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Periodical volume 19. März 1898, No. 12

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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„Der noch nicht achtunddreißig Jahre zählende Mann 
gleicht einem Greise! — Siech am Körper durch übereifrige 
Studien und gebrochenen Geistes infolge der zahlreichen und 
heftigen Angriffe von seiten französischer Theologen, nimmt er 
den philosophischen Lehrstuhl in Rotterdam ein! — Das ist 
für uns ein Nene, Mene, Tekel, Uphaisin! — Für mich 
freilich ist mir nicht bange; aber. Cheronne, mein junger 
Freund, Sie möchte ich warnen —" 
Alfred erhob sich gleichfalls. 
„Nicht wieder. St. Evremont, ich bitte, das alte Lied! 
Ich weiß, Sie meinen es gut mit mir. Aber Ihrem Rate, 
dem Hofe den Rücken zu kehren, kann ich nicht folgen. 
Nachdem ich einmal so weit gegangen, kann ich nicht mehr 
zurück. Ich würde mir feige und eidbrüchig vorkommen." 
„Alterieren Sie sich nicht, Cheronne!" erwiderte 
St. Evremont. „Ich weiß wohl, daß das Pulver, das 
Feuer gefangen hat. explodieren muß. Schade nur um einen 
so vortrefflichen jungen Mann, wie Sie find! — Und schade 
auch, daß die hübsche Lucie sich soeben nicht an meiner Statt 
hier befand! Der Anblick würde die verliebte Kleine mehr 
erfreut haben, als das Rubtnencollier, das Sie ihr als Dank 
für die gelungene Deklamation übersandten! Mademoiselle — 
ich sprach sie unlängst — ist zwar entzückt über den kostbaren 
Schmuck, aber sie findet doch in dem Geschenk oder in der 
Art. wie ihr diese Gabe gespendet wurde, eine gewisse Kühle. 
Sie sollten sich mehr um ihre Gunst bemühen — die Lazalre 
gilt aus guten Gründen für die eigentliche directrice du 
directeur des illustre theätre! Sie spricht ohne Frage das 
Machtwort bei der Aufnahme oder Ablehnung neuer Dramen. 
Sie werden doch nicht versäumt haben, Cheronne. dem enfant 
gätee eine Rolle — eine brillante Rolle zuzudiktieren?" 
Alfred schüttelte den Kopf. 
„Ich habe Mademoiselle Lazaires Hülfe nur einmal in 
Anspruch genommen und beabsichtige keine Wiederholung. 
Meine Tragödie ist auch vorläufig gar nicht zur öffentlichen 
Aufführung bestimmt. Ich werde dieselbe in die Hände des 
Königs legen — zu keinem anderen Zwecke, als daß er durch 
ihre Lektüre aufmerksam gemacht wird auf die augenblicklich 
in seinem Reiche herrschenden Uebelstände, von denen er 
offenbar keine Ahnung hat, und über die er durch selbst 
süchtige. nur auf ihren Vorteil bedachte Priester im Unklaren 
gelaffen ist. Wie könnte er es wagen, sich den aller 
christlichsten König zu nennen, wenn er in eigener Person 
die Hugenottenverfolgungen guthieße, gleich jenem ruchlosen 
Karl IX.. der in der Bartholomäusnacht Tausende seiner 
eigenen Unterthanen des Glaubens halber hinmorden ließ!" 
St. Evremont blickte den jungen Dichter halb mitleidig, 
halb spöttisch an. Dann erklärte er: 
„Unter Karl IX. war der Glaubenshaß noch nicht vom 
Staate anerkannt und sankioniert wie jetzt. II saut le dire — 
Sie find ein Idealist par excellence, ein Schwärmer sonder 
gleichen! Wie können Sie glauben, der König befinde sich 
in Unwiffenhett über die Vorgänge auf kirchlichem Gebiet! 
Im Gegenteil! Man bringt dem Allerchristlichsten gerade um 
deswillen in überschwänglicher Weise seine Huldigungen dar, 
weil er die Gnade hat, das Ketzertum durch königliche Fuß 
tritte in den Tod zu geben. Einesteils ist Ludwig XIV. viel 
zu herrisch und stolz, um einer Partei Duldung angedeihen 
zu laffen, die einer anderen Religion angehört als er; und 
andererseits ist er in letzter Zeit, man mag sagen, was man 
will, sehr auf sein Seelenheil bedacht; seine Jugendsünden, 
die Gewiffensbiffe wegen der Vernachlässigung seiner ersten 
Gemahlin, der Königin Maria, peinigen ,hn oft aufs 
äußerste. Und schon anno achtzig, als er sich, von Reue 
gequält, von der verführerischen Montespan trennte, hat 
er den Konvertiten Peliffon beauftragt, ein Drittel der 
königlichen Privatschatulle für die Bekehrung der Hugenotten 
zu verwenden! — Uebrigens ein vortreffliches Vorbild für 
uns, Cherone, dieser Kollege Peliffon! Ich setze mein Haupt 
zum Pfande, daß Boffuet durch sein Jnteresie für Sie nichts 
Geringeres beabsichtigt, als eine ähnliche Metamorphose bei 
Ihnen zu bewirken, wie sie sich bei dem ehemaligen Freunde 
und Sekretär des Oberintendanten Fouquet vollzog. Peliffon 
trat im Jahre 70 vom reformierten Glauben zum katholischen 
über. Dafür erhielt er durch königliche Huld die oberste Ver 
waltung über alle stattgehabten Glaubensabschwörungen. 
Ein prächtiges Amt, Cheronne! Was meinen Sie, wollen 
wir uns nicht auch darum bewerben? — Oder vielleicht noch 
besser, wollen wir nicht selbst Bekehrungen vollziehen? — 
Ein einträgliches Geschäft! — Sechs Livres pro Kopf, und 
dazu glänzende Certifikate!" 
Alfred wandte sich unwillig ab. „Machinationen der 
Jesuiten!" rief er erregt. „Der König weiß nichts davon!" 
„Nicht?" wiederholte St. Evremont. „Wo kommen denn 
die Gelder her? — Die Einkünfte der Abteien St. Germain 
des Prey und Cluny, königliche Regalien, der dritte Teil der 
Pfründen — alles fällt in die Bekehrungskasse. Seien Sie 
kein Kind, Cheronne! Nehmen Sie die Binde von den 
Augen! Das Parlament von Toulouse hat auf Befehl des 
Königs achtzig reformierte Pfarrer ins Gefängnis geschickt. 
Verbannungen Andersgläubiger find an der Tagesordnung. 
Auch wir hätten unsere Haut schon in Sicherheit bringen 
oder uns doch wenigstens vor den Späheraugen des sanften 
Lachaise und seines Ordens verbergen müssen, wenn man 
nicht mit scharfem Blick die Freidenker in uns entdeckt 
hätte, deren religiöse Lauheit es noch nicht ausgeschlossen 
erscheinen läßt, daß wir noch einmal in den Schoß der allein 
seligmachenden Kirche zurückkehren!" 
„Sie vergessen, St. Evremont. daß ich einen Empfehlungs 
brief an die Marquise von Maintenon besitze!" 
Der Schriftsteller lachte laut auf. „An die Marquise 
von Maintenon!? So kennen Sie diese zweite Gemahlin des 
Königs noch nicht? Von Colbert hat sie kürzlich gesagt: „II 
ue pense qu’ä ses fiuances et presque jamais ä la 
religion!“*) Ganz ähnlich wird sie von Ihnen denken: „H 
ne pense qu’a ses poemes et presque jamais ä la religion! 
Hüten Sie sich vor dieser gekrönten Schlange! Sie windet 
sich zu den Füßen des Katholizismus uno hat keinen größeren 
Wunsch, als mit ihrem Pesthauch die ganze reformierte Glaubens 
gemeinschaft. der sie in früher Jugend selbst angehört hat, zu 
vernichten — nur, um nicht selbst noch für eine geheime An 
hängerin derselben gehalten zu werden. Wer weiß, ob sie nicht 
in diesem Moment mit Lachaise und Boffuet einen Plan ersinnt, 
um Sie. Cheronne, in eine Falle zu locken und auch Sie zu 
einem unfreien Mann.zu machen!? Wahrlich, ich kenne diese 
Sippschaft! Da ist mir der grausame Louvois doch noch lieber! 
*) Er denkt nur an seine Finanzen und fast niemals an die Religion.
        
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