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Periodical volume 27. März 1897, No. 13

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Wilhelm in seiner Familie zu führen pflegte, -ei solchen 
festlichen Gelegenheiten war er stets der liebende Hausvater, 
dem es das höchste Vergnügen machte, andern eine Freude 
zu bereiten. Darauf hatte Elisabeth von Sohr ihren Plan 
gebaut; sie wußte die Prinzessin für das Schicksal des Grenadiers 
zu interessieren und sie zu bestimmen, bei ihrem Vater ein 
gutes Wort für ihn einzulegen. 
„Der König versagt mir an einem solchen Tage keinen 
erfüllbaren Wunsch," versicherte Wilhelmine; „vielleicht läßt 
sich auch für den armen Kandidaten etwas thun. Du rühmst 
seine Stimme? Veranlasie ihn, einen Vers zu singen, 
wenn mein Vater hier ist, damit er dessen Aufmerksamkeit 
erregt!" 
Die Hofdame eilte hinaus und flüsterte dem Grenadier 
einige Worte zu, und bald nachdem der König die Zimmer 
seiner Tochter betreten hatte, erscholl draußen auf dem Korridor 
der erste Vers des Liedes: „Befiehl du deine Wege" mit so 
schöner, klarer Stimme, daß die Unterhaltung im Zimmer 
verstummte und alle den weichen Tönen lauschten. 
„Wer bringt Dir denn da am hellen Tage eine Serenade?" 
fragte der König, von dem Gesang angenehm überrascht. 
„Das ist die Schildwache draußen" erwiderte die Prinzessin, 
„aber das Ständchen gilt weniger mir als meiner kleinen 
Sohr da." 
Elisabeth errötete bis über die Ohren, während die Stirn 
des Königs sich in drohende Falten legte. 
„Die Schildwache untersteht sich, im Dienste und hier im 
Schlosse zu fingen?" sagte er, indem er sich erhob, um den 
Frevler zu züchtigen. Allein Wilhelmine hing sich an seinen 
Hals und wußte ihn so rasch zu besänftigen, daß er wieder 
Platz nahm. zumal auch der Gesang da draußen inzwischen 
verstummt war. 
„Wie kommt Sie denn zu dem gemeinen Soldaten?" 
wandte sich Friedrich Wilhelm an die Hofdame. „Ist es ein 
Verwandter von Ihr, oder ist Sie etwa gar in den Kerl 
verliebt? Sie müßte doch einen Offizier kriegen können!" 
Die Prinzessin übernahm die Beantwortung dieser Fragen. 
Sie schilderte in warmen Worten die ritterliche Art, wie der 
junge Mann den verunglückten Frauen Hilfe gespendet habe, 
und wie mutvoll er den Anmaßungen Gundlings entgegen 
getreten sei, der nun seine Rache an ihm kühle. 
„Die Handlungsweise hat dem jungen Gelehrten einen 
gar kostbaren Lohn eingetragen," fuhr die Prinzessin mit einem 
schalkhaften Seitenblick auf die verwirrt zur Erde blickende 
Hofdame fort, „meine Sohr hat ihm ihr Herz geschenkt!" 
„Hoheit — schonen Sie meiner!" hauchte Elisabeth in 
höchster Verlegenheit. 
„Nein, nein. erzähle nur alles. Wilhelmine!" fiel ihr 
die Königin rasch ins Wort. „Du hast mich von dem Verhältnis 
der Mamsell von Sohr unterrichtet, nun soll es auch mein 
Gemahl, Dein Vater, wisien. Eines solchen Geliebten braucht 
Sie sich nicht zu schämen," fügte sie, zu der Hofdame gewendet, 
wie tröstend hinzu. 
Und weiter erzählte die Prinzessin von dem frommen 
Sinn des Kandidaten, der sein trauriges Schicksal mit Ruhe 
und Ergebenheit trage, von der stillen, aber unter den gegen 
wärtigen Verhältnissen hoffnungslosen Herzensneigung der 
Liebenden und dann von dem Jammer der hochbetagten Eltern, 
die in ihm auf so grausame Weise ihre einzige Stütze ver- 
loren hätten. 
Der König hörte sie aufmerksam an, und als die Prinzessin 
schließlich bat, ihn seinen bekümmerten Angehörigen zurück 
zugeben, meinte er: 
„Dem Manne scheint Unrecht gethan worden zu sein; 
werde die Sache untersuchen." 
Dem Sänger, der draußen unter Gewehr stand, war es 
inzwischen bange geworden; er hatte vermutet, daß der König 
sofort eine Entscheidung treffen werde, aber statt dessen blieb 
alles ruhig. Die Ablösung kam; der Tag verging, auch der 
folgende; nicht das geringste Zeichen einer königlichen Ent 
schließung war zu bemerken; Hans wollte schon alle Hoffnung 
finken lassen. 
Da — es war am dritten Tage nach jenem Vorgänge 
— rückte das Regiment des Kandidaten zur Parade aus, zu 
welcher Friedrich Wilhelm stets mit einer stattlichen Suite 
erschien. Als die Exerzitien vorüber waren, winkte er den 
Oberst zu sich heran. 
„Lasse Er mal den Gemeinen Ruhsam vortreten!" befahl er. 
Der Gerufene marschierte vorschriftsmäßig aus Reih und 
Glied vor die Front. 
„Näher treten!" herrschte der König. 
Hans folgte, indem er bis dicht an den Monarchen 
heranschritt. 
„Ist Er der Mosje, welcher am Geburtstage meiner 
Tochter vor deren Gemächern, als Er dort die Wache hatte, 
ein Lied sang?" fragte der König streng. 
„Gnade. Euer Majestät —" stammelte der Soldat, dem 
es jetzt zweifellos schien, daß ein Strafgericht über ihn herein 
brechen werde. 
„Schwatze Er nicht dummes Zeug," brauste Friedrich 
Wilhelm auf. „sondern beantworte Er mir meine Frage!" 
„Es ist so, wie Eure Majestät sagen", bestätigte der 
Kandidat zitternd. 
„Weiß Er. was Er für diese Ungehörigkeit verdient hat?" 
fuhr der Monarch fort. 
„Ich habe gefehlt und bitte um Gnade —" 
„Muckse er nicht!" unterbrach ihn der Fürst. „Passe Er 
lieber auf. was ich Ihm sage! — Er ist Geistlicher?" 
„Kandidat des Predigtamtes, Eure Majestät!" versetzte 
der Grenadier. 
„Zwei Gemeine sollen den Kasten dort bringen, zwei 
Unteroffiziere dem Manne da die Montur ausziehen!" befahl 
der König dem Regimentskommandeur. 
Sofort schleppten zwei Soldaten einen großen, viereckigen 
Kasten herbei und setzten ihn vor dem Könige nieder, während 
zwei Korporale dem Kandidaten Waffen und Umform ab 
nahmen. Hans war mehr tot als lebendig, er wußte jetzt, 
daß er Spießruten laufen sollte. Als man ihn der Ober- 
kleider entledigt hatte, sagte der König zu dem Deliquenten: 
„Oeffne Er den Kasten!" 
Zitternd gehorchte der junge Geistliche; aber wie erstaunte 
er, als er ein schwarzes Sammubarett und einen Priesterrock 
gewahrte. 
„Werfe Er den Rock über, und setze Er die Kappe auf!" 
befahl Friedrich Wilhelm. „Er soll mir eine Predigt halten, 
damit ich sehe, ob Er was gelernt hat! Wenn Ec gut besteht, 
behält Er den Rock an. sonst fährt er wieder in die Uniform.
        
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