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Periodical volume 6. Februar 1897, No. 6

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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selbst wenn einmal ein Fehlgriff geschah. Wie spricht man 
denn aber über den Krieg in Berlin?" 
„Die Kriegsgerüchte mehren sich täglich. Seit dem ver 
unglückten Fluchtversuch des Königs von Frankreich ist die 
Lage des Königtums dort sehr kriiisch geworden. Sie wissen, 
daß der Kaiser Leopold II. schon im vorigen Sommer 
(5. Juli 1791) ein Rundschreiben an sämtliche europäische 
Fürsten gerichtet hat, die Sache des franzöfischen Königs zu 
der ihrigen zn machen und mit Waffengewalt gemeinsam ein- 
zuschreiten. Der General von Bischofswerder ist auch in Wien 
gewesen, und man sagt, daß ein Bündnis abgeschlossen sei. 
Die ausgewanderien französischen Prinzen Hetzen unablässig 
zum Kriege und haben vor einiger Zeit den Oberst Baron 
von Roll dieserhalb nach Berlin geschickt. Die Zusammenkunft, 
welche der König im vergangenen August mit dem Kaiser in 
Pillnitz hatte, diente demselben Zwecke. Die glänzenden Feste, 
welche gefeiert wurden, sollten nur die politischen Abmachungen 
verdecken. Der König von Frankreich Hai sich, von der National- 
Versammlung dazu genötigt, den Anschein gegeben, als miß- 
billige er die Ansammlung der franzöfischen Emigranten und 
das Einschreiten der fremden Mächte. Zu diesem Zwecke war 
kürzlich der Herr von Segur in Berlin, ist aber ziemlich kalt 
empfangen worden. Das alles werden Sie schon gelesen 
haben." 
„Nicht ein Wort! Seitdem der Herr von Wöllner die 
Censur wieder eingeführt hat, leben wir wie auf einer ein 
samen Insel. Was nicht erlaubt wird, darf nicht gedruckt 
werden. Wir sehen uns mithin in der Hauptsache auf münd 
liche Mitteilungen angewiesen." 
„Nun, wir an der Quelle find besser informiert. Die 
ftanzöfische Nationalversammlung hat eine etwaige Einmischung 
der fremden Mächte in die inneren Angelegenheiten Frankreichs 
für eine Beleidigung der Nation erklärt und energisch gegen 
unsere Rüstungen protestiert. Obgleich nun Kaiser Leopold II. 
kürzlich gestorben ist, so nimmt man doch an, sein Nachfolger, 
Kaiser Franz, werde dem Pillnitzer Vertrag treu bleiben, und 
man erwartet täglich die Kriegserklärung." 
„Sollen wir uns schlagen, um jene verdammten franzö 
sischen Windhunde wieder in ihre vermeintlichen Rechte ein 
zusetzen?" rief Oppen laut. „Laßt doch die Franzosen mit 
ihrem König und Adel allein fertig werden!" 
„Sie vergeffen, lieber Herr von Oppen, daß die Mächte 
auch noch andere Gründe haben, sich der revolutionären Be 
wegung entgegenzusetzen. Wir haben bis jetzt in Europa, 
mit Ausnahnie von England, nur unumschränkte Monarchien 
gehabt. Jetzt hat sich das französische Volk eine Verfassung 
gegeben, in welcher die königlichen Prärogative in bedenklicher 
Weise beschränkt find. Der König war machtlos, denn die 
Truppen liefen haufenweise zu den Aufrührern über. Wir 
haben nun seit lange die lächerlichsten Moden, die laster 
haftesten Sitten, die spitzfindigste Staatskunst willig von den 
Franzosen angenommen. Ist da der Gedanke so fernliegend, 
daß auch diese gewaltige Bewegung der Geister von jenseits 
des Rheins ansteckend wirken und sich bei uns verbreiten 
könne?" 
„Ja. was wollen denn die Leute? Herrscht nicht Gesetz 
und Ordnung im Lande?" 
„Zugestanden, Herr von Oppen — wenn sich auch nicht 
leugnen läßt, daß vieles noch verbeflerungsbedürftig ist. Sie 
dürfen aber unsere geordneten Zustände, die wir unsern weisen 
Königen verdanken, nicht mit den franzöfischen Verhältniffen 
in eine Linie stellen. Dort muß es. nach Berichten, die uns 
zugegangen find, wirklich grauenhaft gewesen sein. Ich selbst 
war noch nicht in Frankreich. Allein, wenn ich das Treiben 
der franzöfischen Emigranten am Rhein ansehe, von dem ich 
zufällig genaue Kenntnis nehmen konnte, so überfällt mich ein 
tiefes Erschrecken darüber, wie weit die menschliche Natur 
überhaupt entarten und versumpfen kann. Und diese Prinzen 
und hohen Adligen sollen die Blüte der Nation sein!" 
„Ja, dieser leidige Krieg ist uns gar nicht nach dem 
Sinne." bemerkte Herr Hans Wilhelm. „Wie stellt sich aber 
die Dönhoff, der man soviel Einfluß zuschreibt, zur Kriegssrage?" 
„Das weiß man nicht genau. Die einen sagen, die 
Gräfin hetze stark zum Kriege und wolle, der König solle ein 
möglichst starkes Aufgebot ins Feld führen; andere beschuldigen 
sie des heimlichen Einverständnisses mit der Revolutionspartei. 
Uebrigens hat sie den König in Potsdam verlassen und ist 
nach Berlin gezogen. Die Königin wird darüber nicht böse 
sein. Auch dem gutmütigen Könige war ihre grenzenlose 
Anmaßung und Herrschsucht zuletzt lästig geworden." 
Die Damen hatten sich an dem Gespräch bis jetzt nicht 
beteiligt, da es Politik betraf. Marie hatte mit unverwandten 
Blicken an dem Herrn von Finkenstein gehangen und ihm die 
Worte gleichsam vom Munde gelesen. Das war eine ganz 
neue Sprache für sie, die sonst nur den Gesprächen der Eltern 
über Wirtschaftsangelegenheiten gelauscht hatte oder mit den 
jüngeren Gliedern der benachbarten Edelleute, denn ein 
Bürgerlicher durfte kein Rittergut erwerben, im Garten und 
Park umhergetollt war. Finkenstein erschien ihr als der 
Inbegriff aller Gelehrsamkeit und chevaleresken Höflichkeit. 
Er hatte ihr sogar die Hand geküßt, was bisher noch keiner 
gethan hatte. 
Auch Tante Melanie war es schwer geworden, so lange 
zu schweigen, ohne zur Geltung zu kommen. Sie hatte un 
ablässig den Fächer bewegt, geseufzt und allerlei Angenspiel 
getrieben, um die Aufmerksamkeit Finkensteins auf sich zu 
lenken. Endlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Sie 
wandte sich an ihre Schwester und sagte zu ihr: „Siehst 
Du, Sophie, daß ich recht hatte! Dieser Thomas, dieser 
unwissende, unbefangene Mann aus dem Volke, getrieben von 
unheimlichen, überirdischen Mächten, prophezeit den Krieg, von 
dem wir Gebildeten, die wir mitten in der Welt stehen, keine 
Ahnung haben." 
„Was ist's mit dem Thomas, gnädige Frau?" fragte 
Finkenstein. Ihr Zweck war erreicht. Er wandte sich ihr zu. 
Sie sollte aber enttäuscht werden, denn Hans Wilhelm ant- 
wartete sofort statt ihrer: „Ach. das ist mein halbverrückter, 
alter Schäfer, der sich aufs Wahrsagen legt und in den Augen 
der Leute als Wundermann gelten möchte." 
So leichten Kaufes gab sich indes Frau Melanie nicht 
gefangen. Sie wandte sich mit der Bemerkung an Ftnkenstein: 
„Sie müffen doch zugestehen, Monsieur, daß es gewiffe über 
natürliche Kräfte giebt, die nur dem Eingeweihten bekannt 
find und wunderbare Erscheinungen hervorrufen können. Non 
dieu! Wer kann in die Geheimnisse der Natur dringen'? 
Sie haben gewiß auch von der diavolina gehört, diesem wunder 
baren Mittel, das ewige Schönheit und Nervenkraft verbürgt. 
Wer doch von dem kostbaren Mittel etwas erlangen könnte!"
        
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