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Periodical volume 26. März 1898, No. 13

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Wie mußte Louison d'Altaiesse erst urteilen, wenn sie 
von seiner Glaubensrichtung, die in dem ihr überreichten 
Drama ausgesprochen war, Kennliiis erhielt! 
Eine unbeschreibliche Angst ergriff ihn. Ohne Frage 
sprach aus dieser jugendlichen Mädchenseele der Geist ihrer 
Erzieherin. Wie. wenn seine Arbeit, ehe der König sie in 
die Hand bekam, von jener intriguanten Frau gelesen wurde? 
Dann konnte er nimmermehr sein Ziel erreichen! — 
In seiner Erregung bemerkie der junge Dichter nicht, 
welch weichen, hingebenden Ausdruck das schöne Antlitz der 
Geliebten angenommen hatte. Zu anderer Zeit wäre ihm 
eine solche Wandlung nicht entgangen. Jetzt aber waren alle 
seme Gedanken nur darauf gerichtet. Louison d'Altatesse das 
Versprechen abzunehmen, der Marquise von Maintenon auf 
jeden Fall sein Manuskript vorzuenthalien, am besten dasselbe 
ihr gegenüber gar nicht zu erwähnen. — 
In mehr leidenschaftlicher als diplomatischer Weise be 
stürmte er sie mit dieser Bitte. 
Die Komtesse stutzte.'Ihre Gedanken waren indes augen 
blicklich anderweitig zu sehr beschäftigt, als daß sie weiter 
darüber härte nachdenken können. 
Ihr Blick schien Gewährung zu versprechen, und ihre 
schöne Hand, die Alfreds Hände innigst umfaßt hielten, zog 
den Aufgeregten neben sich auf das Polster. So huldvoll 
hatte sich Louison noch nie gezeigt. Kein Wunder, daß Alfred 
das Blut heiß zu Kopf stieg, und er nahe daran war, alle 
Sorgen von sich zu werfen und wieder der vorige Liebhaber 
zu werden. Ein feuriger Blick der Geliebten wurde doppelt 
heiß erwidert. Und dann geschah, was Alfred nie für 
möglich gehalten hätte. Das herrliche, stolze Mädchenhaupl 
lehnte sich an seine Schulier, und sein Arm, der sich um ihre 
Taille stahl, wurde nichl zurückgestoßen. Dem Glücklichen 
brauste es vor den Ohren. Ihm war zu Mute, wie einem 
Wanderer in der Wüste, der plötzlich, als er schon glaubte 
verschmachten zu müssen, einen in Lichtglanz erstrahlenden, 
Helten, klaren Wasserstrom vor sich erblickt. 
Die Komteffe hauchte süße Worte in sein Ohr, deren 
Sinn er zuerst nicht begriff. Erst allmählich wurde ihm klar, 
daß sie ihn um etwas bat. 
„Alfred — es war das erste Mal, daß sie seinen 
Namen aussprach, und der Ton klang berauschend — Alfred, 
Sie lieben mich. Wollen Sie mir einen Beweis dieser mich 
beglückenden Liebe geben?" 
„Mit tausend Freuden! — Komtesse, um Ihretwillen 
— Alles — Alles — Gebieten Sie über mich als über 
Ihren ergebenen Sklaven!" 
„Wollen Sie mir einen Wunsch eifüllen?" 
„Jeden, theure Louison, jeden!" 
„Schwören Sie es mir zu, Alfied!" 
In den süß geflüsterten Worten lag nichts, was Arg 
wohn hätte erwecken können, und der junge Dichter war von 
Glück und Liebe zu sehr überwältigt, als daß er den forschen 
den Blick in den Augen der Hofdame, deren Anilitz sich noch 
immer an seine Schulter schmiegte, wahrgenommen hätte. 
Dennoch wurde es ihm aufs neue ganz eigentümlich bange 
zu Mute. 
War es die Vorsehung, die ihn mit leiser Hand mahnte? 
War es die Vorahnung nahenden Unglücks? 
Alfred glaubte plötzlich das ehrwürdige Haupt seines 
Vaters zu erblicken, dessen Augen ihn bange und fragend 
ansahen. Ebenso klangen St. Evremonts Warnungen deutlich 
an sein Ohr. Doch nein! Er wollte sich durch derartige 
Mahnungen in diesem Augenblick nicht stören lassen. 
Liebkosend glitt seine Rechte über das goldfarbene, be 
täubend duftende Lockengekräusel, welches seinen Lippen so 
verführerisch nahe war, daß er sich nicht enthalten konnte, 
einen leisen Kuß darauf zu drücken. 
„Ich will und darf es Ihnen zuschwören, heißgeliebte 
Louison! Denn Sie werden niemals von mir etwas ver 
langen, was meinem Gewissen oder meiner Ehre zuwider ist!" 
„Schwören Sie!" 
„Nur unter dieser Bedingung!" 
„O, Sie lieber Narr! Ist unsere Liebe denn nicht das 
Höchste? Es gilt den Preis, um den Louison d'Altatefse die 
Ihre wird!" 
Ein Taumel des Glücks ergriff Alfred. Welch beseli 
gende Aussicht! Wie golden lag die Zukunft vor ihm! 
Mit fast versagendem Atem stammelte er: „Louison, 
was —", 
Louison legte eine Hand auf die Schulter des Ueber- 
glücklichen und flüsterte ihm zu: 
„Ich bewundere Ihre hohe Begabung. Alfred! — 
Bossuet nennt Sie einen Dichter dei gratia, und ich bin 
stolz darauf. Ihr Wort ist ein flammendes Schwert. Sie 
besitzen in ihrer Dichlkunst die Zauberkraft des indischen 
Wundervogels. Die Phönixmythen werden zur Wahrheit in 
Ihren Liedern, die den Kranken Genesung bringen und die 
Genesenen in das Land der Seligkeit führen." 
Dem so übermäßig Gepriesenen schwanden fast die Sinne. 
Und nun schlang die schöne Hofdame ihre beiden Arme um 
ihn und rief: 
„Gieb Dich mitsamt Deiner Dichlkunst mir zu eigen. 
Alfred! Lege Deine reichen Gaben auf den Opferaltar unserer 
Liebe, und Tu verleihst mir die Kraft, Dich auf die Höhen 
des Daseins, irdischer Macht und Größe zu bringen!" 
Das erste „Du" aus ihrem Munde! 
Noch enger schmiegte sich die Geliebte an ihn, und Alfred 
zog sie stürmisch an sein Herz. 
„Alfred." flüsterte sie aufs neue, „ich weiß es, Du bist 
ein Freigeist. Aber das erschrccki mich nicht. Im Gegen 
teil, es macht mich froh und mutig zu dem Vorschlag, 
den ich Dir machen will. — Weihe Dein Flammenschwert, 
um unserer Liebe willen, der gallikanischen Kirche! Sende 
Streitschriften für sie tn die Welt! Hilf, das gottvergeffene 
Ketzertum mit der Wurzel ausrotten! Du machst nicht allein 
Deinen König und sein Volk, Du machst auch mich. Dein 
zukünfliges Weib, Du machst Dich selbst dadurch glücklich. 
Zu Rang und Ehren wirst Du emporsteige», und die Kluft, 
die jetzt noch zwischen uns besteht, wird überbrückt. Alfred, 
ich flehe Dich an, werde der unsere! Wenn nicht auS Ueber 
zeugung. dann doch aus Klugheit und — um unserer Liebe 
willen!" 
Als ob er von sonniger Bergcshöhe plötzlich durch heim 
tückische Hand hinterrücks in einen finsteren Abgrund gestoßen 
wäre, so wurde es Alfred Cheronne zu Mute unter diesen 
schmeichlerisch - flehenden Worten des schönen Weibes, das 
noch immer in seinen Armen ruhte. 
Ein fürchterlicher Schmerz durchzuckte ihn, und das Blut
        
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