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Periodical volume 8. Januar 1898, No. 2

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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gäriger im Laboratorium, sich angesiedelt haben —, so können 
wir unsere Geschäftsgeheimnisse in eitel Gold verwandeln. 
Sie participieren, teurer Helmut —" 
„Verzeihung, Monsieur Pierre, ich habe die Absicht, in 
Brandenburg, in meiner Vaterstadt Kölln an der Spree in 
Zukunft meine Kenntnisse zu verwerten. Wenn Sie mir 
dorthin folgen wollten —" 
Der kleine Franzose blickte überrascht auf. Es war das 
erste Mal. daß er eine derartige Aeußerung von seinem 
Chemiker vernahm. Er selbst hatte über eine solche Möglichkeit 
noch nie nachgedacht. Lachend rief er aus: 
„visu m’en preserve — nach Brandenburg? — Nie 
mals! — Im Lande der Barbaren — pardon, eher Derenthal, 
[— blüht uns kein Weizenfeld! — Ihr Kurfürst — seinen 
Namen in Ehren — mag ein großer Kriegsheld und ein 
kluger Staatsmann sein; von Herz und Gemüt wird man bei 
ihm sicherlich nicht viel antreffen —" 
„Er hat sich bereit erklärt, alle des Glaubens wegen 
Verfolgten, welche in seinen Staaten Zuflucht suchen, unter 
seinen Schutz zu nehmen und ihnen ein treuer Schirmherr zu 
sein. Er wird nicht verfehlen, dies zu geeigneter Zeit öffentlich 
-zu manifestieren!" 
„Sofern wir uns bereit finden lassen, Kurbrandenburg 
mit unserem guten Gelde zu bereichern oder seine Armee zu 
verstärken. 6s sont lä des motifs plausibles! Aber dazu 
dünken wir uns zu gut! Wir verlangen mehr, viel mehr, 
wenn wir uns entschließen, einen dauernden Wohnsitz in 
fremdem Lande für unsere herrliche Heimat einzutauschen. 
Dites moi, je vous prie: Ist er der Mann, Einwanderern 
zu gestatten, daß sie sich eine Kolonie gründen und eigene 
Kirchen erbauen? Wird er geneigt sein, ihnen Bürgerrechte 
nnzuräumen?" — 
Es lag etwas Verletzendes in den mit lachendem Munde 
hingeworfenen ironischen Worten. Helmut hörte jedoch auch 
verhaltene Angst und Bitterkeit heraus, die Mitleid und 
Machficht erheischten. 
Tiefernst und mit Nachdruck entgegnete er: „Ich gebe 
Ihnen mein Ehrenwort darauf, Monsieur Pierre, daß Kurfürst 
Friedrich Wilhelm von Brandenburg, mein Landesherr, billige 
Wünsche der Hugenotten in weitgehendem Maße befriedlgen 
wird. Er ist nicht nur ein großer, sondern auch ein edler 
Mann. Darum aber — Helmut verschärfte unwillkürlich den 
. Ton — darum ist es auch wünschenswert, daß nur solche, 
die Achtung und Vertrauen zu ihm hegen, sich unter seinen 
Schutz begeben!" 
Eine etwas peinliche Pause entstand. Helmut, welcher 
-innerlich mehr erregt war, als er zu zeigen für gut befand, 
/machte sich auf dem Arbeitstische zu schaffen, während der 
Franzose hüstelnd, mit verlegenem Lachen, seine beringten 
Finger auf den Seitenlehnen des Sessels einen Trommelwiibel 
vollführen ließ. 
In die eingetretene Stille hinein erklang plötzlich von 
Dcrnher der durchdringende Ton eines Gong — Gong. 
Pierre Cheronne erhob lauschend sein Haupt. 
„A la bonne heure — schon Zeit zum Souper?" 
•tef er mit einem Seufzer der Erleichterung lachend aus. „Da 
>eißt es eilen! Frere Camille liebt bei -Tafel keinerlei 
Inpünkilichkeit. Der alte Pedant tn ihm ist einmal unaus 
rottbar. — Begleiten Sie mich, mou ami?" 
„Gewiß, mit Vergnügen, Monsieur Pierre!" antwortete 
Helmut. Er spülte bereits seine Arbeilshände unter der in 
einer Ecke des Gemaches sprudelnden kleinen Wasserkunst. 
Mit einem vielsagenden Ausdruck in den funkelnden 
kleinen Augen beobachtete der ältere Mann die Sorgfalt, mtl 
welcher der jüngere seine Toilette vervollständigte. Nicht ohne 
Wohlgefallen und etliche Hintergedanken betrachtete er das 
Aeußere des im Dienste seines Hauses stehenden Mannes. 
Helmut verschloß sorgfältig die Fenster des Laboratoriums 
und löschte die Flämmchen unter den Apparaten. Daun traten 
beide Männer auf die zum Park führende Terrasse. 
II. 
Der Mond war aufgegangen. Als schmale, maitgoldene 
Sichel stand er über den Parkwtpfeln, und an dem dunklen 
Blau des südlichen Himmels glänzte das Strahlenmeer 
der Sterne. 
Die beiden Männer schritten eine von dichtbelaubten 
Maulbeerbäumen gebildete Allee entlang, welche in einen 
weiten, mit gärtnerischen Anlagen geschmückten Platz mündete. 
Kunstvoll verschnittene Eibensträucher und Buchsbaumhecken, 
vor denen sich zierlich ausgezackte Blumenrondels hinbreiteten, 
gaben den Hintergrund für zahlreiche helle, der griechischen 
Mythologie entnommene Marmoifiguren ab. Vom Mondlicht 
beleuchtet, blinkten aus dem dunklen Laube weiße und farbige, 
zum nächtlichen Schlummer geschlossene Blütenkelche. 
Es war ersichtlich, daß dieses Blumenparterre dem 
architektonischen Charakter des Wohnhauses, zu dessen Füßen 
es sich befand, entsprechend angelegt war. Sämtliche mit 
leuchtendem Kies bestreuten Wege liefen der steinernen Frei 
treppe entgegen, und, von der Höhe derselben gesehen, bot der 
Garten das Bild peinlich abgezirkelter, sternenartiger Beete. 
Das Ganze paßte za dem große», gradlinigen weißen Ge 
bäude, in dessen für die damalige Zeit hohen und kostbaren 
Glasfenstern sich der Mond glänzend spiegelte. 
Nur ein Saal, derjenige, welcher unmittelbar an die 
Freitreppe stieß, war durch Kerzenlicht erhellt. Da der hoch- 
liegende Raum infolge seiner weilgeöffneten Thüren schon von 
weitem zu überblicken war, so konnten die Ankömmlinge 
unschwer die in ihm versammelten Personen erkennen. 
Beim ersten Blick, den er in ihn warf. hemmte Helmut 
Derenthal betroffen seinen Schritt und sah aus erblassendem 
Antlitz seinen Begleiter fragend a». 
Dieser stieß einen leisen Schreckensruf aus und starrte 
unverwandt nach dem Wohnzimmer der Familie Cheronne 
hinüber. 
„A Dieu ne plaise — das ist der neue Dragoner- 
kapitän Lemourgue!" stöhnte er. und diesmal fehlte das sonst 
jedes seiner Worte begleitende Lachen. Seine kletnen Beine 
verfielen in Sturmschritt, um die Stufen der Treppe zu er 
reichen, wo ein älterer Diener soeben beschäftigt war, eine 
Anzahl blühender Oleanderbäume vor dem Nachttau zu sichern. 
Der langsam nachfolgende Derenthal vernahm ein hastiges 
Geflüster und sah. wie die große, breitschulterige Gestalt des 
Bediensteten an allen Gliedern zitterte, während sie sich einer 
möglichst unerschrockenen Haltung zu befleißigen suchte. 
Nun vernahm Helmut einige abgerissene Worte: „Monsieur 
Alfred hat ihn hergeführt. Lonte divine, er hat Schlimmes 
im Sinne, Monsieur Pierre. Er hat Mademoiselle Avöle so
        
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