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Periodical volume 27. November 1897, No. 48

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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sprachlosen Menge entstehen und feierte Triumphe, wie kein 
anderer seiner kunsttreibenden Zeitgenossen. Man feierte ihn 
geradezu als einen Gott -der Kunst. — Von Italien aus 
gelangte der Barockstil nach Frankreich und fand hier in Puget, 
Le Brun und Girardon hochgefeierie Vertreter. In Holland 
stellten Rubens und in Preußen Andreas Schlüter ihre 
Individualität in seinen Dienst. Beide erzielten durch ihre 
außergewöhnlichen Schöpfungen nicht nur den ungeteilten Bei 
fall der Menge, sondern auch die Anerkennung strenger objek 
tiver Kunstrichtcr. Von Schlüter, dem Schöpfer des in Berlin 
bisher unübertroffenen Denkmals des Großen Kurfürsten, 
muß hier hervorgehoben werden, daß er zwar der architekto 
nischen Ungebundenheit des Barockstils huldigte, daß seine 
Hauptabsicht dramatische Wucht, begeisternder Schwung und 
überwältigende Schwere war, daß er aber auch der Antike 
seinen Tribut zollte. Freilich stellte er sie nur als Mittel 
zum Zweck in seinen Dienst, insoweit er es für gut hielt, den 
Ausdruck der Energie des Gesamtwerkes durch sie zu steigern. 
Sein Held ist echt deutschen Wesens und Charakters, aber er 
ist umgeben von dem Nimbus antiker Jmperatorenherrlichkeit, 
triumphierend über die zu seinen Füßen in Ketten liegenden 
und um Gnade flehenden Gegner. — Der Barockstil setzt, 
wenn er sich als wirksam und achtunggebietend bewähren soll, 
besonders bei umfangreichen Monumentalbauten, viel Feuer 
des Geistes und künstlerischer Empfindung, absolute Beherr 
schung der Form und der Technik und eine meisterhafte An- 
ordnungslüchtigkeit voraus. Letztere ist durchaus erforderlich, 
weil die vollständig ungebundene Gruppierung der dem Mittel 
punkt zustrebenden Details sehr leicht Ueberschneidungen her- 
berbeisührt, die den Totaleindruck der Schöpfung beeinträchtigen 
und zersplittern. — Da aber zu allen Zeilen immer nur 
wenige Künstler die Gaben und Fähigkeiten in sich vereinigten, 
die der Stil ihrer bahnbrechenden Meister forderte, so er 
schienen ihre Schöpfungen denen ihrer großen Vorgänger 
gegenüber meistens stümperhaft und oft kaum der Beachtung, 
viel weniger aber einer allgemeinen Würdigung wert. Die 
selben Resultate erzielten auch die in den Bahnen des Barock 
stils wandelnden Epigonen. Sie setzten Machwerke in die 
Welt. die jedes besseren Gefühls und jeder gesunden Auffassung 
vom Wesen und Zwecke der Kunst spotteten. Diese Ausar 
tung. die besonders in Frankreich Unglaubliches leistete, 
bedachte die Kunstgeschichte mit dem Namen Rokoko- oder 
Zopfstil. Er war es. der eine Rückkehr zum Alten, eine 
Wiedergeburt der Kunst forderte. — Einen gewaltigen Einfluß 
gewannen nach dieser Richtung Johann Winkelmann (1717 
bis 1768) und Gotthold Ephraim Lessing. Jener wurde, von 
glühender Begeisterung für die antike Kunst durchdrungen, ein 
Lehrer der Gesetze des Schönen nicht nur für Deutschland, 
sondern für das gesamte Europa. Er wies nach, daß die 
Schönheit das höchste Gesetz der bildenden Künste bei den 
Alten gewesen, und daß diese Schönheit an ihren Kunstwerken 
in der edlen Einfalt, der Grazie und der stillen Größe be 
gründet sei. Rücksichtslos zog er gegen Michel Angelo, 
Bernint und alle diejenigen zu Felde, die den Gesetzen der 
Antike zum Trotze Werke schufen, welche seiner Auffassung 
und seinen Grundsätzen von der stillen Größe, der erhabenen 
Schönheit nicht entsprachen. Sie vergingen sich nach seiner 
Meinung bei ihren Figuren gegen die Gesetze der „idealen 
Schönheit", indem sie die Natur schlechthin nachbildeten, ohne 
dabei an eine ideale Läuterung ihrer Vorwürfe zu denken. 
In Bezug auf Ausdruck, Aktion, Miene, Gebärde. Stellung 
und Bekleidung verstießen sie gegen das „vernünftige Gefällige", 
die Grazie. Scharf tadelt er darum die geistreich gearbeiteten 
liegenden Statuen in der Grabkapelle zu St. Lorenzo in 
Florenz; weil ihre unschöne, rein gekünstelte Lage weder dem 
Wohlanstande der Natur, noch der Grazie, noch der Würde 
ihres Standortes entspräche. — Von Beruini, „dem Manne 
mit großem Talente und Geiste", behauptet er sarkastischer 
weise, daß ihm die Grazien nicht einmal im Traume erschienen 
wären. 
Was Winkelmann. begabt mit reinem Blick, feinem 
Schönheitsgefühl, reichem Wissen und außerordentlicher Kom- 
binaiionsschärfe, begriff, behauptete und als Aesthetiker ver 
focht, das suchten Canova und Thorwaldseu in ihren unsterb 
lichen Schöpfungen zu realisieren. In Deutschland war es 
besonders Rauch, der den Kampf- und Lobgesängen des großen 
deutsch-italienischen Aesthelikers ein empfängliches Ohr und 
eine zarte, empfindungsliefe Seele cntgegenbrachle. Geist, 
Schönheitsgekühl, Energie und eine meisterhafte Technik machten 
es ihm möglich, die Ideale des klassischen Altertums in sich 
aufzunshmen, sie, mit echt volkstümlich-nationalen Ideen ver 
quickt, zu seinen eigenen zu machen und vollständig individuell 
zu verwirklichen. Rauch ist ein unvergeßlicher, verehrungs- 
würoiger Meister der nenklassi, chen Kunstperiode. Auf der 
Höhe seines Könnens angelangt, schuf er das herrliche Denk 
mal unseres großen Friedrich, einen monumentalen Hymnus 
nationaler Verehrung, patriotischen Hochgefühls und subjektiver 
Schöpfungs- und Gestaltungskraft. 
Auf dieser in kurzen Zügen behandelten kunsthistorischen 
Basis, an deren Anfang Michel Angelo und Lorenzo Bernini 
glänzen, und an deren Ende Christian Rauch Triumphe feiert, 
steht Reinhold Begas. 
Reinhold Begas wurde 1831 zu Berlin (Karlsbad) ge 
boren. Sein Vater war ein bedeutender, allgemein geschätzter 
Maler. Dafür bürgen die Namen derer, die in seinem 
Künstlerheim verkehrten. Zu seinen Freunden und Verehrern 
zählten Karl Rüter, Rauch, Schadow, Meyerbcer, Schinkel, 
Cornelius, Grimm und andere Kunst- und Geistesheroen. Die 
Taufpaten Reinhold Begas waren Christian Rauch. Gottfried 
Schadow und Ludwig Wichmann. Bei Wichmann empfing 
Reinhold Begas seinen ersten Unterricht in der plastischen 
Technik. Die begonnenen Studien setzte er später in der 
Werkstatt Rauchs, der damals gerade am Denkmal Friedrichs 
des Großen arbeitete, fort. Hier stand er nun unter dem 
unmittelbaren Einflüsse eines Genies, das Zirkel, Meißel und 
Hammer nach den Gesetzen führte, die Winkelmann als allein 
maßgebend für die Schönheit in der Kunst ausgestellt halte. 
Reinhold Begas war von tiefer Ehrfurcht gegen seinen großen 
Meister erfüllt. Aber das Feuer seiner Phantasie, die Eigen 
art seiner Empfindung und die Energie seines Geistes duldeten 
es nicht, auf die Dauer den stolzen Nacken unter das Dogma 
des Neuklassizismus zu beugen und Traditionen Folge zu 
geben, die seiner Individualität zuwiderliefen. Er verabsäumte 
zwar nicht, den Akkorden zu lauschen und der gewaltigen 
Sprache Gehör zu schenken, die aus seinen Werken redete, 
aber es widerstand ihm, nichts weiter als Schüler zu sein. 
In seiner Brust regte sich der Keim zu späterer Originalität. 
Er fühlte sich berufen, auf anderen Bahnen zu wandeln, einem
        
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