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Periodical volume 20. Februar 1897, No. 8

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Nach meiner Heimkehr von den Festlichkeiten in Memel, 
die der Vollendung des Schienenweges bis zum äußersten 
Ende des Deutschen Reiches und dem Erscheinen des Herrn 
Handelsministers galten, bemühte ich mich um ein Bild über 
den Empfang in Prökuls. Es konnte nur dadurch beschafft 
werden, daß der Zug abermals dahin geschafft und 
mit den blumenspendenden Litauerinnen photographiert 
wurde (s. Abbildung auf S. 89). Möge das hier wieder 
gegebene Bild allen bei der denkwürdigen Fahrt Beteiligten 
ein Zeichen der Erinnerung sein! 
Bur Brit teil MM Mlilhtlm. I. 
Von Carl Stichler. 
Im Jahre 1735 bot der am Rheine, am Neckar und an 
der Mosel stattfindende Feldzug der kaiserlichen Heeresteile 
und der Reichskontingente gegen Frankreich den Bewohnern 
Berlins und gar erst den maßgebenden Personen der dortigen 
Hofkreise viel Unterhaltungsstoff. 
Man erlebte in der preußischen Haupt- und Residenzstadt 
an der Spree damals mancherlei Außergewöhnliches. Daß 
die kaiserliche Vertretung in den Straßen sowie auf den Plätzen 
Berlins mit Erlaubnis Sr. Majestät des Königs Friedrich 
Wilhelm I. die Werbetrommel rühren und dabei die Auf 
forderung zur Uebernahme spezieller Dienstleistungen verlesen 
lassen durfte, war gewiß etwas ganz Ungewohntes. 
Friedrich Wilhelm I. ließ in erlaubter und mitunter auch 
wohl unerlaubter Weise in anderen Staaten und Reichen werben, 
um „lange Kerls" für seine Lieblingstruppen in genügender 
Zahl zu erlangen. Mit dem Uebertritt seiner Unterthanen in 
auswärtige Dienste oder gar mit Ueberlaffung ganzer Truppen 
teile unter den direkten Oberbefehl kaiserlicher Heerführer konnte 
er sich fast nie befreunden. Die Sorge für seine „blauen 
Kinder" überwog im gewöhnlichen alle anderen Erwägungen 
und Einwände. Lieber gab der sonst so haushälterische Monarch 
mit vollen Händen aus seinen Staatskassen reich bemessene 
Hülfsgeldcr, als daß er seine Regimenter den damals sehr 
mangelhaften und durchaus ungenügenden „Verpflegungs- 
Vorkehrungen" der Reichskreisbehörden und beauftragter Unter 
nehmer preisgeben wollte. 
Zu den vom Prinzen Eugenius äußerst schlaff geführten 
Rheinfeldzügen der Jahre 1734/35 hatte Friedrich Wilhelm I. 
unter dem Befehle des Generals Erhard Ernst von Röder 
ein Korps von zehntausend Mann (zehn Bataillone Infanterie, 
zwanzig Schwadronen Dragoner uno drei Schwadronen Husaren) 
marschieren lassen. Diese Streitmacht ließ er nicht als Reichs- 
konlingent behandeln; auch hatte er es streng verboten, daß 
ein Verzeichnis dieser Bataillone und Schwadronen der Reichs 
kriegsleitung ausgehändigt werde. 
Mit diesem „Reichskriege" gegen die Franzosen hatte es 
schon im Beginne eine ganz eigene Bewandtnis gehabt, da 
die drei wittelsbachischen Kurfürsten, von Bayern, Pfalz und 
Köln, ganz entschieden gegen denselben „protestiert" halten und 
allerlei dynastische Neben- und Zwischeninteressen dabei zur 
Geltung kamen. Auch Friedrich Wilhelm I. hatte ernstlich 
abgeraten. Reichsgraf Friedrich Heinrich von Seckendorf, der 
dis dahin am Hofe in Berlin die Vertretung der kaiserlichen 
Angelegenheiten geführt und die Gunst Friedrich Wilhelms I. 
in außergewöhnlicher Weise erlangt hatte, gewann auch die 
wittelsbachischen Kurfürsten schließlich für die Reichskriegsunter- 
nehmung, bewog den preußischen König zu mancherlei Förde 
rung derselben und blieb dann im Hauptquartiere des alters 
schwach und hinfällig gewordenen Prinzen Eugenius, um für 
alle Fälle zur Uebernahme des Oberbefehls bereit zu sein. 
An Seckendorf schrieb Friedrich Wilhelm I. am 8. Februar 
des Jahres 1735 in Bezug auf die Verwendung und Ver 
sorgung der preußischen Truppen wörtlich: „Wegen den March 
der Trouppen sollen sie in der Armee seyn, wann die Zeith 
wird da seyn. aber in Winter-Monathen zu campiren umb 
nichts zu thun, als die Leuthe und die Pferde ruiniren zu 
laßen, fl 1a Saxonne, ist nit hier die Mode; Sie sollen nit 
--die Ersten seyn, Auch nit die letzten; zum wenigsten repondire, 
wo die Reichs-Armee was entrepeniren wird, Meine Leuihe 
gewiß mit 8 tsvapo dabey mit aller Vigueur agiren sollen." 
Als ein großer Erfolg Seckendorfs galt es im März 
1735 in Berlin, daß König Friedrich Wilhelm I. damals der 
kaiserlichen Heeresleitung vierzig „blecherne" Pontons für 
vierzehntausend Thaler verkaufte, dabei einen Pontons- 
Sergeanten, drei Pontonniers und einen „Blechschmiedt" leih 
weise mitsandte und ferner gestattete, daß zur Bespannung der 
erforderlichen vierzig Transporlfuhrwerke und des Begleit 
trains im Magdeburgischen und Halberstädtischen 219 Pferde 
um den festgesetzten Preis von fünfzig Thaler pro Stück an 
gekauft und aus dem Lande geführt werden durften. Im 
weiteren fand nun mit königlicher Erlaubnis in Berlin bei 
Trommelklang und öffentlicher Aufforderung die Werbung von 
vier Wagenmeistern sowie 92 Fuhrknechten statt durch kaiser 
liche Kommissionäre und Agenten. Wie zeitraubend dann die 
Beschaffung aller Nebenerfordernisse und die Beförderung der 
Pontons zum Kriegsschauplätze sich gestaltete, ergiebt der Um 
stand, daß der inzwischen zum Oberbefehlshaber ernannte 
Reichsgraf von Seckendorf am 13. Oktober 1735 endlich die 
fröhliche Kunde von der Ankunft dieser Pontons in seinem 
Hauptquartiere zu Hirschfeld in der Moselgegend erhielt. 
Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, längst der persönliche 
Gegner des diplomatisch gewandten Reichsgrafen von Secken 
dorf, hatte bestimmt darauf gerechnet, bei dem Rücktritt des 
Prinzen Eugenius den Oberbefehl über das Reichsheer im 
Sommer 1735 zu erhalten. In dieser Erwartung hatte der 
alte Dessauer (von König Friedrich Wilhelm I. satirisch der 
„alte Mensch" genannt) auf eigene Rechnung sowie ohne 
sonstige Veranlassung und gegen seine bekannte Sparsamkeit 
verstoßend einen kostspieligen Zug zur Reichsarmee gewagt. 
Kaiser Karl VI. hatte dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau 
den Titel eines „Reichsgeneralfeldmarschalls" verliehen. Darauf 
hin war der genannte Fürst und Feldherr mit einem Zuge 
von fiebenzig Pferden und dreizehn Maultieren zum kaiser 
lichen Heerlager aufgebrochen, um dort, gleich Seckendorf, für 
Uebernahme des Oberbefehls bereit zu sein. 
Die Härte und Strenge des Dessauers in allen militä 
rischen Dienstangelegenheiten war weltbekannt. „Er habe 
mindestens den fürchterlichen Anstand eines Hermunduren!" 
äußerten die Führer der Reichskontingenle allgemein. Die 
meisten „Reichsgenerale" wollten lieber den Abschied nehmen, 
als unter dem Dessauer dienen. Ganze Korps (namentlich 
das hannoversche und das hessische Kontingent) wichen den 
Forderungen des rauhen und äußerst energischen Befehlshabers 
aus, der hier der Nachfolger des savoyschen Prinzen in der
        
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