Path:
Periodical volume 18. Dezember 1897, No. 51

Full text: Der Bär Issue 23.1897

609 
Papparth. Nach Osten, zu beiden Seiten der Havel, streift 
der Blick die von Wald und Wiesen umsäumten Ufer bis hin 
nach Plaue. In der Ferne blinken die Türme Brandenburgs 
am Fuße des Harlunger Berges, auf dem einst dem Triglaff 
Opfer dargebracht wurden. Im Süden öffnet sich vor unsern 
Augen das Jerichower Land: am Horizont erscheinen der Turm 
von Genthin und der Pulverturm von Altenplathow. Am 
Fuße des Berges breitet sich nach Norden. Osten und Westen 
wie ein bunter Teppich das farbenreiche, stille Thal aus. in 
malerischer Abwechselung mit Wiese, Feld und Garten, Milow- 
Leopoldsberg rings umschließend. Und wie ein glänzend 
Silberband schlängelt sich die Stremme hindurch, von zahl 
reichen Schifferbooten bedeckt, während in der Ferne stolze 
Masten der Havelkähne grüßen, oder der schrille Pfiff der 
Dampfer Zeugnis giebt von dem gewerbfleiß'gen, verkehrs 
reichen Treiben des Westhavellandes. 
Am Einfluß der Stremme in die Havel liegt das alte 
herzogliche Schloß im Schatten Jahrhunderte alter Linden, von 
geräumigen Paikanlagen umgeben, welche bis dicht an die 
Havel heranreichen und dem Besucher überraschende Partien 
bieten. Unweit des Schloffes liegt die Milower Kirche, welche 
an edlem Schnitzwerk uud intereffanten Deckengemälden reich 
ist und für den Schatzgräber der Mrlower Geschichte eine reiche 
Fundgrube bietet. 
Interessant ist auch eine Befichtigung der Bolleschen 
Ferienkolonie. Sie ist von dem bekannten Berliner Meierei 
befitzer Bolle im Juni 1891 für erholungsbedürftige Kinder 
seiner Arbeiter eröffnet worden und beherbergt außer dem Pflege 
personal jedesmal ungefähr 100 solcher Kinder, die unter 
Leitung und Pflege mehrerer Schwestern und verschiedener 
Lehrer stehen. Das Ferienhaus selbst, in der Milte von 
Milow gelegen, ist ringsum von prächtigen Gartenanlagen 
umgeben. Die Vorhalle ruht auf zwei mächtigen Säulen. 
Durch die Vorhalle gelangt man direkt in einen großen Saal, 
den Uutcrrichlsraum und Spielaufenthalt der Kinder. „Lasset 
die Kindlein zu mir kommen!" so grüßt den Eintretenden das 
Wort des göttlichen Kinderfreundes, unter das die Liebesarbeit 
an den „kleinen Majestäten" gestellt ist. Reicher Spruch- und 
Bilderschmuck ziert den Saal, wie die einzelnen Wohn- und 
Schlafräume im ersten und zweiten Stock. Der erziehliche 
Einfluß der christlichen Kunst auf das zarte, empfängliche Kindes- 
gemüt kommt hier zu vollem Recht. Ueberhaupt ist in jeder 
Hinficht der bekannten Forderung Rechnung getragen: „Für 
die Kinder ist das Beste gerade gut genug!" 
Herrlich find die Parkanlagen, die das Haus umgeben — 
mit ihren Turnplätzen, ihrer „blauen Grotte", ihren lauschigen 
Plätzchen an dcr Stremme. Wahrlich, welch wohlthuender 
Aufenthalt. — ringsum Wald und Wiese, frisches, saftiges 
Grün — für die durch Naiurgenuß nicht gerade verwöhnten 
Berliner Kinder! Nur zu schnell find die wenigen Wochen, die fie 
im Sonnenschein warmer Liebe und treuer Pflege hier zubringen 
dürfen, verflogen. Aber mit roten Backen, gutem Appetit und 
dankbarem Gemüt scheiden die ersten hundert Pfleglinge, um 
wieder anderen armen, bleichen Gästen Platz zu machen. So 
ist Milow jetzt — im Gegensatz zu den kriegerischen Wirren 
früherer Jahrhunderte — eine Stätte friedlichen Wirkens und 
warmer Nächstenliebe. Und vor allem in die Reichshaupistadt 
entsendet es seine Segensströme, dank der Menschenfreundlich 
keit eines Milower Kindes, das sich verpflichtet weiß, für 
das leibliche und geistige Wohl seiner Angestellten mit 
dem irdischen Gut, das ihm geworden, nach Kräften Sorge 
zu tragen. 
DoF Innere der Airche zu Milow
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.