Path:
Periodical volume 12. März 1898, No. 11

Full text: Der Bär Issue 24.1898

125 
den Führern ihrer Wahl keinen einzigen, den sie dem greisen, 
ehlfurchtgebietenden, lorbeerumrauschten Mehrer des Deutschen 
Reiches mit nur einiger Aussicht auf allgemeine Zustimmung 
hätten an die Seite stellen dürfen. So wurde der monarchische 
Gedanke, der bei den Völkern der lateinischen Rasse besonders 
stark geschwächt war, auch dort wieder gekräftigt, und selbst 
unsere geschworenen Landesfeinde blickten bewundernd und 
nicht ohne geheimen Neid nach Berlin, wo den Deutschen ein 
Schlachtenherzog residierte, der unbewußt und unabsichtlich 
den Beweis erbrachte, daß eine erbliche konstitutionelle Mo 
narchie für ein großes, kräftiges Volk von allen möglichen 
Verfassungsformen noch immer die natürlichste und segens 
reichste ist. 
Und dieser allgeliebte und allbewunderte greise Herr lag j 
liche Thräne. Ja, man erzählte sich, daß bereits Extrablätter 
erschienen wären, die das Hinscheiden des Kaisers offiziell 
verkündeten. 
So warf auch dieses gewaltige Ereignis seine Schatten 
voraus, da die Aufregung und Anteilnahme der ganzen Welt 
eine geradezu ungeheure war, und die nervöse Spannung der 
Massen jede Entscheidung als eine den Blutumlauf wieder 
freigebende Erlösung zu betrachten hatte. Trotz des strömenden 
eiskalten Regens blieben die Scharen der Wartenden vor 
dem Palais und harrten geduldig aus; kein Ton, kein mensch- 
lischer Laut ließ sich dabei vernehmen; geisterhaftes Schweigen 
lag über die Tausende und Abertausende gebreitet, und in 
manchem des Betens ungewohnten Herzen regte sich ein stummes 
Gebet um göitlichen Beistand für den verstorbenen Kaisergreis. 
DaF Neichs-Gesundheitsamt zu Werlin. 
im Sterben! Schon am Abende vorher drängte sich die ernst 
gestimmte und ein banges und feierliches Schweigen beobach 
tende Menge vor dem Palais des Kaisers, um möglichst Ge 
wisses zu erfahren. Jeder aus dem Portal tretende Lakai 
wurde mit unmißverständlichen Mienen und Handbewegungen 
um Nachrichten bestürmt; die gutgeschulte Hausdienerschaft 
aber zuckle nur mit den Schultern und vermied jede nähere 
Auskunft. Als nun gegen Abend die Domglocke ertönte, wo 
ein Bittgottesdienst für den Kranken, dessen Kräfte gerade 
noch einmal trügerisch aufflackerten, abgehalten werden sollte 
— das wußte die Menge aber nicht! — und als nun gar 
bemerkt wurde, daß die Purpurstandarte auf dem Dache des 
Palais eingezogen wurde, — man vergaß, daß dies alle 
Abende geschah! — da glaubte man, das äußerste wäre ein 
getreten. und über manche bärtige Wange rieselte eine heim- 
Und drinnen in dem bescheidenen, mit rührender Einfach- 
heit ausgestatteten, denkwürdigen Krankenzimmer lag der, dem 
alle diese Spannung und dieses Herzklopfen galt, und kämpfte 
still und gottergeben den letzten Kampf. Der treue Kögel 
stand ihm in diesem Kampfe bei, indem er ihm gelegentlich 
ein kraftspendendes Trostwort aus den heiligen Schriften zurief. 
Was durch die Seele des Sterbenden in jenen bangen 
Stunden gegangen ist, wir wissen es nicht, und die, die sein 
Lager umstanden, wissen es ebensowenig; wenn ihm, wie einem 
Ertrinkenden, ein Auszug seines ganzen Lebens in einer zu 
sammengedrängten grandiosen Vision vorgeschwebt hat, so 
hat dabei auch nicht das Bild des Sohnes und Thronerben 
gefehlt, der alle Hoffnungen des Kaisers und des Vaterlandes 
durch seine verhängnisvolle Erkrankung hatte enttäuschen sollen. 
Man erzählte sich in Hoskceisen, daß wenige Tage vor seinem
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.