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Periodical volume 30. Januar 1897, No. 5

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Unsere reitende Kanone wurde vorgebracht, konnte aber nicht zur Thätig 
keit kommen, weil durch einen Kartätschenschub zwei Kanoniere ver 
wundet, drei Pferde getötet, und eins ins Bein geschossen wurde. Die 
anderen Kerle liefen davon, und die Kanone blieb dicht vor rer Batterie 
stehen. Allein sechs brave Grenadiere (v. Budberg) brachten sie aus dem 
Kartätschenfeuer angeschleppt, und weil die Protze fehlte, holten sie auch 
diese. Alle jene Orte ergaben sich hernach freiwillig. Es waren lauter 
Franzosen darin, welche ich nach der nächsten Ortschaft transportierte. 
Am 10. Oktober kam die Armee vor Amsterdams Thoren an. Die 
Orange-FIogge wehte vom Stadthaus und oon allen Türmen. Der 
Rhcingraf ist infam kassiert und wird, wo er sich ertappen läßt, unfehl 
bar aufgehoben. Für einen Reichssürsten aller Ehren wert!" 
Nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. schreibt er: „In einiger 
Zeit werden hier alle Meubeln aus der Rietz glanzvollen Häusern ver- 
aukt oniert. Es ist eine wahre Pracht, sie anzusehen. Das hiesige 
Gebäude kostet eine halbe Million. Rietz soll den Ursprung seines starken 
Vermögens nachweisen. Damit Hai es nun gehapert. Bekanntlich hat 
der verstorbene König ihn öfters heftig geprügelt, und daher erschien im 
Publikum eine komische Vermögensausweisung: 
20 Hiebe in Berlin 2000 Rchlr. 
Für ein Dutzend Ohrfeigen in Potsdam . . 500 Dukaten. 
Für 3 Buckel voll Prügel in Schlesien. . . 1000 Friedrichsd'or. 
So werden alle Tritte in den Hintern, Rippenstöße u. s. w. ver 
anschlagt, so daß eine sehr starke Summe heraus- und Rietz zu seiner 
Rechnung kommt. Gewiß ist, daß der König, wenn er ihn zerarbeitet, 
ihm jedes Mal ansehnliche Geschenke gemacht hat" — „Neulich liegt der 
König mit seiner Königin im Fenster. Er ruft einen alten Invaliden 
herauf, schenkt ihm 3 Rthlr. und sagt: „Nun gehe Er zu der Frau da, 
die kann ihm auch etwas geben." Die Königin giebt ihm auch 3 Rthlr. 
und sagt: „Nun komme Er alle Monale wieder. Da wird ihm der 
Mann da jedes Mal 3 Rtblr. schenken", und der König bestätigt bie.en . 
Vorschlag. Bei unserem ersten Exerzieren rief die Königin uns an ihren \ 
Wagen heran und sagte: „Sehen Sie, meine Herren, ich gehöre zu ! 
Ihrem Regiment," wobei sie auf ihre wie die Borten unserer Kollets j 
gefertigte Schärpe hinwies. Neulich sind der König, die Königm. die 
Prinzessin Luise und die Prinzessin von Oranien, alle mit ihren Kindern, ! 
in einem Zimmer und schäkern etwas laut. Da ersterer aber erfährt, j 
daß man den Lärm bis in das Zimmer des Kastellans höre, dess n ! 
Frau krank lag, so muß sich alles ganz still auf den Zehen davon 
schleichen. Der König schläft nur auf einer Matratze unter einer Decke ! 
und hat für den Fall der Kälte eine alte weiße Pikesche daraufliegen, 
welche er des Morgens zum Frisieren anziebt. Er hat leine Pantoffeln, 
sondern fährt des Morgens sogleich in die Stiefel. Mit seinen Sachen 
geht er sehr ordentlich um, zumal mit seinen Hüten. Keiner seiner Leute 
darf sie anrühren, sondern er bürstet ste selber aus. Da er sehr gern 
Billard spielt, ohne eins zu besitzen, hat ihn die Königin mit einem 
heimlich bestellten sehr angenehm üb.rrascht. Das letzte Mal kam er 
mit der Königin und Zubehör in Charlotienburg ganz unerwartet an. 
Keine Küche war da, nichts im Stande. Ja, sie mußten aus Mangel 
an Licht eine Weile im Dunkeln sitzen. Aus dem Wirtshaus ließen sie 
Thee und Butterbrote Holen, aßen abends Pellkartoffel und waren 
seelenvergnügt dabei. Die Königin geht oft selbst in die Küche. Ihr 
Leibgericht sind Erdtoffeln und roher Schinken. Der König hat mir 
ein Präsent mit einigen alten Porträts von Garde du Corps-Ot'fizieren 
in Superwestc u. s. w. gemacht. Beim Manöver war die Königin mit 
ihren sechs schönen Hengsten immer mitten darunter. Das hätte noch 
der Mühe gelohnt, die gefangen zu rühmen. Sie tanzt über acht Tage 
zum Mardigras in einer schönen Quadrille von 80 Personen mit Dar 
stellung einer Scene aus Don Carlos, der Anzug kostet 36 Friedrichsd'or. 
Gestern har sie wieder bis 5 Uhr flott getanzt." — „Unsere gute Königin 
ist gestern zum ersten Male wieder ein wenig spazieren gegangen. Jedoch ! 
sieht sie noch sehr krank aus und ist überaus nett. Sie hält sich wegen 
der Reise zu den Revüen peinlich an die Vorschriften der üoctores. > 
Vorigen Sonntag sagte uns der König sehr viel Komplimente mit einem s 
besonderen Lobe über unseren Anzug, der kostet aber auch einen schönen ! 
Dreier! In unsere Uniform gekleidet, meinte er, daß wir gewiß in 
Berlin beim Forviieren der Eskadrons den Vogel abschießen würden. 
Ueber alles informiert er sich aufs genaueste. Mann für Mann, Pferd 
für Pferd besieht er, und was thut er alles für Fragen! Man muß 
mit seiner Kompanie inwendig und auswen'ig vertraut sein, um die 
Antwort nicht schuldig zu bleiben. Er kennt fast das ganze Regiment 
bei Namen und von den meisten auch das ganze Nationale Fast 
beständig bei unserem Exerzieren gegenwärtig, kennt er auch die Pferde. 
Schon öfter hat er mich gefragt: „Warum reitet Er heute einen 
anderen Gaul?"" 
Zwei heitere Vorgänge am Tage vor der Schlacht bei Gravclotte. 
In seinen „Persönlichen Erinnerungen an den Krieg von 1870/71" 
erzählt I. v. Verdy du Vcrnois folgende komischen Episoden, die sich am 
17. August 1870, am Tage vor der Schlacht bei Gravelotte, ereigneten: 
„An der Stelle, an der wir uns den ganzen Tag befanden, lagen noch 
zahlreiche Leichen umher, zu deren Bestattung ein paar in der Nähe 
befindliche Pionierkompanieen beordert wurden. Mehrere von den 
Mitgliedern des Großen Hauptquartiers fühlten bei der brennenden Hitze 
das Bedürfnis, sich, während nichts zu sehen und zu thun war, ein wenig 
auszuruhen, uud streckten sich auf den Boden nieder. Unter diesen befand 
sich auch der russische Militärbevollmächtigte Graf Kutusow, der, mit dem 
Gesicht zur Erde gewandt, sehr bald in einen tiefen Schlas verfiel. 
Während Bronsart und ich zusammen sprachen, bemerkten wir, wie ein 
i paar Pioniere «n den Russen heranträten und nach kurzer Beratung 
übereinkamen, daß der Herr in seiner fremdländischen grünen Uniform 
wohl ein höherer sranzösischcr Jägerosfizier sein müßte. Durch die 
i Regungslosigkeit des Grasen getäuscht, vielleicht auch durch den Geruch 
! seiner neuen Juchtenausrüstnng irritier!, betrachtelen sic ihn eine Weile 
und schlossen ihre Betrachtungen mit den Worten: „Der ist tot, ■ also 
i vorwärts!" — und sofort fingen sie auch an, unter der Mitte seines 
Körpers die Erde auszuhebern Man kann sich das Staunen der Leute 
denken, als sie plötzlich den Totgeglaubten wieder lebendig iverden 
I sahen, aber auch wohi das Staunen des Grafen, als er die eigentümliche 
l Manipulaüon erkannte, die man soeben mit ihm hatte vornehmen 
j wollen. Wir traten schnell hinzu, und unter allseitiger Heiterte t fand 
dieser Vorfall seine glückliche Lösung. — Der zweite Vorfall an diesem 
Tage betrifft eine Szene, die zunächst Entrüstung, dann aber ebenfalls 
die allgemeine Heiterkeit erweckte Als wir alle nocb dicht gedrängt zu 
Pferde hielten, erschien plötzlich mitten unter uns, sich rücksichtslos Platz 
machend, eine ganz eigentümliche Gestalt, ein Civilist, der den Typus 
eines Fremdländers trug, reichlich behängen mit all den Attributen, die 
vielfach den Kriegskorrespondcnlen schon von weitem kennzeichneten. 
Dazu saß diese Figur auf einem Pferde, das die Ausrüstung eines 
französischen Kürassierpferdes trug. Als wir ihm nun zu Leibe gingen, 
wer er wäre und was er hier suchte, erklärte er ganz naiv, daß er 
Korrespondent eine? ausländischen Blattes sei. sich im Besitze eines 
Erlaubnisscheines der französischen Heeresleitung befinde, bisher sich bei 
der französischen Armee aufgehalten und bei dieser auch die Schlacht am 
vergangenen Tage mitgemacht habe. N m habe er sich an diesem Morgen 
eines der umherlaufenden ledigen Pferde bemächtigt und sei herüber 
gekommen, um zu sehen, wie die Sachen denn eigentlich bei uns ständen! 
Eine unglaubliche Naivität! Er wurde sehr schnell vom Pferde herunter- 
cxpediert und fand weitere Beförderung nicht bloß vom Gesichtsfelde, 
sondern auch oom gesamten Kriegsschauplatz. Ob er hernach irgendwo 
anders wieder aufgetaucht .ist, weiß ich nicht. Sein Pferd wurde mir zu- 
gisprochcn, da eben eins der meinigen infolge der Anstrengung gefallen war. 
Ein seltenes Wild in den Forsten von Alt-Döbern. Mit einem 
seltenen Wild ist die Gegend von Alt-Döbern (Nieder-Lausitzj bereichert 
worden. In den umfangreichen Forsten des Grafen von Witzlcben auf 
Alt-Döbern in seit einigen Jahren ein australisches Wild eingeführt, 
nämlich das Känguruh. Es sind ursprünglich zwei Paare angeschafft 
worden, die sich gegcnwärliz auf 9 Köpfe vermehrt haben. Das Känguruh 
lebt mii dem übrigen Wild, Rehen, Hirschen, Hasen und Kaninchen, 
friedlich zusamv.cn und findet auf den fruchtbaren, grasreichen Forst- 
s beständen reichliche Aesung in den dort wachsenden saftigen Kräutern. 
Die Känguruhs siud scheuer als Rehwild, und wenn man sich an sie 
heranpirscht, so springen sie, sobald sie eine Gefahr wahrnehme», mit ihren 
j langen, muskulösen Hinterläufen in jedem Lprange 6—9 Meter weit, 
sodaß die Schnelligkeit ihrer Fortbewegung sehr bedeutend ist. Sonst 
sind sie ziemlich stupid und würden bald ausziirotten sein, wenn man 
sie verfolgen und schießen wollte, was indes Graf Witzleben verboten 
hat. In diesem Jahre haben zwei Paare je ein Junges gesetzt; die beiden 
sind aber noch ziemlich unentwickelt. Sie kehren stets noch zur Mutter 
zurück und huschen in deren Beutel. In diesem werden die Jungen 
überhaupt von der Mutter lange Zeit getragen, oft so lange, bis ste 
selbst irächtig sind uns auch die Mutter schon ein zweites Junges im 
Beutel trägt. Den vorigen milden Winter haben die Känguruhs hier 
! sehr gut ertragen; sie werden wie das andere Wild im Winter an be 
stimmten Aesungsplätzen gefüttert. Ein Känguruh, das aus dem gräf 
lichen Revier in ein Nachbargebiet geraten war, wurde vor einiger Zeit 
dort geschossen. Das Fleisch erwies sich als äußerst schmackhaft. 
(Berl Markth.-Z.) 
Verein» -Nachrichten 
Der Akademie der Künste und dem Verein für die 
Geschichte Berlins ist, wie uns von autoritativer Seite mitgeteilt 
wird, der Bescheid zugegangen, daß S. Majestät der Kaiser und König 
auf die gemeinsame Jmmcdiat-Eingabe vom 29. Dez. v. I. die Ver 
anstaltung einer Ausuellung von Erinnerungen an des hochseligen Kaisers 
und Königs Wilhelms des Großen Majestät in den Ausstellungsräumen 
der Akademie der Künste zu genehmigen geruht haben, von der Ueber 
nahme des Protektorats über diese Ausstellung aber im Hinblick darauf 
absehen wollen daß Allerhöchst dieselben bereits Protektor der Akademie 
der Künste sowohl wie auch des Vereins für die Geschichte Berlins sind. 
Aufruf! 
Die Königliche Akademie der Künste und der Verein für die 
Geschichte Berlins erlassen gemeinsam folgenden Aufruf: 
Seine Majestät der Kaiser und König, unser Hoher Protektor, 
haben Allcrgnädigst genehmigt, daß zur Feier des hundertjährigen Geburts 
tages des Hochseljgcn Kaisers und Königs Wilhelm des Großen Majestät 
die Königliche Akademie der Künste und der Verein für die Geschichte 
Berlins im März d. I. in den Räumen der Königlichen Akademie der 
Künste, Unter den Linden 38, eine auf sechs Wochen berechnete Aus 
stellung von künstlerischen, litterarischen und sonstigen 
Erinnerungen an die Person und die Rcgierungszeit des 
verewigten Kaisers veranstalten. Um diese Ausstellung, die das 
Leben und die Thaten des Erhabenen Monarchen dem deutschen Volke 
vor Augen führen soll, historisch getreu und dem patriotischen Zw ckc an 
gemessen zu gestalten, bittei: wir alle, welche im Besitze solcher Erinnerungen 
sind, uns diese für unser Unternehmen gütigst zur Verfügung stellen zu
        
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