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Periodical volume 27. November 1897, No. 48

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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dumpfen Gewölbe nicht nachteilig auf die Wunde wirkt, die 
er heute bei dem hitzigen Kampfe in den Schanzen erhalten." 
„Der General ist verwundet?" rief Barbara erschrocken 
aus und mußte sich auf den nächsten Sessel niederlassen. 
„Ist die Wunde gefährlich?" 
„Das nicht, mein Kind; nur ein Degenstich durch den 
linken Arm", lautete die Antwort. „Bei einiger Schonung 
ist die Sache in wenigen Tagen vorüber. General Görtz ist 
aber nicht der Mann, sich Ruhe und Pflege angesichts des 
Feindes zu gönnen, deshalb kann die Wunde leicht bösartig 
werden. Unser Kommandant ist trotz seiner Jugend ein 
Kriegsheld, der durch sein glänzendes Beispiel Offiziere und 
Soldaten mit sich fortreißt und zu der größten Tapferkeit 
anspornt. Ohne seinen persönlichen Heldenmut hätte die 
Festung heute leicht erstürmt werden können, wie mir mehrere 
höhere Offiziere gesagt." 
Barbara entschuldigte sich beim Oberstlieutenant mit häus 
lichen Verrichtungen und eilte rasch in ihr Stübchen, wo sie 
in Thränen ausbrach. Mit Schrecken sagte sie sich, daß ihr 
Herz von inniger, wärmster Neigung zu dem stattlichen, helden 
mütigen General erfüllt sei; daß auch dieser ihr zugethan, 
glaubte sie aus seinen bewundernden Blicken schließen zu 
dürfen; doch war Barbara Walker ein viel zu verständiges 
Mädchen, um nicht das Hoffnungslose ihrer Liebe zu dem 
vornehmen Manne einzusehen. Ihr jungfräulicher Stolz 
empörte sich aber bei dem Gedanken, daß Görtz in ihr etwa 
den Gegenstand einer flüchtigen Liebelei erblicken möchte. Sie 
nahm sich fest vor, ihr Herz zu bezwingen und keinen Menschen 
dessen Gefühle ahnen zu lassen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Mn Titularduch aus dem Jahre 1690. 
Von Fr. Bayer. 
Vor 200 Jahren, als Madame Etikette vom Hofe des 
vierzehnten Ludwig aus ihren Triumphzug begann, der sie in 
jener Zeit zu einer wirklichen politischen Macht stempeln sollte, 
sah sich ein wahrscheinlich an dem Hofe des Herzogs zu 
Sachsen-Gotha angestellter Kanzlist zu dem sehr zeitgemäßen 
Unternehmen veranlaßt, ein ohne Register 1203 Oklavseiten 
starkes Buch herauszugeben (1690), welches folgenden Titel 
führte: 
„Curieuse Hof-, Staats- und Reichs-Titulaturen 
oder vollständiges Titularduch." 
In demselben sind sämtliche Titel, Anreden von Seiner 
Römischen Kayserlichen Majestät bis zum einfachen Tagelöhner 
enthalten. 
Das umfangreiche Unternehmen scheint „einem tiefgefühlen 
Bedürfnis abgeholfen zu haben", denn der Verfasser hat un 
mittelbar darauf noch einen zweiten ebenso dickleibigen Band 
zu verfassen für notwendig erachtet. Die Titel, Anreden rc. 
find in deutscher, französischer, italienischer und lateinischer 
Sprache zusammengestellt, und außerdem hat der Verfasser fein 
geläutertes Verständnis für Macht und Würden dadurch be 
wiesen, daß er die nach seiner Ansicht (oder richtiger wohl 
nach der damaligen allgemeinen Auffaffung im heiligen Rö 
mischen Reich) bedeutendsten Fürsten nicht in alphabetischer 
Reihenfolge, sondern so wie ihr Machtverbältnis den Politikern 
von 1690 erschien, nacheinander anführt. Unmittelbar hinter 
Katzser Leopold folgt der türkische Kayser, dann der — Tar- 
tarenkhan, hinter diesem der Großherzog von Moscau, der 
König von Persien, der Negus von Aethopien, der König zu 
Fez Marocco, der Großmogul, der Japanische Kayser, die 
Könige in Hispanien, Portugal, Frankreich, Engeland, Däne 
mark, Schweden, Pohlen, Hungarn, der Kayser von Ceylon, 
die Könige von Siam, von Congo (!), von Arrukan (?) in Ost 
indien, die Churfürsten von Mayntz, Bayern, Sachsen und 
dann als der fünfundzwanzigste in der Reihe der „Groß 
mächte" der Churfürst von Brandenburg! Dahinter steht nur 
noch der Churfürst zu Psaltz! 
Sieht man von den exotischen Fürsten ab. die wohl nur 
durch die Phantasie des anonymen Sachsen-Gothaischen Kanzlei 
beamten zu einer so bedeutenden Macht und infolgedessen zu 
einem so ausgezeichneten Platze in dem „Vollständigen Titular- 
Buch" gekommen find, so nimmt Chur-Brandenburg damals 
die fünfzehnte Stelle im europäischen Konzert ein. 
Was uns aber mehr interessiert, ist in dem Titular-Buch 
der Umstand, daß dem Verfasser augenscheinlich die Titel, 
Adressen, Anreden, Unterschriften sehr vielfach im Original 
vorgelegen haben, denn er hat solche fast durchgängig mit 
allem Zubehör (Ort, Datum rc.) angeführt. 
So hat Churfürst Friedrich HI. seine Erlasse, Briefe, 
falls er in Berlin war, „geben in Unserer Refidentz zu Cölln 
an der Spree". — Der Roi Soleil schreibt ohne viele Um 
stände: „A Mon Frere le Marquis de Brandenbourg, 
Prince et Electeur du St Empire“ und unterzeichnet sich 
„Votre bon Frere Louis“. Dagegen hielt König Carl XI. 
von Schweden es zuvörderst für angemessen, seine heimatlichen 
Titel und Würden anzuführen, entbietet darauf „dem Durch 
lauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Friederichen, Marg- 
grafen zu Brandenburg u. s. w. Seinen Freundlichen Gruß 
und alles glückseelige Wohlergehen"; redet den Churfürsten 
dann an: „Durchlauchtigster Fürst, freundlich-geliebter Vetter 
und Bundsgenoß", schließt sein Schreiben mit den Worten: 
„Womit Wir Euer Liebden der Göttlichen Obhut anbefehlen" 
und unterzeichnet sich endlich „Euer Liebden treuer Vetter. 
Freund und Bunds-Verwandter Carolus". 
Johann Sobieski nennt den Churfürsten „Durchlauchtigster 
Fürst, Herr Vetter und Schwager, vielgeliebter Bruder" und 
unterzeichnet „geben zu Warschau im Jahre des Herrn 1689, 
Unserer Königreiche des 16. Jahres. Euer Durchlaucht guter 
Vetter, Schwager und Bruder Johannes Rex". 
Ganz anders beginnen die Herzöge von Sachsen, Mecklen 
burg u. a. ihre an den Brandenburgischen Churfürsten ge 
richteten Schreiben: „Unsere freundlichen Dienste und was 
wir sonst mehr Liebes und Gutes vermögen zuvor, Durch- 
lauchiigster Fürst, freundlich geliebter Herr Vetter und Gevatter." 
Die Generalstaaten der Vereinigten Niederlande unter 
schreiben sich: „Womit Wir Uns gegen Euer Churfürstliche 
Durchlaucht ganz Freund- und Nachbarlich erbieten." 
Briefe, die von den Brandenburger Fürsten an diese so 
eng befreundeten Generalstaaten gerichtet find, scheinen dem 
Herausgeber nur vom großen Churfürsten vorgelegen zu haben, 
und zwar schreibt der große Friedrich Wilhelm: „Unsern 
freundlichen Gruß und zubevor wohlgeneigten Willen, Hoch- 
mögende Herren, insonders liebe Freunde und Nachbarn . .. 
Zum Schluß verbleiben Wir Euer Hochmögenden zu Freund-
        
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