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Periodical volume 27. November 1897, No. 48

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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„Mir ist das anhaltende Stillsitzen zuwider, Mutter", 
erwiderte Philipp etwas verlegen; ich kann es nicht länger 
im Zimmer aushallen und will außerdem mich überzeugen, 
ob das Bombardement großen Schaden in der Stadt an 
gerichtet hat. Es ist nicht kalt, hat seit gestern auch nicht ge 
regnet. mein Mantel schützt mich hinreichend vor Kälte; ich 
wüßte also nicht, weshalb mir ein Gang durch die Straßen 
schaden könnte." 
„Oh! ich kann mir wohl denken, wo der Herr Sohn 
frische Luft schöpfen will!" rief Frau Walker zornig aus, einen 
scharfen Blick auf den errötenden Philipp werfend. „Ich halle 
gehofft, meine Bitten und die Ermahnungen des ehrwürdigen 
Herrn Pastors würden Dir die Augen geöffnet haben über 
das Sündhafte jeglichen Verkehrs mit der gottlosen Calvinisten- 
Sippschaft. Leidersehe ich jetzt, daß ich mich darin getäuscht, 
denn nur zu der ketzerischen Dirne wolltest Du gehen!" 
„Ich bitte Euch, Mutter", unterbrach Philipp die immer 
zorniger werdende Frau, „wie könnt Ihr Gertrud, die noch 
vor einem Jahre fast täglich in Eurem Hause aus- und ein 
ging, mit einem so häßlichen Ausdruck beschimpfen! Ihr habt 
das Mädchen selbst sehr gern gehabt - was hat cs denn ver 
brochen. daß Ihr es nun so schmäht und haßi?" 
„Die Gertrud und ihr Vater hängen der Irrlehre an, 
und so lange ich es zu hindern vermag, soll sie meine Schwelle 
nicht wieder betreten. Es war mir neulich schon ein Greuel, 
den Meister Kreisch hier im Hause zu sehen," entgegnete Frau 
Walker. 
„Aber, beste Mutter", sagte Philipp begütigend, „wes 
halb folgt Ihr nicht Eurem gutem Herzen, das noch vor 
einem Jahre nichts von Haß und Abscheu gegen Anders 
denkende wußte? Laßt Euch nicht von einem übereifrigen 
Priester aufstacheln, der, anstatt christliche Liebe und Nachsicht 
zu predigen und zu fördern, nur Unfrieden und Streit zwischen 
den bis zu seiner Ankunft friedlich miteinander lebenden Ge 
meinden gestiftet hat!" 
„Wie kannst Du es wagen, einen so gottesfürchtigen, 
eifrigen Diener des Herrn zu verunglimpfen!" rief die Mutter 
entrüstet aus. 
„Liebe Mutter," sagte die in diesem Augenblicke ein 
tretende Barbara, welche die laut geführte Unterhaltung aus 
ihrem Stübchen aufgescheucht hatte, „ich bitte Euch, regt 
Philipp nicht so aus! Seht nur, er ist wieder ganz bleich ge 
worden! Der Arzt hat ja ausdrücklich Ruhe und Schonung 
anbefohlen, und Ihr macht alles, was Ihr durch Eure sorg 
same. liebevolle Pflege erreicht, durch Euer Schellen und 
zorniges Wesen wieder zunichte. Philipp, gieb mir Deinen 
Mantel, und lege Dich auf das Ruhebett nieder, sei ver 
nünftig. ein Genesender macht seinen ersten Ausgang nicht an 
einem kalten Winterabende." 
Während sie den nachgebenden Bruder zu dem Lager 
führte, stürzte die Mutter, in Thränen ausbrechend, aus dem 
Zimmer. 
„Du bist ein großer Thor. Philipp!" sagte Barbara, 
sobald sie mit ihrem Bruder sich allein sah. „Ich weiß ja 
ebenso gut wie die Mutter, daß Du nur zur Gertrud hast 
gehen wollen, damit sich das arme Mädchen nicht unnötig 
wegen Deiner Verwundung ängstigt, von der natürlich die 
ganze Stadt spricht und ihre Gefährlichkeit übertreibt. Du 
bist weiter ein undankbarer Mensch, ein Bruder, der seine 
eigene Schwester noch gar nicht einmal genau kennt, sonst 
hättest Du nicht glauben können, diese hätte nicht gleich am 
ersten Tage Mittel und Wege gefunden, die Gertrud zu 
sprechen und sie über den Zustand ihres teuren Philipp zu 
beruhigen. Und schließlich bist Du auch ein großer Narr, 
indem Du es unternimmst, die Mutter ganz unnöngerweise 
so in Harnisch zu bringen und noch mehr gegen die arme 
Gertrud aufzureizen." 
„Ich bin alles, was du verlangst, Bärbchen," erwiderte 
Philipp. „Vor allen Dingen aber bin ich Dir von ganzem 
Herzen dankbar wegen deiner Freundschaft für mein Trudchen, 
denn mein wird sie, und wenn sich alle Pfaffen der Welt auf 
den Kopf stellen!" 
„Gemach, gemach, junger Herr!" sagte eine tiefe Stimme 
von der Thür her, und als sich die erschrockenen Geschwister 
dorthin wandten, erblickten sie den Oberstlieutenant, der eben 
von seinem Rundzange um die Befestigungswerke der Stadt 
zurückgekehrt war und den jungen Walker einen Augenblick 
besuchen wollte. „Gemach, mein lieber Philipp, was haben 
Euch denn die frommen Herren zuleide gethan, daß Ihr so 
zornig auf sie seid? Ich nehme indes diese heftige Expekioratton 
als ein Zeichen fortschreitender Genesung an und freue mich 
aufrichtig, daß es mit Eurer Verwundung so glimpflich 
abgelaufen ist, da ich doch die eigentliche Ursache derselben 
gewesen, indem ich es zuließ, daß Ihr an jenem Abend die 
Mannschaft nach dem Posten führtet." 
Der Oberstlieutenant Du Mont hatte sich während der 
wenigen Tage seines Aufenthaltes im Hause des Bürger 
meisters durch sein freundliches, leutseliges Wesen das Ver 
trauen und die Zuneigung sämtlicher Bewohner zu erwerben 
gewußt. Als seine Schwester hinuntergegangen war, um eine 
Erfrischung für den Kommandanten zu besorgen, teilte Philipp 
diesem offenherzig seine Liebe zu Gertrud Kreisch mit, wie 
auch die seit einiger Zeit eingetreiene Veränderung in der 
Sinnesart seiner Mutter gegen das Mädchen und die eigent 
liche Veranlassung zu dieser Veränderung. 
„Wenn es weiter nichts ist, mein junger Freund", 
erwiderte der Oberstlieutenant, „so habt Ihr durchaus keine 
Ursache zu verzweifeln, zumal Euer Vater kein Gegner dieser 
Verbindung zu sein scheint. Vermeidet vorläufig jeden 
Widerspruch gegen die Mutter, die ja eine brave, verständige 
Frau ist, und überlaßt es der Zeit, ihr Vorurteil gegen das 
junge Mädchen zu beseitigen! Ihr seid beide noch so jung, 
daß Ihr ruhig noch ein oder zwei Jahre warten könnt; in 
zwischen kann sich mancherlei ereignen, was Euch förderlich 
ist. Habe ich nicht recht, Jungfrau Barbara?" fragte er die 
mit Wein und einem kleinen Imbiß zurückgekehrte Tochter 
des Hauses. 
„Gewiß. Herr Oberstlieutenant. Ich habe schon oft 
meinem Bruder gesagt, er solle die Mutter nicht unnötig reizen 
durch unbotmäßiges Austrelen, aber der Philipp ist leider 
ein arger Hitzkopf." 
„Ich war soeben droben in der Festung", sagte Du 
Mont, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. 
„Die Bomben haben dort eine schreckliche Verwüstung an 
gerichtet; die Kommandantur ist garnicht mehr bewohnbar, so 
daß der General eine feste Kasematte hat beziehen müssen. 
Ich will nur hoffen, daß der Aufenthalt in dem feuchten und
        
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