. Schloß Primkenau hingegen wird von 
einem großen und kleinen Turme flankiert, von denen der 
erstere den prächtigen Mufiksalon mit den Wohnzimmern des 
Herzogs darüber und der letztere unten das Portal und hoch 
oben das Spielzimmer mit dem Altan enthält, der rings um 
den Turm führt, von dem man nach allen Seiten hin eine 
entzückende Aussicht hat. In beiden Schlösiern find die Stock- 
werke sonst ziemlich gleich eingeteilt und auch ähnlich glanz 
voll dekoriert. In Primkenau befinden sich im Erdgeschoß, 
an den großen Turm mit seinem Mufiksalon anschließend, 
vor allem noch der Speisesaal und das Arbeitszimmer des 
Herzogs. Das Stockwerk darüber enthält ebenfalls Räume, 
die für den eigenen Gebrauch des Herzogs und seiner Ge 
mahlin bestimmt find. Darüber erstreckt sich dann, sozusagen, 
das Heiligtum des Hauses, der Glanzpunkt der Wohnungen, 
die dem Kaiser und seiner Gemahlin vorbehalten find. Für 
Schwester und Schwager ist so ein trautes und herrliches 
Heim mit wundervoller Ausstattung geschaffen, und wenn die 
Kaiserin mit ihren Söhnen aus den Fenstern des Frauen- 
gemachs blickt, dann wird man unwillkürlich der Worte 
Sckillers aus keiner ..Braut von Messina" aedenken: 
Schön ist der Mutter 
Liebliche Hoheit 
Zwischen der Söhne feuriger Kraft — 
Hoch auf des LebenS 
Gipfel gestellt 
Schließt sie blühend den Kreis des Schönen. 
Mit der Mutter und ihren Söhnen 
Krönt sich die herrlich vollendete Welt. 
Das neue Herzogsschloß Primkenau wurde nach eigenen 
Plänen des Schloßherrn und dem Entwurf des Baurats 
Ihne-Potsdam erbaut. In weißem Sandstein steigt es auf 
und oben schließt das rote Dach es ab, so daß es nach allen 
Seiten hin freundlich durch Wald und Au hervorblickt. 
Wie der Schwager des Schloßherrn, der deutsche Kaiser, 
seine Braut in Primkenau fand, als er als Jagdgast dort 
weilte, so hat auch Herzog Ernst Günther das Herzensbündnis 
geknüpft, als er im Sommer 1896 zur Jagd nach Schloß 
Ebenthal in Oesterreich zum Prinzen Philipp von Sachsen- 
Koburg und Goiha. dem österreichischen Feldmarschall-Lieutnant. 
gekommen war. Mit der am 30. Mai 1881 in Wien ge 
borenen Brailt fand zu Cannes in Südfrankreich am Tage 
vor dem Ostersonntag des vorigen Jahres die Verlobungs 
feier statt, und wenn Heuer der Sommer ins Land zieht, 
wird der Besitzer der Herrschaft Primkenau seine junge Gattin 
heimführen. Voraussichtlich wird dann eine stattliche Anzahl 
von Verwandten und Festgästen aus nah und fern in Schloß 
und Prinzenpalais von Primkenau einkehren. Und wenn 
dann die Kaiserin zur Einholungsfcier ihrer Schwägerin 
wiederum nach ihrem lieben Schlesien kommt, wird sie Prim 
kenau zum dritten Male nach ihrem Abschiede von dort 
wiedersehen. Im Herbst des großen Trauerjahres 1888 sah 
sie es zuerst wieder, und zwar zur Begründung einer Gemeinde 
diakonie mit Kleinkinderschule und Krankenpflege. Zum zweiten 
Male erschien die Kaiserin mit ihrem hohen Gemahl in 
Primkenau im Frühling des Jahres 1896. Sie verweilte 
damals 1 y 2 Stunde in der dortigen Kleinkinderschule der sie 
nach Neuerbauung derselben auf die Bitte des Superiaten- 
denten Jentsch den Namen Bictoria-Luisenschule gab. Fol 
gender von dem genannten Superintendenten gedichtete Fest- 
gruß wurde dabei von einem Kinde der genannten Schule 
aufgesagt: 
Hohe, holde Kaiserin! 
Nimm der Heimat Blümlein hin. 
Die wir Kinderlein Dir reichen, 
Die auch noch den Blumen gleichen. 
Herzensliebe, goldne Frau, 
Sei gegrüßt in Primkenau! 
Wo Du selbst als Kind beglücket 
Unsre Blumen hast gepflücket. 
Blumen liebst Du ja so sehr, 
Liebe Kinder noch viel mehr. 
Ja. wir möchten gern auf Erden 
Gottes liebe Kinder werden. 
Ach, das schönste Blümelein 
Muß wohl Dein Prinzeßchen sein. 
Dessen süßen, schönen Namen 
Wir von Deiner Huld bekamen.
        
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