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Periodical volume 5. März 1898, No. 10

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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waren in höchst einfacher Weise aufgeführt und wurden erst unter Friedrich II. 
von 1774—76 durch vier Stock hohe, mit würdigen Faffaden versehene 
und auf königliche Kosten erbaute Häuser ersetzt. Auf dem Platze selber 
wurde nur an der Ecke der Jerusalemer- und Krausenstraße ein Wachl- 
haus errichtet, das bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts sich 
erhallen hat, dagegen bedeckten sich die Seiten nach der Spittelbrücke 
hin mit vielen hölzernen Krambudcn die dem Platze nicht zur Zierde 
gereichten. 1815 wurde der Platz dem Verkehr eröffnet. M. M. 
Eingemauerte Kanonenkugel. In der Fassade des Hauses Neue 
Promenade 6, das jetzt einem Neubau gewichen ist, befand sich eine ein 
gemauerte Kanonenkugel. Der Besitzer des Hauses, Herr E. Sonncnthal, 
wollte sie anfangs der Frontwand des neuen Gebäudes wieder einfügen, 
hat das historische Denkstück aber schließlich dem Märkischen Provinzial- 
Museum als Geschenk überwiesen. Die Kugel hat einen Durchmesser von 
9 cm und ein Gewicht von 3 lex, rührt also von einem Sechspfünter- 
Geschütz her. Ueber ihren Ursprung tauchten verschiedene Ansichten auf. 
So wurde behauptet, die Kugel stamme aus dem siebenjährigen Kriege. 
Damals rückten die Russen indes von Großbeeren her gegen Berlin vor, 
und ihre auf dem Tempelhofer (Krcuz-)Berge aufgepflanzten Geschütze 
bestrichen die Wilhelm-, Friedrich- und Lindenstraße. Zwei Kanonen 
kugeln, die über einem am Belle-Alliance-Platz belegencn Butterkeller 
angebracht waren, erinnerten die Nachwelt an diese Schreckcnstage. Bei 
einem zweiten Angriffe der Russen, der vom Tiergarten aus erfolgte, 
wurde das Polygon (der heutige Leipziger Platz) beschossen; die Schuß 
richtung war also auch in diesem Falle eine andere. Ein dritte Version, 
wonach die Kugel den Straßenkämpfen von 1848 entstammen soll, hat 
der Direktor des Märkischen Provinzial-Museums, Geheimrat Friede!, 
widerlegt. Er wohnte damals in der Nähe der Neuen Promenade und 
darf somit als klassischer Zeuge dafür gelten, daß jene — völlig neutrale — 
Gegend im Jahre 1848 überhaupt nicht mit Kanonen beschossen wurde, 
auch die Barrikaden daselbst unversehrt blieben. Der äußerste 
Militärposten war in den Tagen des 18. und 19. März 1848 bis zur 
Herkules-Brücke vorgeschoben. Danach kann nur der Ueberfall der Russen 
auf die französische Besatzung im Februar 1813 in F-age kommen, bei 
welchem die Kosaken von Weißensee aus bis zum Schlosse vordrangen. 
Aus jener Zeit stammt auch das an dem früheren Marstallgcbäude an 
gebracht gewesene Hufeisen, welches ein dahergaloppierendes Kosakenpferd 
auf dem schlechten Pflaster verloren und bis in die zweite Eloge hinauf 
geschleudert haben soll. Auch diese Reliquie aus den sturmbcwegten 
Tagen Berlins befindet sich im Märkischen Museum. 
Fünfzigjähriges Jubiläum des Portemonnaie. Das Portemonnaie 
hat, wie die Fachzeitschrift „Der Ledermarkt" mitteilt, im verflossenen 
Jahr sein 50 jähriges Jubiläum feiern können. Während inan bis 
vor 50 Jahren sein Geld in allen möglichen und beinahe unmöglichen 
Behältern verwahrte, in den sogenannten „Geldkatzen", die um den 
Leib gebunden wurden, in alten Strümpfen, wie in perlengestickten, 
gehäkelten Börsen mit verschiebbaren Metallringen als Verschluß, kam 
das Portemonnaie, das zierlich und handlich in jeder Hosen- und Kleider 
lasche untergebracht werden konnte, im Jahre 1847 auf. Sein Erfinder 
ist ein deutscher Buchbindergesellc in Amerika, Namens Karl Heue. 
Er hat es leider versäumt, seine Erfindung patentieren zu lassen sonst 
müßte er ein schwerreicher Mann geworden sein. Das Portemonnaie 
hat seitdem die mannigfaltigsten Wandlungen durchgemacht, vom ein 
fachen Ledertäschchen mit primitivem Stahlbügel bis zum elegantesten 
Fächerportemonnaie aus Krokodil- oder Schlangenhaut mit Patentver 
schluß. Einen Fehler haben aber bis jetzt alle Portemonnaies gehabt: 
sie werden gar zu leicht leer. 
Schleiermachcr und sei» Bewunderer. Ein junger Theologe, der 
sich um die Protektion Schleiermachers bewarb, unterließ es nicht, dem 
berühmten Prediger auf alle mögliche Weise zu schmeicheln. Schleier 
macher aber wußte sich den Lästigen stets auf geschickte Weise vom Halse 
zu halten. Als wieder einmal eine Anzahl von Predigten Schleier- 
machers erschienen war, sandte ihm sein Bewunderer einen Brief, in 
welchem er schrieb: „Mein teurer Bruderl Ich habe Ihre letzten 
Predigten gelesen und darüber geweint. Ihr Sic hochschätzender 
X." Umgehend traf die Antwort ein: „Sehr geehrter Herr! Ich habe 
Ihren Brief gelesen und darüber gelacht. Achtungsvoll Schleiermacher." 
— dn — 
Aus einer Berliner Bolksversammluug. In einer Berliner Volks 
versammlung, bei der es mehr als lebhaft zuging, vergaß sich der 
wütende alte >.Volksredner Held so weit, seinem jugendlichen Gegner 
zuzurufen: „Herr, Sie scheinen mir der größte Esel zu sein, den ich je 
in meinem Leben zu sehen das Unglück hatte!" „Ich rufe Sie zur 
Ordnung", rief der Vorsitzende, „Sie vergessen ja ganz, daß ich 
hier bin!" — du — 
Ueretn»-Nachrichten 
Brandenburgia. 
Sitzung vom 9. Februar 1898. 
Die Brandenburgia, Gesellschaft für Heimatkunde der 
Provinz Brandenburg zu Berlin, hielt am 9. Februar ihre 
7. ordcntl. Versammlung im großen Sitzungssaal des Brandenburgischen 
Etändehauses ab. Herr Kustos Buchholz erklärte zuerst die im Märk. 
Museum befindlichen, älteren Ansichten der St Georgenkirche, deren l 
Neubau die Gesellschaft kürzlich besichtigt hatte. Darauf legte Herr Ge 
heimrat Friede! mehrere llebcrreste von Getreide und Mehl, die aus 
dem Brande der Borsigmühlc stammten, vor. Es ist sehr interessant, 
welche Veränderungen Korn und Mehl in der Weißglühhitze des Brandes 
durchgemacht haben. Roggenkörner haben sich zu einer kohlschwarzen, 
tropfenartigcn Masse zusammengeballt, Weizen hat einen graphitglänzenden 
Uebcrzug angenommen, und Mehl ist zu einer dunkelbraunen bezw. schwärz 
lichen Masse zusammengebacken, welche nach Cichorie riecht. Einige Stücke, 
welche dem Feuer besonders ausgesetzt waren, sind fest und hart wie 
Kohle geworden und lassen sich schneiden und sägen; die Feuerwehrleute 
haben sich aus solchen Stücken allerhand Andenken geschnitzt. Die 
weiteren, von Geheimrat Friede! vorgelegten Gegenstände gehörten in 
das Gebiet des Aberglaubens, mit besten großer Verbreitung in 
Berlin und Umgegend sich die Gesellschaft im ferneren Verlaust der 
Sitzung beschäftigte. Aus dem Tierreich legte Geheimrat Friedet eine 
Rückenschale der Schildkröte vor, welche allgemein als glückbringendes 
Tier gilt. Diese Rückenschale wird als Geldschwinge und als Wurf 
schaufel bei der Aussaat des Getreides gebraucht. Zn Werder hält man 
lebende Schildkröten in den Tränktonnen, aus denen man das Vieh 
tränkt, weil man glaubt, daß die Tiere durch den Genuß dieses Wassers 
gesund bleiben und fett werden. Die Fischschuppen gelten als geld- 
bringendcs Mittel; sie werden im Geldbeutel getragen, doch müssen cs 
3 mal 3 Fischschuppen sein. Großes Ansehen genießen in dieser Be 
ziehung die Schuppen des Karpfens, namentlich die großen des Königs 
karpfens; daher rührt denn auch der massenhafte Verbrauch des Karpfens 
zu Sylvester und zu Neujahr. Zähne und Klauen von Tieren 
werden als Amulette getragen. Die ursprüngliche Absicht dabei war, 
die Eigenschaften der betreffenden Tiere, Mut, Stärke, List, Gewandt 
heit u. s. w., auf den Träger des Amuletts zu übertragen; später wollte 
man sich dadurch vor den Angriffen der wilden Tiere schützen, heutzutage 
trägt man die betreffenden Dinge meist nur als Jagdtrophäen an der 
Uhrkette. Wolf- und Fuchszähne gelten auch heute noch als glück 
bringend. Aus dem Pflanzcnieich wies Geheimrat Friede! als einzigen 
Vertreter der leider noch so vielfach verbreiteten sympathetischen Kuren 
einen Holzpflock vor, der zum Uebertragen ansteckender Krankheiten 
auf andere Personen benutzt wurde. Scharlach, Masern, Kopsrose, 
Pocken, Fieber u. a. glaubt man dadurch bannen zu können, indem man 
mit dem betreffenden Holzvflock den Kranken berührt oder bestreicht und 
dann den Pflock in einen Baum hineintreibt. Zieht jemand den Pflock 
heraus, so wird die Krankheit auf ihn übertragen. Abgesehen von der 
niederträchtigen Gesinnung, die den Beweggrund zu solcher Handlungs 
weise bildet, ist dieier Aberglaube geradezu gefährlich, da sehr leicht an- 
steckende Krankheitskeime an dem Pflock haften und eine Uebertragung 
der Krankheit herbeiführen können. Es ist daher im Interesse der Mit 
menschen geboten, solche Holzpflöcke unter den nötigen Sicherheits- 
maßrcgcln zu beseitigen und zu vergraben. Versteinerungen und stein- 
artige Gebilde, an welche sich abergläubische Vorstellungen anknüpfen, 
wurden in großer Anzahl vorgelegt. Fossile Belemnitcn, sogenannte 
Donnerkeile, welche Schutz gegen Blitzschlag und Feuersgefahr ge 
währen, Krötensteine, versteinerte Seeigel, die zum „Böten", Be 
sprechen von Krankheiten, gebraucht werden, Schwalbensteine, eine 
Feuersteinbildun), die als Mittel gegen Augenkrankheiten in großem 
Ansehen stehen, Bezoarsteine, die noch jetzt gegen Magenleiden an 
gewendet werden und in vielen Apotheken käuflich sind. Ferner „ Glücks - 
steine", die ihre Kraft verlieren, wenn sie gekauft werden; man muß 
sie deshalb heimlich entwenden oder zufällig finden; Melksteine, eigen 
artige Feuersteinbildungen mit einem Loch in der Mitte, durch welches 
man die Kühe melkt, wenn sie keine Milch geben oder wenn die Milch 
blutig ist; S chreckfleine, aus Serpentin gefertigte Amulette zum Schutze 
der Wöchnerinnen gegen Schaden und Schreck, und Mi Ich steine, ein: 
Alaunbildung, zur Vermehrung der Milch der nährenden Mutter. 
Schließlich ei wähnte der Vortragende noch der als Talisman dienenden 
Ringe, w lche, mit Steinen, Tierzähnen oder Muschelschalen geziert, als 
glückbring ndcs Erbstück in vielen, namentlich adligen Familien sorgsam 
aufbewahrt werden. Zahlreiche Sagen berichten von solchen Glücks 
ringen, von denen das Fortbestehen und das Glück des Geschlechts ab 
hängig ist. Auch im Kronschatz des preußischen Königshauses soll sich 
nach den Angaben des verstorbenen Hofrats Louis Schneider ein solcher 
Glücksring befinden, der wohlversicgelt in strengverschlossenem Geheimfach 
aufbewahrt wird. 
Den Hauptvortrag des Abends hielt Herr Prediger vr. M. Runze 
über: „Volkslümliches aus dem Berliner Leben". Der Redner 
wies auf die große Verbreitung des Aberglaubens in allen Beruss- 
klassen Berlins hin und führte verschiedene der ihm in seinem 
Berufe vorgekommenen abergläubischen Ansichten an. Fällt bei der 
Trauung der Ring zur Erde, so bedeutet dies Unglück; besonders 
verhängnisvoll ist es, wenn er nach links fällt oder gar nicht wieder zu 
finden ist. Flackern die Kerzen auf dem Traualtar auf der Seite des 
Bräutigams, so deuten sic auf einen zänkischen Charakter hin. Sieht 
sich die Braut beim Aussteigcn aus dem Wagen oder vor dem Altar 
um, so heißt es, sie sieht sich nach einem andern Mann um. Zerspringen 
des Ringes während der Trauung hat Trennung der Ehe zur Folge, 
Photographieren des Brautpaares bringt Unglück. Wenn das Auf 
gebot in der Kirche verlesen wird. darf das Brautpaar nicht anwesend 
sein, das ist verhängnisvoll, beglückwünscht man ein Brautpaar vor der 
Trauung, so nimmt man ihm das Glück. Alte Leute gehen nicht gern 
zum Prediger, weil sie glauben, sie müssen sonst bald sterben. Nach 
einem Todesfall werden die Fenster geöffnet, damit die Seele zum 
Himmel eilen kann und de: Verstorbene nicht umgeht. Die Leute, 
welche eine Leiche ins Zimmer getragen haben, gehen rückwärts hinaus,
        
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