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Periodical volume 8. Januar 1898, No. 2

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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besitzen schienen, mährend die Gefichtszüge des Franzosen eine 
bedeutend liefere Färbung aufwiesen. 
Nachdem Pierre Cheronne einigemale hastig geatmet 
hatte — seine kurzhalsige Figur verfügte über ein beträchtliches 
Embonpoint — stieß er. lachend, wie vorher, und doch zugleich 
voll merklichen Grimmes, die Worte hervor: 
„ J’en suis fache, mon eher Helmut, daß Sie keinen 
größeren Einfluß auf meinen Neffen Alfred besitzen. Meine 
ganze Hoffnung — an meinem Bruder Camille habe ich 
ja keinerlei Stütze — war auf Sie gerichtet, daß Sie den 
thörichten Burschen von Unbesonnenheiten zurückhalten würden!" 
„Ich habe ihm dringend von einer Reise nach Versailles 
und Fontainebleau abgeraten, Monsieur Pierre!" 
„Mais sans succes!“ lachte der Steilere. Morgen vor 
Sonnenaufgang tritt er die Fahrt nach dem Königshofe an!" 
Pierre Cheronne fuchtelte mit seiner Sammelkappe in 
der Luft umher. 
„Der Narr der — c’est bätir des chäteaux en 
Espagne!“*) — Was hat der dem reformierten Glauben 
Angehörende an dem vom römischen Kultus durchtränkten 
Hofe des Königs zu schaffen?" 
„Er hofft, seinem Dichtertalent dort Anerkennung zu 
gewinnen." erwiderte Helmut. „Und darin hat er ja so 
unrecht nicht. Man mag über Ludwig XIV. urteilen, wie 
man will, seine geistige Bedeutung ist über jedem Zweifel 
erhaben. Noch kein Fürst hat es verstanden wie er, einen 
ähnlich erlauchten Kreis von Dichtern, Künstlern und Gelehrten 
um sich zu versammeln. Ich kann es Alfred nicht verargen, 
daß er sich danach sehnt, in denselben, wo gleichzeitig vor 
nehme Geselligkeit und hohe Geistesbildung herrschen, auf. 
genommen zu werden. Nur glaubte ich. ihm zu bedenken 
geben zu müssen, ob gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt sei, 
sich dem erwähnten Kreise einzureihen." 
„Naturellement, — c’ est la chose principale!" 
lachte der kleine Franzose erbittert. „Niemals hat die 
calvinische Religion mehr unter der Ungunst der Zeit gelitten 
als jetzt, wo das Wörtchen „reformiert" allerorts die Stelle 
eines eisernen Riegels an jenen Thüren vertritt, die zu Rang 
und Ansehen führen! Was will er an den verschlossenen 
Pforten? Sich die Stirn wund stoßen? Wäre Alfred nicht 
ebenso starrsinnig wie sein Vater, mein Stiefbruder Camille, 
und von der gleichen unerschütterlichen Hinneigung zum 
Protestantismus beseelt, so könnte ich fürchten, daß er seinen 
Glauben dem glühenden Ehrgeize zum Opfer bringen würde. 
Da dies jedoch von vornherein ausgeschloffen ist, so bleibt 
mir nichts als die furchtbare Sorge um sein junges, reich 
begnadetes Leben!" 
Helmut hatte sich bet den mit leidenschaftlicher Betonung 
und einem Eifer, wie er dem phlegmatisch erscheinenden 
Manne kaum zuzutrauen war, hervorgesprudelten Worten ein 
wenig seitwärts gewendet. So konnte der Franzose den 
eigenartigen Ausdruck, welcher im Antlitz des jungen Mannes 
kam und ging, nicht gewahren. 
Aufgeregt, heftig gestikulierend und lachend fuhr Pierre 
Cheronne fort: 
„Sie wissen, Derenthal, wie mein altes, einsames Herz 
an den Kindern des Stiefbruders hängt, wie ich mein Alles 
*) Lustschlösser. 
für ihr Lebensglück einzusetzen bereit bin. Tag und Nacht 
zermartere ich mir das Hirn, wie wir alle der immer näher 
rückenden misere aus dem Wege gehen könnten. Aber wenn 
ich einen Entschluß gefaßt habe und mich behufs Ausführung 
desselben an meine Familie wende, begegne ich allerorten 
tauben Ohren. Schlage ich Camille vor, dieses unbarmherzige 
Land, dessen Vater nur die Kinder liebt, welche ihm und 
seinen Gesinnungen schmeicheln, zu verlaffen und nach England 
oder Holland auszuwandern, so steckt er die Miene des 
Grandseigneurs auf und sagt hochmütig: „Hast Du vergeffen, 
Pierre, daß meine Mutter der alten, berühmten Hugenotten 
familie d' Alcourt angehörte? Ein Sproß dieses Hauses 
weicht keinem Katholiken, noch verläßt er feige sein Vaterland!" 
Und wenn ich auf die Zukunft seiner Kinder hinweise, erwidert 
er stolz: „Auch sie find entschlossen, wenn es nötig ist, de 
boire le ealice jusqu’ä la Ire!" Und die schöne Aböle 
flötet dann gleich der Nachtigall: „Onkel Pierre, nie, nie verlasse 
ich unser schönes Frankreich! Mich friert, wenn ich an andere 
Länder denke!" Und der Schlingel von Alfred behauptet 
steif und fest, nur in Paris könne seine Dichtkunst, an der 
er hängt wie der Wandervogel an der Beerenfalle, gedeihen! — 
Dabei rückt die Gefahr täglich näher und näher. Die Dra- 
gonaden haben dafür gesorgt, daß diejenigen, welche den 
Kunstkniffen ihrer mitgebrachten Mönche gegenüber standhaft 
blieben, durch Gewalt zum „rechten Glauben" bekehrt worden 
find. Am Augustuslhor haben sie erst heule wieder drei 
Holzfällern, die sich weigerten, den Rosenkranz abzubeien, 
sämtliche Finger mit dem Schwerte abgehauen. Halb Mmes 
ist bereits zu der „alleinseligmachenden Kirche" zurückgekehrt. 
Man verleugnet seinen Glauben, um der Gefahr zu entgehen, 
gleich dem Schlachtvieh hingemordet zu werden. Lieber läßt 
man es zu. daß die reformierten Kirchen ntedergeriffen und 
die Prediger mißhandelt werden, als daß man den eigenen 
Kopf preisgiebt. — Uns schützt allein noch unser Reichtum. 
Die Regierung hofft noch immer, uns im Guten zum Beffern 
zu bekehren, um unseren Besitz ungeschmälert dem Lande zu 
erhalten. Daher die bisher geübte Schonung von seiten der 
Dragonaden, die malheureusement meinen Bruder Camille 
in Sorglosigkeit wiegt. 
Sie sehen, mein lieber Helmut, nichts bleibt mir übrig, als 
allein für die Meinigen zu wachen. Insgeheim gedenke ich, 
allmählich aus der Weberei die lagernden Seidenballen zu 
versilbern. Es kommr immerhin ein stattliches Sümmchen 
für die Stunde der Not zusammen, wenngleich das Haupt- 
vermögen in den Liegenschaften steckt. Eh bien — fahr hin! 
Für das Leben und den Glauben achte ich das Größte 
gering!" 
Pierre Cherone lachte wieder und rückte dem jungen 
Chemiker, der. in Gedanken versunken, stumm zuhörte, vertraulich 
näher. 
„Vous me connaissez, Derenthal, ich bin kein Dumm 
kopf! Ecoutez!" 
Die neuen Farbencombinationen, welche Sie erfunden 
haben, behalten wir vorläufig hübsch für uns. Wozu ein 
Vermögen — denn ein solches find sie wert — in das 
gefährdete Betriebe hineinstecken? — Sind wir erst in England 
— entre quatre yeux, ich plane eine Niederlassung in dem 
gastfreundlichen Londoner Stadtteil Spitalfield, wo bereits 
viele unserer Glaubensgenoffen, darunter Beaupaire, Ihr Vor
        
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