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Periodical volume 27. November 1897, No. 48

Full text: Der Bär Issue 23.1897

575 - 
Ein übelLekommencr Spaß. Im Jahre 1819 kehrte ein aus 
wärtiger Student eines Tages in Berlin in einem kleinen Gasthof ein. 
Am Abend legte ihm der Wirt das Fremdenbuch vor, damit er seinen 
Namen u. s. w. eintrage. In dem Fremdenbuch befand sich auch eine 
Rubrik: „Zweck der Reise". Als der Student an diese Rubrik kam, 
schrieb er: „Um sich totzuschießen." 
Las Fremdenbuch wird sofort der Polizei vorgelegt. 
Gerade als sich der Student zu Bette begeben will, tritt ein 
Konstabler — so wurden damals die Polizisten, welche Uniform trugen, 
genannt — in sein Zimmer. 
„Was wollen Sie?" fragte der Student. 
„Ich werde bei Ihnen bleiben, um Sie vor dem Totschießen zu 
bewahren. Nach zwei Stunden löset mich ein anderer ab, und so fort. 
Sie tragen die Kosten. Morgen aber werden Sie nach Hause transportiert." 
„Sind Sie toll?" rief der Student aus. 
„Ganz und gar nicht!" antwortete der Konstabler. 
„Und wie kommen Sie zu einer solchen Maßregel?!" 
„Ich handle nur auf Befehl meiner vorgesetzten Behörde. Denn 
es ist hier polizeilich verboten, sich todtzuschießen" 
„Aber ich will mich ja gar nicht totschießen, es war nur ein 
Spaß von mir." 
„Kann sein, allein wie können wir denn wissen, ob Sie jetzt die 
Wahrheit sagen? Unsere Schuldigkeit ist einmal, Sie vor dem Tot 
schießen zu bewahren, und das werden wir redlich thun." 
Was hals'S? Der Student wurde die ganze Nacht hindurch 
bewacht, und so sehr er auch bat, man wollte ihn am andern 
Tage nach der von ihm besuchten auswärtigen Universität zurück 
transportieren. Endlich bewies er, daß er noch Geld bei sich hatte, und 
nur daraufhin ließ man ihn gehen, weil man ganz richtig annahm, 
daß kein Student sich totschießt, so lange er noch Geld hat. — du— 
Mcherttsch. 
Emanuel Geibel. Sänger der Liebe, Herold des Reiches. Ein deutsches 
Dichterleben von Karl Theodor Gacdertz. Mit Abbildungen 
und Facsimiles. Leipzig, Georg Wigand, 1897. 8°. 412 S 
Der Verfasser, der sich sich als Litterarhistoriker, ganz besonders 
als Reuterforscher, einen klangvollen Namen erworben hat, bietet in 
dieser höchst anziehend geschriebenen Biographie die Ergebnisse mühe 
voller, aber auch lohnender Arbeit. Das Buch ist reich an bisher un 
bekannten Einzelheiten aus dem Leben des Dichwrs, die geeignet sind, 
sein Gesamtbild dem Herzen des deutschen Volkes wesentlich vertrauter 
zu machen; es ist auch reich an bisher ungedri'ckten Dichtungen Geibels. 
Mit großer Sorgfalt und Liebe zeichnet Gaedertz die anmutige Gestalt 
Cäcilie Wattenbachs, jenes Mädchens, das vielleicht nicht nur auf 
Geibels Leben, sondern auch auf seine Dichtung und deren Charakter 
den entscheidendsten und — trotz allem — nachhaltigsten Einfluß aus 
geübt hat Wir gewinnen den Eindruck, daß der Dichter dieser Jugend 
liebe, der er Unsterblichkeit verliehen, sein Lcbenlang im Innersten treu 
geblieben, obwohl sein heißes Herz noch manches Mal von Amors Pfeil 
gestreift wurde. 
Ganz hervorragend interessant ist das Gaedertzsche Buch auch in 
Hinsicht auf das, was der zweite Untertitel verspricht. Was Geibel als 
„Herold des Reiches" geleistet, wieviel das deutsche Volk gerade diesem 
Dichter zu verdanken hat, das wird uns hier überzeugend und er 
schöpfend vor Augen geführt. Geibels Beziehungen zum Hause der 
Hohenzollern, wie zur Kaiserstadt Berlin — und ganz besonders die 
letzteren — beanspruchen ein längeres Verweilen, als es hier der Raum 
gestattet; nur soviel sei hervorgehoben, daß sic für des Dichters Leben 
von weittragender Bedeutung gewesen sind, und daß gerade Berlin auch 
in dieser Beziehung wohl von Saat und Ernte sprechen könnte. Einer 
Anregung des vorliegenden Buches folgend, hat denn auch, wie wir 
erfahren, vor kurzem Herr Stadtrat Friede! beantragt, eine Straße 
Berlins Geibelstraße zu nennen. — Aufs wärmste möchten wir jedem 
Freunde unserer Reichshauptstadt, wie jedem Verehrer eines unserer besten 
und edelsten Dichter, Emanuel Geibels, dieses Werk seines Landsmannes 
und — freilich weit jüngeren — Freundes empfehlen. — Die Beilagen, 
Abbildungen und Facsimiles, sind außerordentlich interessant — unter 
den letzteren befindet sich sogar ein bis ins kleinste getreu wieder 
gegebener, unmittelbar nach Geibels Tod geschriebener Brief des Kron 
prinzen. nachmaligen Kaisers Friedrich, an Ernst Curtius. Die Aus 
stattung des Werkes ist durchaus vornehm und geschmackvoll. — Vielleicht 
ist es uns möglich, binnen kurzem ausführlicher auf das Werk zurück 
zukommen. —r.— 
Dietrich von Gadenstedt. Ein Zeitbild aus dem 16. Jahrhundert. 
Von Lina Walther. Verlag: Agentur des Rauhen Hauses in 
Hamburg. Eleg. geb. 3 M. 
Hat Lina Walther uns im vorigen Jahre ein vortreffliches Lebens 
bild aus dem 18. Jahrhundert in dem „Bürgermeister Lieberkühn" 
(Verl.: Schloeßmann in Gotha) dargeboten, so bringt sie uns für das 
diesjährige Weihnachtsfest ein solches aus dem 16. Jahrhundert in dem 
Ritter: „Dietrich von Gadenstedt". 
Wie Lieberkühn, so ist auch Dictr. v. Gadenstedt ein ideal ge 
richteter Jüngling, und beide wissen als Männer ihre Ideale im Leben 
zu verwirklichen, zum Segen ihrer Mitmenschen. 
In der gemütvollen Weise, die wir bei ihr gewohnt sind, giebt die 
Verfasserin auch in ihrem neuen Werke ein anschauliches Zeitbild, das 
durch manches Wort christlicher Lebensweisheit, aus innerster Erfahrung 
geschöpft, noch höheren Wert erhält. 
Unter den mancherlei ansprechenden Gestalten, die uns vorgeführt 
werden, und die alle wirklich gelebt haben, ragt das Bild des Gottes 
mannes Heinrich Winkel in besonderem Maße hervor. 
Das allen Besuchern von Wernigerode wohlbekannte Erkerhaus 
bei der Shlvestrikirche, eine Art Wahrzeichen der Stadt, wird auch in 
seiner neuerdings etwas veränderten Gestalt bei Einheimischen und 
Fremden noch mehr Interesse erwecken, wenn man in Dietrich von 
Gadenstedt den einstigen Erbauer kennen gelernt und lieb gewonnen hat. 
E. T. 
Gräfin Agnes aus dem Hause Mansfeld. Von Eugenie Tafel. Gotha 
1896, Gustav Schlößmann. 8°. 233 S. Pr. eleg. geb. 3,40 Mk. 
Es gereicht uns zur Freude, diese vortreffliche historische Erzählung 
unserem Leserkreis aufs wärmste empfehlen zu können. Was h:er 
geboten wird, ist in der That eine gute, edle Lektüre, an der sich alle 
wohlgesinnten Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen erlaben 
werden. Die Verfasserin hat mit großer Treue gearbeitet, um uns all 
die ernsten Kämpfe, welche die Reformation begleiteten und ihr folgten, 
wahrheitsgemäß und interessant vor Augen zu stellen. Sie führt uns 
auf das alte Stammschloß Mansfeld mit seinen Luther so nahestehenden 
Bewohnern, sie bringt uns an den grünen Rhein, dessen Schönheit sie 
aus eigener Anschauung lebendig zu schildern versteht, sie nimmt uns 
sogar mit bis nach England zur stolzen, jungfräulichen Königin und 
fesselt dabei unsere Aufmerksamkeit von Anfang bis zu Ende. Besonders 
gut gezeichnet ist die liebliche, reine, hohe Gestalt der Heldin der 
Erzählung, der Gräfin Agnes. Jeder Leser muß sic liebgewinnen, und 
er begleitet sie mit Spannung und innerster Teilnahme durch ihr ganzes 
wechselvolles, aber auch reich gesegnetes Leben. 
Der Segen der Sünde. Geschichte eines Menschen. Von Jeannot 
Emil Freiherr von Groithuß. Stuttgart 1897. Verlag 
von Greiner u. Pfeiffer. Preis gbd. 2 M. 
„Der Segen der Sünde" ist kein Roman, sondern eine tief ernste 
Seelenstudie, die schildert, wie ein ungläubiger Arzt sich durch Nacht 
zum Licht, zum Glauben, durchringt. Das Buch ist keine Lektüre, um 
ein paar müßige Stunden auszufüllen. Die gewaltigen Schicksalsschläge, 
die furchtbaren Seelenkämpfe werden auf jeden tiefer veranlagten Leser 
einen erschütternden Eindruck machen. — e. 
Der arme Wilhelm. Eine Erzählung für das Volk. Nach dem 
Französischen der Frau von Pressen se. Autorisierte Be 
arbeitung von I. Severin. (Berlin, Vaterländische Verlags 
anstalt.) 278 Seiten. Preis 2 M., in hübschem Geschenk 
einband 8. M. 
Dieses Buch enthält eine christliche Kindergeschichte, die aber, wie 
wir glauben, von Kindern und Erwachsenen gleich gern gelesen werden 
wird. Ein armes Waisenkind wächst bei hartherzigen Verwandten 
unter Mißhandlungen und Entbehrungen aller Art heran. Ein lrcff< 
sicher Schullehrer weiß den Schlüssel zum Herzen des armen, durch 
licbeleere Jugend verbitterten Jungen zu finden, dessen inneres Leben 
dann erst durch die Freundschaft und später durch den gottseligen Tod 
eines Altersgenossen so gefördert wird, daß statt Verbitterung allmählich 
die Liebe in sein Herz einzieht. Durch diese Liebe, die nun in seinem 
ganzen Verhalten zum Ausdruck kommt, überwindet der arme Wilhelm 
zuletzt auch die harten Köpfe und Herzen der Verwandten, und alles 
kommt zum guten Ende. Die Verfasserin ist für die ihr eigene Kunst 
der Darstellung und Feinheit der Charakteristik bekannt. Es geht 
durchaus nichts Sensationelles vor in dem Buch. Aber trotzdem wird 
man durch die frische Art der Erzählung von der ersten bis zur letzten 
Seite nicht nur in Spannung gehalten, sondern auch mehrfach tief er 
schüttert und gerührt oder auch erhoben und erbaut. Das Buch ist ein 
treffliches Weihnachtsgeschenk für jedes Lebensalter. 
Hausmannskost. Kurze Geschichlen für Groß und Klein, dargeboten 
von Lic. Dr. H. Gelderblom, Pastor der Zionsgemeinde in 
Berlin. Berlin 1897, Verlag der Buchhandlung der Berliner 
Stadtmission. 100 S., geh. 80 Pf. geb. 1 M. 
„Hausmannskost" hat der Verfasser die Gedanken genannt, die 
er uns in den Geschichten und Aphorismen dieses Büchleins darbietet; und 
Hausmannskost sind sie, weil sie gesunde, nahrhafte Kost enthalten, 
und zwar für jedermann, reich und arm. hoch und niedrig, vornehm und 
gering. Ihrem inneren Werte nach aber sind diese Gedanken lauter echtes 
Gold. Hier nur ein kurzes Beispiel: Zufriedenheit ein großes Gut. 
„Wie viel verdienst Du?" fragte einmal Ludwig Xl. einen seiner Küchen 
jungen. — „So viel wie der König," war die unerschrockene Antwort. 
— „Und wie viel verdient denn der König?" — „So viel, wie er 
braucht," antwortete der Küchenjunge. 
Am Wegcsrand. Von Charles Wagner. Uebersetzt aus dem Franzö 
sische» von M. v. Seyfert. Mit einem Vorwort von Hermann 
Dalton. Verlag der Buchhandlung der Berliner Sladtmission. 
175 Seiten, fein kart. 1,20 M., eleg. geb. 2,20 M. 
Das vorstehend genannte Buch ist eine sehr wertvolle Bereicherung 
unserer christlichen Litteratur. Der in seiner Heimat und weit darüber 
hinaus berühmte Verfasser versteht es meisterhaft, immer etwas „zu er 
leben", eine Gabe, die nur wenige besitzen. Er ist ein feiner Beobachter, 
der überall die Augen und die Ohren zum Schauen und Hören, aber 
auch das Herz und die Hände zum Helfen offen hat. Mit treuer Christcnliebe 
spürt er in jeder Mcnschcnscele, die ihm „am Wege" begegnet, dem Eben 
bilde Gottes nach, ob's auch oft tief verborgen ist unter Schuld und 
Sünde. Diese „am Wegcsrand" gepflückten Blumen bilden einen schönen, 
duftigen Strauß, an dem jeder ernste Mensch seine Freude haben muß.
        
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