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Periodical volume 16. April 1898, No. 16

Full text: Der Bär Issue 24.1898

Als seine Bekannten allmählich ihre Besuche einstellten, 
kam ihm kein Gedanke daran, daß sie sich um der heran 
nahenden Krisis willen von ihm fern hielten, weil er 
nicht wie sie der allein seligmachenden Kirche angehörte. 
Daß sich calvinisch gesinnte Glaubensgenossen schon früher 
von ihm abgewandt halten, weil seine allzu große Toleranz 
ihren Argwohn erregte, war ebenfalls von ihm nicht richtig 
gedeutet worden. Vergebens zermarterte er sich den Kopf, 
wodurch er diesen oder jenen unabsichtlich verletzt und von 
sich gescheucht habe. Seine Vereinsamung wurde immer 
größer, und er empfand dies schmerzlich. In vollem Maße 
sollte er erfahren, was es heißt, zur Zeit der Not ganz allein 
dazustehen. — 
Von daheim hörte er gar nichts mehr. Zuweilen befiel 
ihn eine mächtige Sehnsucht nach dem Vaterhause, verbunden 
mit allerlei ernsten Befürchtungen. Er mußte dann alle seine 
Kraft zusammennehmen, um nicht unverzüglich nach Nrmes 
zurückzureisen. 
Cs war am 22. Oktober, einem schönen, klaren Herbst 
tage. Wie wehmütig-freudige Stimmung lag es in der 
Luft. Was der Frühling und der Sommer ihm gebracht 
hatten, wußte Alfred; wie sich Herbst und Winter für ihn 
gestalten würden, war seinem vorausschauenden menschlichen 
Blicke verborgen. 
Gedankenvoll, das sorgenschwere Haupt gegen die Sessel» 
lehne zurückgebogen, saß er am Fenster seines Schreibzimmers. 
Der noch laue Wind spielte mit den Vorhängen und hob 
das dunkle Gelock von der blaffen Denkeist>rn. Als glitte 
eine weiche Frauenhand darüber, so fühlte es sich an. Kam 
der weiche Südwind aus der Heimat? Wehte er die Grüße 
seiner Lieben ihm zu? — 
Oder dachte Louison seiner? — 
Gleichsam als Antwort auf den letzteren Gedanken, 
vernahm er plötzlich ein Pochen an seiner Thür. Alfred 
erhielt jetzt so selten Besuch, daß ihn diese Anmeldung unwill 
kürlich in freudige Erregung versetzte. Beständiges Alleinsein 
bringt dem Menschen erst zum Bewußtsein, wie unentbehrlich 
ihm der Verkehr mit seinesgleichen ist. 
Der Ankömmling, ein dem jungen Dichter unbekannter 
Mann, trug einen weiten Mantel. Er grüßte kurz und 
höflich und überreichte, ohne ein Wort dabei zu verlieren, 
einen umfangreichen Brief. 
Eine aller Beschreibung spottende Erregung bemächligte 
sich Alfreds, als er unter dem offenbar nur als Verhüllung 
dienenden Mantel die mit den goldenen Lilien Frankreichs 
bestickte Livree der Hofbediensteten erkannte. Endlich also 
eine Botschaft von der Stelle, an der all sein Hoffen. 
Wünschen und Sehnen haftete! — 
Schwingend nahm er den Brief in Empfang. Wozu 
brauchte er auch den Diener nach der Absenderin zu fragen! 
Er wußte den Namen ja. längst. Louison d' Altatesse hatte 
an ihn geschrieben! 
Er drückie dem Lakaien eine fürstliche Belohnung in die 
Hand. Ehrerbietig grüßend, wie er gekommen, schritt der 
Diener hinaus. 
Als Alfred Eheronne allein war. hätte er vor über- 
wallendem Glück in die Kniee finken mögen. 
Ohne auf das Siegel zu achten, preßte er seine Lippen 
auf den Brief. Dieser trug keine Aufschrift. Natürlich 
nicht! Er wurde in geheimer Botschaft übermittelt. Louison 
halte ihn eigenhändig verschlossen! Mit bebenden Fingern 
löste er die Umhüllung. Drei nochmals versiegelte Briefe 
fielen ihm entgegen. 
„An Ihre Durchlaucht die Kurprinzesfin Sophie Charlotte 
von Brandenburg, geborene Prinzessin von Hannover!" lautete 
die in auffallend markigen Schriftzügen hingeworfene Aufschrift 
des ersten. 
„An den Philosophen und Historiker G. W. Letbniz" 
stand auf dem zweiten. 
„Dem Dichter Alfred Cheronne" war die Aufschrift des 
dritten. 
— Was sollte das bedeuten? — 
Wie eine jähe Ahnung nahenden Unglücks packte es 
den Enttäuschten, als er erkannte, daß die Sendung nicht 
von der Geliebten kam. 
Und die Sehkraft wollte ihm schier versagen, als er 
das an ihn gerichtete Schreiben las. 
„Elisabeth Charlotte von der Pfalz" war es unter 
zeichnet. Und es lautete: 
„Mein junger, armer Freund! Sie find verraten und 
verloren! Eilen Cie, so schnell Sie können, Frankreich zu ver 
lassen! Vielleicht dienen Ihnen die anliegenden Briefe zu fer- 
nerem Fortkommen, das ihrem Talente auft'chtig wünscht — 
Elisabeth Charlotte von der Pfalz." 
Verraten — verloren! 
Alfred begriff kaum mehr, als diese beiden Worte. In 
Verbindung n.it der Unterschrift, die von einer Frau stammte, 
deren Charakter allgemein als lauter und wahr bekannt war, 
bedeuteten sie für ihn ein Todesurteil. 
Er wußte sofort, daß jetzt für ihn nichts mehr zu hoffen 
war. Nicht allein Louisons Liebe hatte er verloren. Sein 
Drama hatte beim Könige das Gegenteil von dem bewirkt, 
was es bewirken sollte. — 
Das war das Allerschwerste! 
Verraten — verloren! — 
Alfred stürzte besinnungslos zu Boden. 
Unter den rohen Faustgriffen von Polizeisoldaten sollte 
er erst wieder zum Bewußtsein kommen. 
Die Warnung der Herzogin von Orleans war nur eine 
kurze Spanne Zeit der Ausführung des Haftbefehls, den die 
Marquise von Maintenon erwirkt hatte, vorangegangen. 
Hätte es aber auch der Zustand des jungen Dichters erlaubt, 
so wäre eine Flucht doch wohl kaum zur Ausführung 
gelangt. Alfred hatte sein hübsches, kleines Heim in Paris 
zu lieb gewonnen, als daß er sich so schnell von ihm und von 
all den hier angehäuftenKunstgegenständen hätte trennen können. 
Wie groß war jetzt sein Schmerz, als er die Hände der wüsten 
Gesellen unter seinen Schätzen wühlen und gierig nach diesem 
und jenem greisen sah! So reiche Beute fiel ihnen selten zu. 
Sie eigneten sich alle Gold- und Wertsachen an. Nicht 
einmal die Bilder seiner Angehörigen, noch weniger seine 
Manuskripte durfte Alfred an sich nehmen. 
Das einzige, was er unbemerkt zu sich stecken konnte, waren 
die soeben erhalienen Briefe der Herzogin, welche die Polizei- 
soldaten wohl für am Boden zerstreutes wertloses Papier 
gehalten hatten, als sie sofort nach ihrem Eintrüt von Beutegier 
ergriffen wurden. 
Erst als letztere gestillt war, gedachten sie des Auftrags,
        
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