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Periodical volume 25. Dezember 1897, No. 52

Full text: Der Bär Issue 23.1897

Denkweise und des Verfassungsrechtes, d. h. der Macht, meldeten sich 
dem Prinzen von Preußen bereits an, ehe er noch mit seinem Reform 
werk vor die eigentliche Oeffcntlichkeit trat- Und seine eigene Zukunft 
verkörperte sich in dem Manne, dem Bonin den Platz räumen mußte. 
Daß Bonin weder innerlich noch äußerlich geeignet war, die Reorganisation 
durchzuführen, darin hatten die Generale in Wilhelms Umgebung ganz 
recht; und in der Wahl RoonS hatten sie und tfcr Herr es nicht minder. 
Streng, iLroff, ein Diener seines Kriegsherrn voll großer, harter, stolzer 
preußischer Anschauungen, voll reicher, wissenschaftlicher Bildung und 
kühnen Fluges der Gedanken und der Worte, tief christlich und tief 
monarchisch, ein Mann der Wirklichkeit, der That, des hohen Ehrgeizes, 
furchtlos, ja rauh und herb bei aller innern Wärme, die sein Wesen 
seiner Gattin und seinen Freunden enthüllte, der erste der mächtigen 
Kämpfer einer hereinbrechenden eisernen Zeit — so trat jetzt dieser 
preußische Edelmann, oder besser, dieser preußische Offizier neben seinen 
Herrn; man darf sagen: bereits jetzt gewaffnct bis an die Zähne. Sein 
Anteil an den Entwürfen der Reorganisation — um den auch für Roon 
noch positiv zu bestimmen — war nicht so beherrschend wie man glauben 
konnte: denn die unmittelbaren, technischen Vorschläge seiner Denkschrift 
waren, gerade in ihrem eigensten, abgelehnt worden. Wenn er dennoch 
meinte, Bonins neuer Plan (September 1859) sei nur eine Nachbildung 
des seinigen, so hatte er dabei in einem trotzdem Recht. Das, was er 
vertrat, war die weitgehende Umschaffung des Heeres; das, was er 
hinter diesen Gedanken setzte, war seine feurige Energie, sein Charakter. 
Das Wesentliche war ihm, daß etwas Neues, Strafferes, zugleich 
Breiteres und Einheitlicheres entstünde; das eben wollte Bonin im 
Grunde nicht. Von Bonins Referenten dagegen wich Roon nur in der 
Art des Verfahrens ab; und ihre bessere Auskunft — minder hart und 
wirtschaftlich sowie wohl auch militärisch umsichtiger als die seine — 
nahm er sofort und mit Freuden an, er sprang mit beiden Füßen auf 
den Boden hinüber, bereitwilliger als sein Fürst. Was er hauptsächlich 
wünschte, jene Enischiedenheit der Neuerung, wurde dann doch erreicht; 
er half dabei vorwärts drängen, auch auf dem Wege der andern; er 
war nicht kleinlich, selbstgerecht und eigensinnig. So war sein Anteil 
trotz allem bisher schon groß genug gewesen. Nun aber wurde er 
Minister. Er wurde cs mit „Seufzen", im Vollbewußtscin der 
Schwierigkeiten und Gefahren, in die er sich begab. Und doch ist es 
unverkennbar: er empfand seit Monaten, daß diese Stelle, voi der ihm 
ein wenig grauen mochte und zu der er, soviel man sicht, sich nicht gedrängt 
hatte, die ihm gebührende war, und aus all seinen Berichten an Frau 
und Freund sprüht doch der ungeduldige Ehrgeiz des g-borenen Thäters 
großer Thaten heraus. „Es gilt Großes zu leisten," war sein Schluß 
wort; „nur ein Schelm denkt immer nur an sich. Das Reformwerk ist 
eine Existenzfrage für Preußen, es muß vollbracht werden." 
Was wiffen Sic von Bismarck? Die„Frankf. Ztg." berichtete vor 
einiger Zeit, ein Offizier habe an einem der letzten Geburtstage Bismarcks 
seine Rekruten examiniert, was sie eigentlich von Bismarck wüßten. 
Einer der Marssöhne war der Meinung, Bismarck habe zur Zeit der 
Freiheitskriege gelebt, ein zweiter antwortete: „Er hat gepredigt", und 
ein dritter platzte mit den kostbaren Worten heraus: „Bismarck war 
Kaiser von Frankreich." Die „Tägl. Rundschau" bezeichnete diese Ant 
worten deutscher Rekruten als „schier unglaublich". Daraufhin aber schrieb 
diesem Blatte ein Offizier, daß auch er einmal an jeden einzelnen seiner 
Rekruten die Frage gerichtet: „Was wissen Sie von Bismarck?" Die 
Antworten erweckten so sein Interesse, daß er sie aufschrieb. Einer 
der Rekruten wußte von Bismarck nur, daß er ein „alter Mann" sei, 
ein anderer daß er den Titel „Fürst" habe Wieder andere er 
klärten: „Bismarck ist tot;" auf die Frage: „Wie lange?' meinten sic 
einzeln — cs waren dies mehrere — : „Schon seit Jahren.' Ein anderer 
gab zur Antwort: „Er ist pensioniert" ferner: „Er lebt in Berlin", ja 
sogar: „Er lebt in Paris". „Er war General bei die Kürassire", lautete 
wörtlich eine Antwort, eine andere: „Er war General-Feldmarschall, 
hat 70 mitgemacht und war stets an der Seite von Kaiser Wilhelm." 
Einer der Rekruten — seines Zeichens Kolonialwarenhändler — erklärte: 
„Er hat die afrikanischen Kolonien gegründet", und ein zweiter Ver 
treter dieses Standes erzählte: „Er hat gegen den Handelsvertrag mit 
Rußland protestiert, dann ist der Zollkrieg mit Rußland ausgebrochen." 
Des öfteren fand der Offizier die Ansicht, daß Bismarck lediglich Soldat 
sei und als General sich Verdienste erworben habe. So eine Art Chef 
des Generalstabes mußte ein Rekrut in ihm vermuten, der berichtete: „Er 
hat sich im Feldzug immer ausgesonnen, wie es sich am besten schicken 
könnte." Ein anderer nennt ihn einen „tüchtigen Kriegsheld", etwas 
geringere Anerkennung zollt ihm der Ausspruch: „Er hat den Feldzug 
mitgemacht und das Ehrenzeichen für gute Führung erworben " In 
biblischer Tonart an Josef in Aegypten erinnerte die Antwort: „Er war 
einer der Größten am Königlichen Hofe", eine weitere Entgegnung lautete: 
„Der zweite Kopf bei König", eine andere: „Er war ein Mitbegründer 
des Dreibundes und hat den Kriegsplan bearbeitet." Ein Rekrut 
polnischer Abkunft erzählte: „Er war ein großer Fürst, aber zu den 
Polen war er nicht gut!" AIs Reichstags-Präsidenten denkt ihn sich 
ein anderer: „Er war Reichskanzler und Vorsitzender im Reichstag", 
während ihn sein Nachbar lediglich für Preußen in Anspruch nahm 
und ihn als „das Oberhaup: im Abgcordnetenhausc" bezeichnete. 
Den Gipfel der Thorheit erreichte folgende Erwiderung: „Bismarck 
stammt von den Hohenzollern ab und ist am 1 April geboren." Es 
waren im ganzen sechsundsechzig Rekiuten, an die der Offizier die Frage 
richtete. Von diesen wußten zweiundzwanzig Mann (also genau ein 
Drittel) überhaupt nichts von Bismarck. Der Offizier erklärt, er 
habe sich die größte Mühe gegeben, irgend eine Erinnerung in ihnen 
zu erwecken, es blieb erfolglos, sie ciklärten, niemals in ihrem Leben 
etwas von diesem Manne gehört zu haben. Ein weiterer — der Drei- 
undzwangste also — gab zu, mal etwas von einem Bismarck gewußt zu 
haben, das habe er jedoch wieder vergeffen.. — Auch diese Mitteilungen, 
wir können's nicht leugnen, klingen uns kaum glaublich. Jedenfalls möchten 
wir zur Ehre der deutschen Nation annehmen, daß der betr. Offizier es 
mit einer ganz besonderen Sorte von Rekruten zu thun gehabt hat. 
Wer weiß, aus welcher verlorenen Ecke sie stammten? Jedenfalls aus 
einer Gegend, wo Schulbildung und Patriotismus auffallend vernach 
lässigt sind. Im allgemeinen weiß das deutsche Volk — auch in seinen 
untersten Schichten — über den Fürsten Bismarck sicherlich besser Bescheid. 
NavosepA,L, al# Familienoberhaupt. Aus der neu erschienenen 
Lecestr?WK^SRiniNüng von bisher nicht veröffentlichten Briefen 
Napoleons I. ersteht man aufs neue, mit welch brutaler Rücksichtslosig 
keit dieser gegen seine Brüder auftrat. So sbreibt der eben neu 
gebackene Cäsar unter dem 2 Floreal des Jahres XIII (22. April 1805) 
an die „Madame Märe" lFrau Lätitia Bonaparte, die Mutt-r des 
Kaisers): „Herr Jerüme Bonaparte ist mit der Frau, mit der er zu 
sammenlebt, in Lissabon eingetroffen. Ich habe diesem verlorenen Sohne 
den Befehl zukommen lassen, sich nach Mailand über Perpignan, Toulouse. 
Grenoble und Turin zu begeben. Ich habe ihm mitteilen lassen, daß 
er verhaftet werden wird, wenn er diesen Weg nicht strenge cinhält. 
Fräulein Patterson, die mit ihm zusammenlebt, ist so vorsichtig gewesen, 
sich von ihrem Bruder begleiten zu laffen. Ich habe Befehl gegeben, 
sie nach Amerika zurückzuschicken. Wenn sie sich den von mir erteilten 
Befehlen entziehen sollte und nach Bordeaux oder Paris käme, so wird 
sie nach Amsterdam geschickt, um auf das erste amerikanische Schiff ge 
bracht zu werden. Ich werde diesen jungen Menschen (Jeröme) sehr 
streng behandeln, falls er sich in der einzigen Zusammenkunft, die ich 
zu bewilligen gedenke, des von ihm geführten Namens nicht genug würdig 
zeigt und sich darauf steift, seine Liaison fortzusetzen. Wenn er nicht 
geneigt ist, die Schmach auszutilgen, die er über meinen Namen gebracht 
hat, indem er seine Fahnen und seine Flagge für ein albernes Weib im 
Stiche ließ, so werde ich ihn auf ewig preisgeben, und vielleicht werde 
ich ein Exempel statuieren, das allen jungen Soldaten begreiflich machen 
wird, wie heilig ihre Pflichten sind, und welch ungeheures Verbrechen 
sie begehen, wenn sie ihre Fahnen für ein Weib im Stiche laffen." 
Elisa Patterson, die Tochter eines reichen Amerikaners, war übrigens 
diesem jüngsten Bruder des Kaisers rechtmäßig angetraut, wovon ein so 
mächtiger Mann offenbar keine Notiz zu nehmen brauchte. 
Nicht minder kategorisch und hart sind die Weisungen, die Napoleon 
an Josef unter dem 20. Dezember 1807 hinsichtlich Lucians erteilt, dem 
er befohlen hat, sich von seiner Frau, geborenen Jouberthon, scheiden zu 
lassen. „Wenn Lucian sie aber dennoch an seine Seite rufen will, so 
mag er's thun, nur darf es nicht in Frankreich sein. Ich werde ihm 
kein Hindernis in den Weg legen, so Intim, wie er will, mit ihr zu 
leben, aber nicht wie mit einer Prinzessin, die seine Gemahlin sein könnte. 
Denn die Politik allein ist's, die mich interessiert. Abgesehen davon will 
ich mich seinem Geschmacke und seinen Leidenschaften nicht widersetzen." 
Lucian ließ sich jedoch nicht so leicht einschüchtern, wie der spätere 
„König von Westfalen". 
Vereins Nachrichten 
Verein für Geschichte der Mark Brandenburg. 
Sitzung vom 8. Dezember 1897. 
Herr vr. V. Loewe besprach die Politik Friedrich Wilhelms I. im 
Gebiete der allgemeinen Staatsverwaltung in den Jahren 1714—1717. 
Die Ansicht, daß die ersten Jahre des Königs die fruchtbarsten gewesen 
sind und daß die Ziele der inneren Politik, die ihm später vorschwebten, 
auch damals schon die Richtschnur seines Handelns waren, wird durch 
die Betrachtung dessen, was er in diesen Jahren erreichte, bestätigt. 
Seiner Ueberzeugung, daß ein geordnetes Finanzwesen die Grundlage 
allen gesunden Staatslebens sei, entsprang im Jahre 1714 die Gründung 
der Generalrcchenkammer. Durchaus selbständig und vom Gcneralkriegs- 
kommissariat und dem Gencralfinanzdircltorium unabhängig wurde diese 
Behörde allerdings wohl erst im Jahre 1717. Die Bebördenorganisation 
vereinfachte der König dadurch, daß er das oranische Tribunal mit dem 
Oberappellationsgcricht verschmolz und die bis dahin einer besonderen 
Regierung unterstehende Grafschaft Hohenstein mit Halberstadt vereinigte. 
Aus dem Bestreben, die Verwaltung in der ganzen Monarchie gleich 
mäßig zu gestalten, ging die Schaffung neuer Behörden hervor, die 
zugleich die Aufgabe hatten, den noch bestehenden ständischen Organen 
entgegenzutreten. Bei der Gründung der litthauischen Amtskammrr 
im Jahre 1714 wurde daher ausdrücklich das gesamte preußische Kammer 
wesen der Machtsphäre der Königsberger Regierung entzogen. Eine 
weitere erhebliche Schwächung ständischer Gewalt und Privilegien brachte 
zu gleicher Zeit in Preußen die Einführung des Generalhufenschosses 
durch Waldburg und die Aufhebung des Landkastens, im Herzogtum 
Magdeburg die Beseitigung der ständischen Kreditkosse mit sich. — Einen 
Ausgleich zwischen den wachsenden Ansprüchen der Königlichen Behört en, 
insbesondere der Kommissariale, und den althergebrachten Rechten der 
Regierungen im Gebiete der Verwaltungsjustiz suchte zwar das Kompe- 
tenzreglement vom 25. April 1715 herbeizuführen, aber so sehr sich auch 
die Regierungen gegen die Bestimmungen des Reglements auflehnten, 
jo vermochten sie doch nicht die weitere Entwickelung zu hindern, die
        
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