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Periodical volume 5. März 1898, No. 10

Full text: Der Bär Issue 24.1898

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Kleine Mitteilungen 
Das Programm von 1858 *). Man hat immer „die fast irrtum 
lose Menschenkenntnis" Wilhelms I. bewundert. Auch damals (1858) 
wußte er sie zu zeigen: seine erste Regierungshandlung beinahe war die 
Berufung des einst von ihm „entdeckten" Moltke an die Spitze des 
Generalstabes, auch Edwin v, Manteuffel, den er erst ungern als Chef 
seines Militärkabinetts übernahm, erkannte er bald in seiner Bedeutung 
und zog ihn auf das engste an sich, und schon hatte er Roon seine Denk 
schrift über die HcercSfrage schreiben lassen. Daß er diesen Griff für 
die richtigen Leute, die ihm aus seinem ursprünglichen, dem milttärischen 
Felde bereits eigen war, auf dem politischen damals auch bewiesen habe, 
wird niemand behaupten. Die Auswahl seiner ersten Berater war 
durchaus unglücklich ausgefallen. Er war in diesen Angelegenheiten 
noch halb fremd; er handelte zudem nicht frei nach seiner Neigung, er 
hatte sich selber die Bahn eingeengt. Aber er wollte den Versuch wagen, 
den Forderungen des TageS gerecht zu werden. Sein Ministerium, 
bunt wie es war, bedurfte der Weisung: er erteilte sie ihm. Er stellte 
in der berühmten Ansprache an seine Minister (8, November 1858) ein 
Richtmaß für die neue Politik auf; nach Schneiders Zeugniffe hat er 
diese Erklärung ganz allein entworfen, sie ohne Korrekturen und Ein 
schübe einheitlich niedergeschrieben; sie trägt in der That alle Züge seines 
Stiles. 
Auffallend ist die starke Betonung des Maßes der konservativen 
Grundlagen, geradezu des Königstumes von Gottes Gnaden, die Abwehr 
aller weiteren Koncessionen nach links hin. Der Regent warnt vor 
jeder Art von Ueberstürzung und Uebertreibung, so in der Selbstverwaltung, 
die man freilich weiterbilden, im Wirtschafts- und Verkehrswesen, das 
man freilich pflegen müsse; er findet eine Erziehung des Volkes not- 
wmdig, damit die Geschworenengerichte wirklich Segen stiften können. 
Er kündigt die Notwendigkeit neuer Staatseinkünfte und vor allem die 
dringende Notwendigkeit der Heeresorganisation an: vor allem dort 
keine schädliche Sparsamkeit! All diese entschiedenen Warnungen waren 
der öffentlichen Meinung erträglich, und manches, wie die zweimalige, 
sehr ausdrückliche Nebeneinandcrordnung von Vaterland und Krone, 
wie das Schlußwort vom Gottesgnadentume, mochte sie vielleicht ganz 
überhören, weil der Bruch in anderem so unverkennbar vollzogen war. 
Der Regent mochte immerhin beteuern, daß man mit der Vergangenheit 
keineswegs brechen wolle und die Pietät gegen seine Vorgänger wahren, 
es war doch nicht mißzuverstehen, wen seine ausführliche Verurteilung 
der politischen Orthodoxie, der geistlichen Heuchelei, aller kirchlichen 
Uebergriffe in beiden Konfessionen, dieser breiteste Absatz der 
gesamten Erklärung, traf. Die Proklamation erschien, im Lichte dieses 
Bekenntnisses, unzweideutig liberal. Aber es ist sicher, nicht der Prinz- 
regent war an dieser einseitigen Auslegung schuld: seine Sätze über die 
innere Politik waren in sich fest und klar. Sie enthielten seine volle 
Meinung; ob er diese der weitergehenden Strömung gegenüber handelnd 
aufrecht halten könnte, mußte sich herausstellen. Die Zeugnisse der nahe 
stehenden Beobachter haben uns gezeigt, daß er und andere bald 
empfanden, er werde weitergeriffen, als er ursprünglich wollte. 
Anders steht es mit den Abschnitten zur auswärtigen Politik. 
Wie verhalten sich diese zu den früher verzeichneten, allgemeinen Gedanken? 
Bedeuten sie eine Präcisierung, einen Fortschritt nach irgend einer Seite 
hin? Sie fügen der Forderung der Hecresrcform die kurzen Hindeutungen 
an: freundschaftliches Verhältnis zu allen Mächten, Unabhängigkeit und 
Ungebundenheit: in Deutschland „moralische Eroberungen" Preußens 
„durch eine weise Gesetzgebung bei sich, durch Hebung aller sittlichen 
Elemente und durch Ergreifen von Einigungs-Elementen, wie der Zoll 
verband es ist, der indessen einer Reform wird unterworfen werden 
müssen, — Die Welt muß wissen, daß Preußen überall das Recht zu 
schützen bereit ist. Ein festes, konsequentes und wenn es sein muß 
energisches Verhalten in der Politik, gepaart mit Klugheit und Besonnenheit, 
muß Preußen das politische Ansehen und die Machtstellung verschaffen, 
die es durch seine materielle Macht allein nicht zu erreichen im Stande 
ist." Das sind doch äußerst vage und magere Sätze, Vielleicht konnte 
ein Fürst gerade über die auswärtige Politik aus Gründen der Vorsicht 
nicht mehr und nichts Greifbareres sagen? Immerhin lag in dem 
Hinweise auf den Schutz des Rechtes eine durchsichtige und ernste An 
spielung auf Dänemark und Kurheffen; auch die „Einigungs-Elemente" 
konnten an die Union erinnern und kleindeutsch zu deuten sein. Man 
mochte also urteilen, daß der Regent sich mehr denke, als er hier aus 
spreche, Indessen berühren sich seine öffentlichen Ausführungen auch hier 
wieder ganz eng mit den vertraulichen, auch jene besagten nicht mehr; 
die „moralischen Eroberungen" durch die eigene Verfaffungspoltiik waren 
ihm ja auch in jenem Briefe an Vincke das „Einzige gewesen, wodurch 
wir in Deutschland unsern Rang behaupten können," Ob er Willens 
war und ob er fähig sein würde, in der deutschen Frage über solche 
bescheidene Pläne doch noch hinauszugehen, das mußten wirklich erst die 
kommenden Thaten erweisen, aus denen muß auch der Historiker hier 
erst auf die ursprünglichen Absichten und ihre Grenzen sicherer zurück- 
zuschließen trachten — hier ist auch heute noch die innerliche Gesinnung 
des Prinzen für die Anfänge seines Regiments nicht so deutlich, hier 
war sie in ihm wohl nicht so ausgearbeitet, wie in den Grundfragen 
des innerprcußischcn Lebens. — 
*) AuS Marcks: Kaiser Wilhelm I. Verlag von Tuncker und 
Humblot; Preis 5 Mk, broch., 7 Mk, geb. 
Die Ansprache vom 8, November drückte Wilhelms Absicht aus, 
den Kurs seines Schiffes selber zu bestimmen. Die Fahrt begann, und 
die Stürme blieben nicht aus. Er ergriff das Steuer. 
Der patriotische Eifer der Insasse» des Stiftes Quedlinburg 
und dankbare Anerkennung desselben durch den König Friedrich 
Wilhelm 11. Aus unserm Leserkreise geht uns — besten Dank! — 
die wort- und buchstabengetreue Abschrift eines Schreibens Friedrich 
Wilhelms II. aus dem Jahre 1794 betr. den patriotischen Eifer der 
Insassen des Stiftes Quedlinburg zu. Das Schreiben lautet folgender 
maßen: 
„Bester lieber Getreuer! Ich habe aus Eurem Schreiben vom 
31. vorigen Monats mit Wohlgefallen ersehen, daß die Einsassen 
des Stifts Quedlinburg Meinen treuen Unterthanen des Fürsten 
thums Halbcrstadt an Gutmüthigkeit und Menschenliebe nichts nach 
geben, sich vielmehr es eifrig haben angelegen seyn lassen, zur 
Unterstützung ihrer im Feld: stehender Mitbrüder und deren Weiber 
und Kinder verschiedene nicht unbeträchtliche Geldsummen und 
Beiträge an Scharpie und Bandagen für die Blessirten zusammen 
zu bringen und zu leisten, auch die Soldaten des Regiments Herzog 
von Lraunscbveig mit Brusttüchern und Unterhosen zu versorgen, daher 
will Ich Euch hierdurch auftragen, sämmtlichen wohlthätigen Gebern 
zu versichern, daß Mir Ihre gute Absicht zur vollkommenen 
Zufriedenheit gereiche, daß Ich ihren wahren patriotischen Eifer 
schätze und solchen danknehmend erkenne. 
Euch selbst aber will Ich für Eure Mittwürkung dar Wohlwollen 
bezeigen, worin Ich beharre als Euer gnädiger König 
Potsdam, den 14 Aprill 1794, Frd. Wilhelm, 
An 
den p, von Arnstedt zu Quedlinburg." 
Das Uniform-Tragen der preußische« Könige. Ueber das Uniform- 
Tragen der preußischen Könige brachte der „B. Lok.-Anz," kürzlich 
folgende interessante Notiz: Die preußischen Könige trugen — was ihnen 
die anderen Fürsten bald nachmachten — seit 1719 stets Uniform. In 
jenem Jahre vertauschte Friedrich Wilhelm I, seine Civilkleibung «brauner 
Rock mit englischen Aufschlägen und rote, mit Silber bordierte Weste) 
mit der Uniform seiner Fußgarde. Von den späteren Königen trug nur 
Friedrich Wilhelm UI, nicht immer die Uniform, Häufig sah man ihn 
in einem eng anschließenden, fest zugeknöpften blauen Leibrock und der 
einfachen Landwehrmütze. Kaiser Wilhelm I trug auf seinen Badereisen 
stets Civilkleidung, 
Historische Detail-Kenntnisse Kaiser Wilhehms 11. In dem 
Prachtwerke „Am Hofe Kaiser Wilhelms U." (Neuer Verlag, 
Prenzlauerstr. 35) erzählt Arthur Bremer in dem Auisatze „Der 
Kaiser und die Kunst" etliche Beispiele von auffallender Detail-Kenntnis 
des Kaisers auf historischem, näher kunsthistorischem Gebiet, Gelegentlich 
eines Besuches in dem Atelier des Bildhauers I, Böse, der bekanntlich 
für die Siegesallee die Gruppe Albrechts II. herzustellen hat, besichtigte 
der Kaiser eingehend die Ornamente, welche gerade bei diesem 
Denkmal Bank und Postamente fast überreich schmücken. „Na, Begas," 
sagte der Kaiser zu dem Künstler, der ihn bei den meisten seiner Atelier- 
besuche begleitet, „was haben Sie denn va auszusetzen?" — „Nichts, 
Majestät, ich finde alles ganz ausgezeichnet." — „Ja, ich auch, bis ans 
einige kleine Fehler, Sehen Sic da, Die Adler an den Flanken, die sind 
nicht romanisch genug, die kokettieren schon mit der Renaissance, und der 
Perlenstab da unter dem Sitz, der, lieber Böse, ist doch auch nicht 
ganz echt. Beim romanischen Perlenstab reiht sich Perle an Perle, 
da wechseln nicht Perlen und Stäbe ab." — Ein ander Mal 
handelte es sich um die Gewandung Hermanns von Salza. Böse 
hatte das dem Ornate eingestickte Kreuz des Hochmeisters über dem 
Gürtel abgeschlossen, „Das ist falsch," sagte der Kaiser, „das Kreuz 
muß unter dem Gürtel durchgehen." — „In dem Buche, das mir aus 
dem Staatsarchiv zuging, ist das Kreuz auf einem Holzschnitte so dar 
gestellt, Majestät, wie ich es da habe," wagte der Künstler zu wider 
sprechen, — „Da wäre ich aber neugierig " meinte der Kaiser, „Haben 
Sie den Schmöker zur Hand?" — „Gewiß, Majestät!" — Das Buch 
wurde nun geholt, nachgeschlagen, und — der Künstler hatte sich geirrt. 
Der Kaiser hatte recht. 
Zur Geschichte des Dönhoffsplatzes. Der Dönhoffsplatz, dessen 
vor einem Dezenmum erfolgte Umwandlung au« einem Markt- in einen 
Schmuckplatz durch die Errichtung der Markthallen ermöglicht wurde, 
erhielt im Jahre 1730 einen steinernen Obelisk, welcher als Meilenstein 
diente, von dem zuerst die Entfernung nach Potsdam und Magdehurg 
gemessen wurde. Dieser Obelisk blieb bis kurz vor der Aufstellung des 
Stein-Denkmals im Jahre t875 an seiner Stelle. Bei der Beseitigung 
der Festungswerke wurde der „große Meukt," wie der Name des Platzes 
auf den ältesten Plänen lautet, nur dadurch vor der Bebauung bewahrt, 
daß er zum Exerzier- und Paradeplatz für das vom General Alexander 
von Dönhoff befehligte und nach demselben benannte Jnsanterie-Regiment 
eingerichtet wurde. Von diesem Regiment erhielt der Platz auch seinen 
jetzigen Namen: alle übrigen Annahmen über die Entstehung des 
Namen „Tönhoffsplatz" sind unrichtig. Von den Häusern, mit denen 
unter Friedrich Wilhelm I, die Umgebung des Dönhoffsplatzes besetzt wurde, 
Warnas glänzendste dasjenige des Bankiers Schickler, das 1732 erbaut wurde, 
und dessen Stelle jetzt die Rcichshallcn einnehmen. Die übrigen Gebäude
        
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