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Periodical volume 9. April 1898, No. 15

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Als später Friedrich Wilhelm IV. zur Huldigung 
und Krönung auch die Halloren nach Königsberg i. Pr. berief, 
sandten dieselben Abgeordnete dahin, denen Pferd und Fahne 
ausgeliefert wurden. Als dieser König starb, befand sich die 
Abordnung der Halloren zur üblichen Neujahrsgralulation 
gerade in Berlin und nahm bei der Beisetzung des könig 
lichen Leichnams am Trauerzuge teil. 
Die besondere Aufnahme der Halloren am Hofe 
hängt nach mündlicher Ueberlieferung folgendermaßen zu 
sammen: 
Im Heere Kaiser Karls des Großen sollen sich u. a. 
zwölf Halloren befunden haben, die länger und kräftiger 
waren als alles andere Volk und deshalb Riesen genannt 
wurden. Die Schwerter, welche sie in den Kriegen geführt 
haben sollen, werden noch jetzt in der Halleschen Moritzkirche 
aufbewahrt und find thatsächlich drei Meter lang. 
Weil nun die Halloren sich im Heere Friedrichs des 
Großen ebenfalls durch Tapferkeit ausgezeichnet hatten, verlieh 
dieser ihnen gewisse Vorrechte. 
Unter anderem schenkte er ihnen zum Andenken auch 
das Pferd, welches er selbst im Kriege geritten hatte, und 
die Fahne, die die Halloren geführt hatten, und bestimmte, 
daß jeder seiner Nachfolger den Halloren nach Leistung des 
Huldigungseids ein Roß, welches er selbst geritten, mit 
königlichem Sattelzeug und einer Fahne schenke. So ist es 
bis jetzt auch geblieben. Die Fahnen, etwa 35, werden eben 
falls in der Moritzkirche aufbewahrt. Von König Friedrich 
Wilhelm III. haben die Halloren 2 Pferde und 2 Fahnen 
erhalten, weil sie ihm zweimal Treue geschworen: einmal nach 
der Thronbesteigung, das andere Mal bei der Wieder 
vereinigung Halles mit Preußen. 
Es wird erzählt: Als Napoleon I. das Königreich West 
falen errichtete und diesem Halle einverleibt wurde, wurden 
auch die Halloren zur Leistung des Treueides gezwungen und 
erhielten dafür eine gelbseidene Fahne (die jetzt zum Erlernen 
des Fahnenschwenkens benutzte). Die Anhänglichkeit an das 
damals hartbedrängte preußische Königshaus verleugneten sie 
jedoch auch unter der Fremdherrschaft nicht, und nach Be 
endigung der Befreiungskriege erhielten sie eine eigens ge 
prägte goldene Denkmünze, die forterbend bei festlichen 
Gelegenheiten der Vorsteher trägt. 
Beim Regierungsantritt Kaiser Wilhelms wurde ihnen 
aus dessen Marstall gleichfalls ein Pferd mit Sattelzeug sowie 
eine neue Fahne verliehen. Das Pferd ritt, dem Herkommen 
gemäß, der Senior, der 92jährige Kube, im Festzuge. Für 
den Erlös des dann verkauften Pferdes wutde ein silberner 
Pokal mit einer Widmung auf König Wilhelm be 
schafft. der noch jetzt bei allen Hallorenfestlichkeiten in Gebrauch 
genommen wird. 
Als Kaiser Friedrich den preußischen Thron bestieg 
und die Halloren ihr Gnadengeschenk eingeholt hatten, ritt 
Martin Rabe sein Leibroß. Auch nach der Thronbesteigung 
Kaiser Wilhelms II. wurden den Halloren unter den her 
kömmlichen Gebräuchen ihre Geschenke übergeben. Die 
letzteren bestanden aus einer Fahne mit dem Bildnisse Kaiser 
Wilhelms, einem Pokale und einer Fuchsstute aus dem 
Königlichen Marstalle. Bei Uebergabe der Geschenke hielt 
Perghauptmann v. d. Heyden-Rüsch eine Ansprache, in der 
et auf die fast tausendjährige Geschichte der Hallorenhuldigung 
hinwies, die bis ins Jahr 958 zurückreiche. Er ermahnte 
die Bruderschaft, in bewährter Treue auch ferner zum Herrscher 
zu halten, worauf dies der Vorsteher gelobte und die Ver- 
sammlung ein dreifaches Hoch ausbrachte. Unter dem Gesang 
der Nationalhymne empfing darauf die Brüderschaft die 
genannten Geschenke. Dieser erhebenden Feier wohnte der 
Minister des Königlichen Hauses von Wedel-Piesdorf bei. 
Nachdem dies geschehen, fand am Gutjahrs-Sool- 
brunnen in der „Halle" unter dem üblichen Fahnen- 
schwenken ein Huldigungsakt statt, welchem im Beisein von 
Mitgliedern königlicher und städiischer Behörden rc. die 
Feier des „Fahnenbiers" folgte. Das geschenkte Pferd, 
welches der Aelteste, Namens Lehmann, beim Festakte be 
stiegen hatte, wurde, wie auch ehedem, zu Gunsten der 
Bürgerschaftskasse versteigert. 
So haben sich Sitten und Gebräuche der Halloren bis 
auf unsere Tage vererbt und werden voraussichtlich noch 
lange Zeit erhalten bleiben, hoffentlich mit ihnen auch die 
alte sprichwörtlich gewordene Treue und Biederkeit unserer 
braven Halloren. 
Aus Stralsunds Vergangenheit. 
Von I. GcbeschuS-Greifswald. 
Eine der interessantesten Partien Deutschlands ist das 
pommersche Küstengebiet mit seinem reichen Sagenschatz 
und seiner geschichtlichen Vergangenheit; prachtvolle, mittel 
alterliche Bauten und feste Thortürme in runder Donjon- 
Form oder in schlank aufstrebendem gotischen Stil zeugen 
von der einstigen Machtstellung der reichen Hansastädte und 
reden zugleich in deutlicher Sprache von den zahllosen Kämpfen, 
welche einst die Festungsmauern dieser gepanzerten Städte 
umtobten. Die einstige Macht, der unerhörte Prunk der 
reichen Handelsstädte sank aber dahin, erdrückt von der Wucht 
der langen, opferschweren Kriege, die über das blühende 
Küstenland hinwegbrauste»; der dreißigjährige Krieg verödete 
ganze Strecken Landes, der Nordische Krieg, der ein halbes 
Jahrhundert später das erschöpfte Land traf, brachte neue 
Not und neue Verwüstungen, und nicht minder schwere Schläge 
empfing das hart getroffene Pommerland durch die fränzöfische 
Invasion zu Anfang dieses Jahrhunderts. 
Die geschichtlich bedeutendste aller berühmten mittelalter 
lichen Städte Pommerns ist unstreitig Stralsund, das aus 
seiner Vergessenheit längst schon wieder hervortrat und jetzt 
der wichtigste Durchgangspunkt der direkten Verbindung 
Berlin-Stockholm ist. Auch der Fremde, der mit der Ge- 
schichte des Landes und speziell der Stadt Stralsund wenig 
vertraut ist, wird von einem eigenartigen Zauber umsponnen, 
wenn er durch die Straßen und über den Altmarkt schreitet; 
es ist das gleiche Versunkensein, das uns überkommt, wenn 
wir durch Danzig, Lübeck, Braunschweig, Goslar, Nürnberg 
wandern; die altertümlichen, trotzigen Thore, die prachtvollen 
Rathäuser, die vornehmen Giebelhäuser der wohlhabenden 
Bürger jener vergangenen Jahrhunderte muten uns überall 
in gleicher Weise an. Auch in Stralsund gewinnt mar. 
den Eindruck von der einstigen Größe und Herrlichkeit 
der „Königin des SundeS", von der unser pommerscher 
Dichter Ernst Moritz Arndt fingt:
        
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