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Periodical volume 11. Dezember 1897, No. 50

Full text: Der Bär Issue 23.1897

5.93 
bei seiner Behörde quartaliter eine Rechnung ein. — Nun begab cs sich, 
datz die Auslagen des Proviantamtsaufsehers 15 Groschen pro Quartal 
betrugen, während der Depotarbeitcr 1 Thl. 7 Sgr. 6 Pfg. liquidierte. 
— Die Rechnungen kamen zu den jeweiligen Akien und wanderten mit 
hundert andern zusammen den bekannten Instanzenweg bis zur Ober- 
rcchnungskammer. 
Eines schönen Tages aber kommt nun ein gewichtiges Aktenstück 
im Artilleriedepot an, Absender: Oberrechnungskammerl Die Gefürchtete 
verlangte unter Beifügung der Milchrechnung Aufschluß, wie es zu er 
klären sei, daß die Katzen des Artilleriedepots für 22 Sgr. und 6 Pfg. 
pro Quartal mehr Milch verzehrten, als die Katzen des Proviantamtes! 
Kopfschüttelnd las der Artillerieoffizier vom Platz diese schwierige 
Frage mehrere male durch! Was thun? Wie ist so was zu erklären? 
Da bat ihn ein Zeugfeldwebel — der den Schalk im Nacken hatte 
—, diese Frage erschöpfend beantworten zu dürfen, und dessen Bericht 
lautete wie folgt: 
„Die Katzen des Artilleriedepots ernähren sich, außer von Milch, 
hauptsächlich von Mäusen; diese Mäuse aber fristen an den Lederabfällen 
und Pappdeckelrestern des Artilleriedepots, die nur einen geringen Nähr 
wert für Katzen haben, nur kümmerlich ihr Dasein. 
Dagegen ernähren sich die Katzen des Proviantamtes außer von 
Milch — von den Mäusen des Proviantamtes! Diese Mäuse finden 
reichliche und vorzügliche Nahrung an den großen Mehl- rc. Vorräten 
des Proviantamtes — eine für Mäuse äußerst kräftige und fette Nahrung. 
Demnach brauchen diese bedeutend weniger Milch um zu leben im Ver 
gleiche zu den Depotkatzen!" 
Die Oberrechnungskammer ließ die Mitchrechnungen für alle Zukunft 
unbeanstandet in den Akten und hat nie wieder eine Erklärung über 
dieses Thema verlangt. G. R. jr. i. S. 
Kaiser Wilhclm-Denknial zu Berlin in Kanada. Unter den elf 
Orten in Nordamerika, welche den Namen „Berlin" tragen, ist der in 
Kanada gelegene weitaus am bedeutendsten. Innerhalb weniger Jahr 
zehnte hat sich die fast ausschließlich von Norddeutschen bewohnte Stadt 
zu einem blühenden Gemeinwesen entwickelt, und deshalb wurde von 
den Deutschen Kanadas der Beschluß gefaßt, in Berlin ein Denkmal 
Kaiser Wilhelms I. zu errichten. Vor kurzer Zeit fand die feierliche 
Enthüllung desselben statt, und aus allen Gegenden des weiten 
Landes, selbst von den Küsten des stillen Ozeans her, waren Deutsche 
zu dieser Feier herbeigeeilt; auch drei Konsule des deutschen Reiches 
waren gegenwärtig, ebenso die Vertreter der kolonialen Behörden. Das 
Denkmal besteht aus einer vier Fuß hohen, in Kupfer getriebenen 
Kolossalbüste des Kaisers, die auf geschliffenem Granitsockcl von 9 Fuß 
Höhe ruht. Letzterer zeigt an beiden Seiten in Broncemedaillons die 
Brustbilder von Bismarck und Moltke; das Denkmal ist rings von 
prächtigen Anlagen umgeben. Ein Festmahl im Stadthause schloß die 
erhebende Feier. P. B. 
Der älteste und bekannte Schlittschuh der Welt konnte den Mitgliedern 
der „Brandenburgia".kiirzlich von Herrn Geheimrat Friede! im Branden 
burgischen Ständehause vorgelegt werden. Der aus der ältesten Bronce- 
zeit stammende, also etwa 3000 Jahre alte Fund stammt aus der 
Spandauer Gegend, es ist ein Pferdeknochen, dessen Schliffflächen seine 
Benutzung als Schlittschuh unzweifelhaft darlegen. Die Verwendung 
derartiger Knochen als Schlittschuhe hat sich in der Berliner Gegend 
noch mehrfach nachweisen lassen; so konnte Geh. Rat Friede! noch weitere 
solcher „Schlittschuhe" zeigen, die etwa auch dem 13. Jahrhundert ent 
stammen und in der Spree vor der Landreschen Brauerei gefunden sind. 
Uebrigens hat sich diese Art der Knochenverwendung bis in die neuere 
Zeit hinein erholten. Ferd. Meyer erinnerte sich aus seiner Jugend, 
daß man damals noch in Berlin Knochen als Schlittschuhe benutzt hat. 
Auch als Schlittenkufen fanden Knochen Verwendung, wie Geh. Rat 
Friedet an einem Stück nachweisen konnte. Alle diese Funde gehörten 
einer Sammlung altertümlicher Hausgeräte, die dem Geh. Rat Friede! 
Gelegenheit gab, sich eingehender über die Sache der alten Hausgeräte zu 
äußern. 
Uereins - Nachrichten. 
Verein für Geschichte der Mark Brandenburg. 
Sitzung vom 10. November 1897. 
Herr Archivrat vr. Bailleu berichtete über einen Konflitt König 
Friedrich Wilhelms II. mit dem Minister Woellner. Der Vortragende 
zeigte, unter Benutzung bisher nicht zugänglich gewesener Quellen, daß 
im März 1794 König Friedrich Wilhelm aus den Berichten der einige 
Jahre vorher eingesetzten Examinations-Kommission für Geistliche den 
geringen Erfolg des Kampfes gegen die „Aufklärung" erkannte und die 
Schuld daran der Lauheit des Ministers Woellner zuschrieb. Er nahm 
ihm infolge dessen das Baudepartement ab und forderte ihn in mehreren 
sehr entschiedenen und höchst charakteristischen Erlassen zur energischen 
Bekämpfung der „Aufklärung" auf, deren Unterdrückung dem König 
Herzenssache war. Wie der Vortragende nachwies, war es der König 
selbst, der alle jene Maßregeln persönlich anordnete, deren Summe als 
„Höhepunkt des Woellner'schen Regiments" bezeichnet zu werden pflegt: 
der Revers der Lehrer, das Vorgehen gegen einzelne Professoren wie 
Kant, die Maßregelung der Allgemeinen Deutschen Bibliothek u. s. w. 
Obgleich übrigens Woellner hierin den Absichten des Königs entsprach, 
hat er dessen volle Gunst seitdem doch nie wieder erlangt. 
Herr vr. Hintzc sprach Mer die ständischen Gravamina, die bei 
der Huldigung von 1740 übergeben worden sind. Er wies darauf hin, 
daß diese Kundgebungen nicht nur ein Stück öffentlicher Meinung dar 
stellen, sondern daß sie auch prattisch nicht ohne Folgen geblieben sind, 
und daß überhaupt die ständischen Tendenzen in der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts doch eine starke Unterströmung gebildet haben, die 
später wieder mehr an die Oberfläche des Staatslebens getreten ist. — 
Das politische Ideal der Stände war damals fast überall noch die 
Wiederherstellung eines politischen Sonderlebcns der Territorien, aus 
denen der Staat bestand. In Ostpreußen und Magdeburg forderte man 
die regelmäßige Berufung von Landtagen, fast überall die Rückgabe der 
polizeilichen Kompetenzen an die Regierungen, die ihnen von den Kammern 
entzogen worden waren, die Hemmung der um sich greifenden Ver- 
wattungsthätigkeit der Kammem, die Sicherung der gutsherrlichen 
Polizei vor ihren Eingriffen, hier und da auch die Wiederablösung der 
Kommissariate, ebenso im städtischen, wie im adligen Interesse. Diese 
Forderungen sind natürlich (mit Ausnahme einiger Konzessionen) uner 
füllt geblieben; Erfolg aber hatten die Stände mit einem anderen Ver 
langen, dem nach der ständischen Wahl der Landräte, die Friedrich 
der Große ja bis 1756 allgemein zugegeben hat. — Von praktischer 
Bedeutung sind auch die ständischen Wünsche bezüglich der Justizreform. 
Sie decken sich in auffallender Weise mit den Hauptpunkten des 
Coccejischcn Reformprograo>ms: ein codificiertcs Landrecht und eine neue 
Prozeßordnung für die einzelnen Provinzen unter Berücksichtigung des 
alten Herkommens und des Naturrechts und in einem gewissen Gegen 
satz zum römisch-kanonischen Recht, ein tüchtiger und auskömmlich be 
soldeter Richterstand, Beseitigung der Verwaltungsgerichtsbarkeit der 
Kammern, der Kabincttsjustiz und der Supplicationen nach beendigtem 
Prozeß, Zuziehung ständischer Deputierter bei dem Reformwerk. — 
Neben den Jurisdictionskonflicten zwischen Regierungm und Kammern 
spielten die zwischen den Zivil- und den Militärgerichten, namentlich auch 
in Privatsachen, eine Rolle. Die Eingriffe der Militärgerichtsbarkeit 
in die Sphäre der bürgerlichen Rechtspflege wird gefordert; eine durch 
greifende Umgestaltung der Militärgerichtsbarkeit selbst nach dem Muster 
der Zivtlgerichte, natürlich nur in Privatrechtssachen, wird von den 
Magdeburger Ständen vorgeschlagen. Besonders stark und einmütig 
wenden sich die Stände aller Provinzen gegen das Kantonsystem; sie 
fordern gänzliche Abschaffung des Grundsatzes der allgemeinen Aus 
hebung oder wenigstens weitgehende Exemtionen: auch hier wird ein 
Einfluß auf die praktische Gestaltung der Verhältnisse zu vermuten sein. 
Allgemein sind die Klagen über den Steuerdruck, über die wirtschaftliche 
Notlage, die eine Folge der vorausgegangenen schlimmen Jahre war. 
Einhellig erklären sich die Stände gegen das von Friedrich Wilhelm I. 
inaugurierte Prohibitivsystem. Sie verlangen Herabsetzung der Accise- 
sätze auf das Niveau von 1714, Beseitigung des Wollausfuhrverbotes 
und der Ausfuhrsperren für Getreide, Aufhebung des Salzmonopols, 
des Mühlenzwangcs, des Verbotes der Landhandwerker. Die Magde 
burger Stände machen bemerkenswerte Vorschläge über die Regulierung 
der Kornprcise durch ein Magazinsystem, wie cs Friedrich der Große 
später in ähnlicher Weise eingerichtet hat. Merkwürdig ist noch die Be 
gründung der Forderung des „freien Kommcrciums" durch mercantilisti- 
sche Grundsätze. — Vor allem wünschen die Stände, unter denen ja in 
der Hauptsache der Grundadel zu verstehen ist, eine Sicherung ihrer 
ökonomischen und gutsherrlichen Position, wie sie ihnen in manchen 
Punkten später auch zu teil geworden ist. — Dem rücksichtslos durch 
greifenden Regiment Friedrich Wilhelms I. steht der Adel noch in ent 
schiedener Opposition gegenüber. Die Regierung Friedrichs des Großen, 
nicht nur seine Konzessionen im inneren Staatsleben, sondern vor allem 
die Expansion seiner Politik, die Schule seiner Feldzüge, hat denselben 
Adel zu einem royalistisch-patriotischen, zu einer Grundsäule des alt- 
preußischen Staates gemacht. 
Mcherttsch. 
Herbstblüte. Roman von Clarissa Lohde. Zwei Bände. Mann 
heim 1897. Verlag von I. Bensheimer. Pr. 5 M. 
Mit großem Interesse haben wir diesen neuesten Roman von 
Clarissa Lohde gelesen. Auch er spielt in der vornehmen Berliner 
Gesellschaft und zeichnet dieselbe naturwahr und mit lebensvollen Farben. 
Ergreifend ist die Schilderung, wie wahre Seelengröße nnd selten treue 
und starke Liebe von dem oberflächlichen, von Vorurteilen erfüllten, dazu 
stets zum Splitterrichten und zu ungünstiger Beurteilung anderer ge 
neigten Geist der gewöhnlichen Vertreter jener Gesellschaftsttcise nicht 
verstanden und gewürdigt wird, und wie Neid und Eifersucht selbst bei 
sonst edleren Gemütern aufkommen und sie dahin bringen können, das 
Lebensgluck solcher, denen sie doch durch verwandtschaftliche und freund 
schaftliche Bande nahe gestellt sind, unbedacht, ja nahezu mutwillig zu zer 
stören. „Herbstblüte" nennt sich der Roman, weil dem in jeder Be 
ziehung vortrefflichen, aber schwer geführten Präsidenten von Werthern 
im Herbst seines Lebens noch einmal ein ungeahntes Glück erblüht durch 
die in dankbarer und kindlicher Liebe ihm zugethane Verlobte seines 
Neffen, die eigentliche Heldin des Romans, die liebreizende und nach 
allen Seiten hin durch ihre Tugenden und ihren Edelsinn sich aus 
zeichnende Elly Bodin. Beider Verhältnis ist ein durchaus reines und 
tadelloses. Die Art und Weise aber, wie es in näheren und weiteren Kreisen 
beurteilt wird, führt nicht bloß, wie ein Wurm an seinem Herzen nagend, 
den Tod des Präsidenten herbei, sondern es bewirkt zuletzt auch, was 
niemand hätte für möglich halten sollen, daß Otlomar Gersdorf, d-r 
Bräutigam, mit dem bittersten Mißtrauen gegen seine einst so heiß und
        
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