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Periodical volume 13. Februar 1897, No. 7

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Hammer. Oelgemälde und Aquarellen wurden über 5060 versteigert, 
unter denen sich Werke befanden, welche mit 8 bis 10 000 Mar! und 
darüber bezahlt wurden. Einheitliche Kupferstichversteigcrungen fanden 
nur vier statt, wobei an 4000 einzelne Nummern zum Verkauf kamen. 
Auch Juwelen kamen nur zweimal, Bücher unc> Autographien nur je 
einmal unter den Hammer. Ganz bervorragcnde Kunstsammlungen 
wurden, wie schon erwähnt, im vorigen Jahre durch das Lepkesche Kunst 
auktionshaus versteigert. Dazu gehören die kostbaren Bildergalerien des 
Herrn Martin Heckscher und der Frau Jobanna von Tischer aus Wien, 
die Kunstsammlung des Bildhauers M. A. Zur Strassen aus Leipzig, 
des Herrn Adolph Thiem, und vor allem die kostbare Sammlung des 
in Berlin gestorbenen Kunsthändlers Louis Gottschalk, welche volle zehn 
Tage in Anspruch nahm. Erwähnenswert sind ferner die Versteigerungen 
des künstlerischen Nachlasses des Malers A. Haun, des Professors 
Georg Bleibtreu, des Genremalers Fr. Kraus und des Pianisten Prof. 
Louis Brassin. 
Wert des Charlottenburger Grundbesitzes. Der Wert des 
Charlottenburger Grundbesitzes steigt rapide. Der Magistrat von 
Charlottenburg will vier Grundstücke zu Schulzwecken kaufen. Die da- 
sür in Aussicht genommenen Gelände haben eine Ausdehnung von rund 
acht Morgen, wofür anderthalb Millionen Mark gefordert werden, was 
einem Durchschnittswert von etwa 190 000 Mk. für den Morgen gleich 
käme. In der Augsburgerstrabe kostet der Quadratmeter Land 
100 Mk, in der Goethestraße 70 M'., in der Knesebeckstraße 80 Mark 
und in der Bismarckstcaße 58 Mk. Ein zum vielfachen Millionär 
gewordener Gärtner in Berlin kaufte vor 30 Jahren von Kilian, dem 
bekannten Schöneberger Millioncnbauer, in der Habsburgerstraße Kartoffel 
land zum Preise von hundert Mk. für den Morgen und erhielt noch 
obendrein ein Stück Land geschenkt. Jetzt wird er bald ebensoviel für 
den Quadratmeter erzielen können. 
Zur Ausschmückung der Sieges-Allcc. Auf Wunsch des Kaisers 
sollen, wie wir erfahren, die Bänke, die als Halbrondells jede Fürsteu- 
gruppe umschließen bezw. abschließen werden, jedesmal im Stile der 
Zeit des betreffenden Herrschers gehalten werden. In den 32 der äußeren 
Form nach gleichen Bänken weiden demnach der gotische, der romanische 
und der gotisch-romanische Stil, die Renaissance, Barock und Rokoko 
zum Ausdruck gelangen. Die moderne Zeit soll möglichst in dem 
Bestreben dargestellt werden, die alten Formen des deutschen Mittel 
alters neu zu beleben. 
Die Skizze» der für den Viktoriapark bestimmten Hermenstand 
bilder befinden sich gegenwärtig im Festsaal tes Rathauses. Sie stellen 
die Sänger der Freiheitskriege dar. Die schönste und auch dankbarste 
Figur ist die Theodor Körners von Wenck: der Dichter, im Wnffenrock 
des Lützower Jägers mit dem Mantel, umfaßt mit beiden Händen den 
Säbel und hält den begeisterungsvollen Blick nach oben gerichtet wie zum 
heiligen Gelöbnis. Den charakteristischen Kopf von Ludwig Uhland, 
dessen Seherblick nach links gewandt ist, hat Max Kruse geschaffen. Ernst 
Moritz Arndt, von Hans Lall, hält in der linken ein Blatt, in der rechten 
die Feder, und aus dem Ausdruck seines Antlitzes glaubt man das Lied 
zu lesen „Was ist des Deutschen Vaterland?" Der Kopf des edlen 
Rückert mit dem herabwallenden Haar ist offen und frei in die Ferne 
gerichtet, seine Linke hält ein aufgeschlagenes Buch, die Rechte eine Feder. 
Rückert ist von Lepcke, Heinrich von Kleist von Pracht und Schenkendorf von 
Reichel modelliert. Die Hermen werden in wetterfestem Marmor aus 
geführt. 
Ausstellung im Königliche» Zeughanse. Seit der großen Parole- 
Ausgabe am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers sind im Lichthofe 
des Königlichen Zeughauses eine Anzahl neu hinzugekommener Stücke 
ausgestellt. Es sind eine Reihe von Flaggen, dann einzelne Geschenke 
— darunter als vornehmstes ein Erinnerungsstück an den Prinzen 
Alexander von Preußen -, eine Widmungstafel an den Fcldmarschall 
Moltke, einige Ankäufe und zuletzt die große, Seiner Majestät dem 
Kaiser als Jubiläumsgabe (1870/71—1895/96) dargebrachte Waffen- 
sammlung des Herrn N. von Dreyse-Sömmerda. 
Figurenschmuck im neuen Abgeordnctenhause. In dem neuen 
Abgeordnetenhaus werden einen hervorragenden Teil der inneren Aus 
schmückungen vier Kolossalfiguren bilden, welche ihren Platz in der großen 
Vorhalle zu beiden Seiten der zu dem großen Sitzungssaalc cmpor- 
führenden Treppen finden sollen. Die vier Figuren, welche sämtlich von 
dem Bildhauer L. Starck ausgeführt werden, sollen die Beredsamkeit, 
die Weisheit, die Gerechtigkeit und die Treue- verkörpern. Die Bered 
samkeit und Treue werden durch männliche, die Weisheit und Gerechtig 
keit durch weibliche Gestalten dargestellt. 
Ein mutmaßlicher Königssarg aus Stein ist aus einem Hüncngrabc 
auf Helgoland zu Tage befördert worden. Derselbe wurde nach Berlin 
überführt und soll nach seiner Restaurierung und nachdem er wissen 
schaftlich untersucht worden ist, dem Museum für Völkerkunde einverleibt 
werden. 
Kücherttsch. 
Die Poggenpuhls. Roman von Theodor Fontane. Berlin 1896. 
Verlag von F. Fontane & Co. Preis 2 Mk. 
„Die Poggenpuhls" sind eine liebenswürdige Familie, wie sie nur 
Altmeister Fontane zu zeichnen versteht. Der Major von Poggcnpuhl 
ist am 18. August 1870 bei Gravelotte an der Spitze seines Bataillons 
gefallen und hat seiner Familie nichts hinterlassen als einen guten 
alten Namen und drei blanke Krönungsthaler. Wie die verwitwete 
Frau Majorin mit ihren drei Töchtern sich mit Gottvertraue» und 
Humor durchschlägt — das ist der Inhalt dieser neuesten Schöpfung 
Fontanes, die mehr ein Stimniungsbild aus der Großstadt als ein 
Roman ist. Aber was für ein Stimmungsbild! Man sieht die lieben 
Menschen in ihrer bescheidenen Wohnung in der Groß-Görschenstraße 
körperlich vor sich, so greifbar veisteht der Dichter zu schildern. Sie 
leben nur für die beiden „Jungens", für Wendelin, der schon ein älterer 
Premier ist, und für Leo, den jungen Leichtfuß; beide Brüder dienen in 
demselben binterpommerschen Regiment, in dem schon der Vater seine 
Laufbahn begonnen und am denkwürdigen 18. August in Ruhm und in 
Ehre beschlossen hatte. Diesen Ruhm zu steigern, strebt die schwesteiliche 
Trias mit allen Mitteln an. Die älteste Schwester, Therese, hält die 
Poggenpuhlsche Fahne in den Generals- und Minister-Familien in der 
Rehren- und Wllhclmstraße hoch. Sophie, die zlveite, „ein freundliches 
Pudelgesicht mit Löckchen", malt, zeichnet, dichtet, musiziert und ist mit 
Manon, dem Nesthäkchen und Plaudermund, in der „seinwollcnden 
Aristokratie" der Finanzwelt heimisch. Dazu der alte Onkel General, 
ein Kabinettstück feinster Fontanescher Charakteristik, die Frau Majoriu, 
die „das Leben zerrieben und mürbe gemacht hat", und last not least, 
das Dienstmädchen Friederike, ein Musterbild schlichter Treue — es ist 
in der That ein hoher Genuß, in die Herzen dieser Menschen zu blicken, 
deren Wesen und Wollen man kennen lernt, als seien es alte Freunde, 
mit denen man Jahre hindurch verkehrt hat. R. G. 
Napoleon I. und der Ueberfall des Lntzowschen Freikorps bei Kitzen 
am 17. Juni 1813. Ein Beitrag zur Geschichte der Freiheits 
kriege. Mit einer Karte von Kitzen und Umgegend 1818. Von 
Adolf Brecher. Berlin 1897. R. Gärtners Verlagsbuchhandlung 
Heim Heyfelder. Preis 3 Mark. 
Durch diese auf den sorgfältigsten und fleißigsten Studien beruhende 
Arbeit ist nicht bloß über das unglückliche Gerecht bei Kitzen zum ersten 
Male volles Licht verbreitet, sondern cs ist auch die deutsch; Nation 
von jeder Mitschuld an jenem frechen Bruch des Völkerrechts glänzend 
gereinigt geworden. Unter Heranziehung bis dahin in Deutschland nicht 
bekannter französischer Quellen ist überzeugend nachgewiesen worden, daß 
Napoleon I. allein der Urheber jenes Bubenstücks war, und daß Friedrich 
Förster recht hatte, wenn er schon vor vierzig Jahren urteilte: „Diese 
Greuelthat schließt sich den vielen anderen Mordthaten, welche dcr 
Franzosenkaiser in Deutschland verübt hat, nichtswürdig an; hier stellen 
mir die Anklage auf Mord mit Vorbedacht." Wir beabsichtigen, dem 
nächst im „Bär" in einem besonderen Artikel das Resultat der mühsamen 
Forschungen Adolf Brechers kurz zu skizzieren, können aber nicht umhin, 
dem als gediegenen Geschichtsforscher bekannten Verfasser schon jetzt 
unseren wärmsten Dank für diese seine wertvolle Arbeit, die zugleich als 
patriotische That bezeichnet werden muß, zu bezeugen. — n. 
Meyers Konversations-Lexikon, Band XIV. Das neue Werk, 
dem erst vor kurzem wieder berufene Kritiker in ausführlicher Begründung 
die führende Stellung in der encyklopädischen Litteratur der Gegenwart 
zuerkannt haben, naht der Vollendung. Hervorragend sind in dem 
neuerschienencn, die Sticbworte „Politik" „bis Russisches Reich" umfassenden 
Band die liltcrarhistorischen Arbeiten über polnische, portugiesische und 
russische Litteratur, die die Entwickelung des geistigen Lebens jener 
Nationen mit leuchtender Klarheit aufzeichnen. Dieses Gebiet hat 
außerdem noch eine würdige Vertretung in dem Artikel „Roman" gefunden, 
kcr nach einem gedrängten, aber erschöpfenden Resümee über Begriff und 
Wesen in die „Geschichte des Romans" übergeht und sich hier zu einer 
überaus wertvollen, umfassenden Studie über die Ausbreitung der 
Romanlitreratur bei den Kulturvölkern entfaltet. Der „Presse" ist 
gleichermaßen ein größerer Aufsatz in Verbindung mit einer eingehenden 
Darlegung der preßgesetzlichen Bestimmungen in Deutschland, Österreich 
und den übrigen Nachbarreichen gewidmet. An den früherm Bänden 
bereits haben wir die Gründlichkeit in der Behandlung geschichtlich- 
geograhischcr Themen gerühmt; sie zeigt sich auch in dem neuen Band 
bei den von reichem kartographischen Material unterstützten Arbeiten über 
Preußen (mit neuer farbiger Tafel „Preußische Provinzwappen"), 
Portugal, Rumänien, Rom (Alt- und Neu-Rom), Römisches Reich, 
Russischs Reich. Zur Erkenntnis unsers Seelenlebens dienen die mit 
imponierender wissenschaftlicher Vertiefung geschriebenen Beiträge über 
Psychologie, Psychophysik, dann über Psychiatric, während aus der 
Sphäre der Kunst und Kunstgeschichte die glänzend geschriebenen 
biographischen Artikel „Raffael", „Rauch", „Rossini", Rubens" und weiter 
der Aufsatz „Russische Kunst" (mit neuen Tafeln „Russische Kultur I und 
II") unbedingten Anspruch auf vollste Würdigung erheben können. Für 
einschlägige Fragen auf dem Gebiete der Rechts- und Staatswissenschastcn 
ermöglichen die gemeinverständlichen Abhandlungen über Rechtswissenschaft 
und die Reichsangehörigkeit, Reichsbehörden etc. eine vortreffliche 
Orientierung. Zu der Darstellung des Verkehrswesens in Meyers 
Konversations-Lexikon tritt in der gegenwärtigen Fortsetzung der Artikel 
„Post", der unter diesem Stichwort neben d>r Geschichte des PostwescnS 
die heutige Einrichtung und den Betrieb dieser Anstalt im deutschen und 
internationalen Verkehr und in großen Zügen auch das Postwesen in 
außerdeutschen Ländern umfassend behandelt. Arbeiten von einschneidendem 
öffentlichen Interesse auf dem Gebiete der Hygiene und Volkswohlfahrt 
begegnen wir unter den Stichworten „Rettungswesen zur See" (mit 
Karte: „Rettungsstationen an den deutschen Küsten"), „Rieselfelder",
        
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