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Periodical volume 27. November 1897, No. 48

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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„Es ließe sich vielleicht ein Mittel finden, Herr General 
major," sagte der Oberstlieutenant, „den Fall der Stadt noch 
eine Zeitlang hinzuhalten, bis der vom Herrn Landgrafen Karl 
in Aussicht gestellte Entsatz eintrifft." 
„Laßt hören, Oberstlieutenant!" erwiderte Görtz lebhaft. 
„Es wäre mir sehr lieb, wenn ich die Bewohner von St. Goar, 
die sich so wacker und mannhaft gezeigt, vor dem Aeußersten 
bewahren könnte." 
„Während der beiden heutigen Angriffe habe ich eine 
Stelle zwischen der Paliffadierung und der Mauer. nach der 
Höhe zu, wahrgenommen." berichtete Du Mont, „wo sich leicht 
ein Erdwerk auswerfen ließe, das wohl imstande wäre, die 
Verteidigung jener Front kräftig zu unterstützen; auch könnte 
man von der Schanze aus die Arbeiten des Feindes ohne 
Schwierigkeit zerstören." 
„Das ist eine sehr gute Idee von Euch, lieber Oberst 
lieutenant," rief der General aus; „beginnt noch beute abend 
mit dem Auswerfen der Schanze, die bis morgen vormittag 
fertig sein kann, wenn Ihr hinreichend Mannschaft anstellt." 
„Ich will sogleich von der Bürgerschaft soviel Leute auf 
bieten lassen, als Sie bedürfen, Herr Kommandant." sagte 
der Bürgermeister eifrig. „Mit Freuden werden sie die ganze 
Nacht hindurch arbeiten und schanzen, wenn eS gilt, das der 
Stadt drohende Unheil abzuwenden. Sie können dann Ihre 
Soldaten schonen, damit sie morgen frisch find." 
„Das nehme ich mit Dank an, Herr Bürgermeister," er 
widerte der Oberstlieutenant. „Ich werde mich, mit Erlaubnis 
des Herrn Generals, jetzt an Ort und Stelle begeben und das 
Erforderliche zum Beginnen der Arbeiten veranlassen." 
„Sobald ich dem Sohne unseres Herrn Wirtes, den ich 
seit seiner Verwundung noch nicht gesehen, einen kurzen Besuch 
gemacht." sagte Görtz aufstehend, „kehre ich in die Festung 
zurück und werde Euch einen Osfizier von den Pionieren 
schicken, der bte Arbeiter anstellen soll." 
„Mein Sohn befindet sich oben in seinem Zimmer und 
wird sich sehr geehrt durch Ihren Besuch fühlen. Herr General," 
bemerkte der Bürgermeister. „Barbara wird Sie hinaufführen, 
während ich gleich zum Ratsdiener und Raisschreiber mich be 
geben will, um die Bürger zusammenzurufen." 
Als der Kommandant Du Mont mit dem wackern Herrn 
Walker das Zimmer verlassen, fragte Görtz lächelnd das junge 
Mädchen: 
„Seid Ihr nun beruhigt, Jungfer Barbara, und zürnt 
Ihr nicht mehr dem grausamen Mann. der die Stadt und 
ihre Bewohner kaltblütig und rücksichtslos dem Feinde über 
lassen wollte?" 
„Verzeihen Sie mir. Herr General!" antwortete Barbara, 
einen teils verlegenen, teils bittenden Blick auf den vor ihr 
Stehenden werfend. „Nur die Angst, der erste Schrecken waren 
schuld, daß ich es wagte, das Gespräch der Herren zu stören." 
„Aber für grausam und kaltherzig hallet Ihr mich doch 
noch, nicht wahr, Barbara?" 
„Ach nein, gewiß nicht!" rief das junge Mädchen aus. 
„Derartiges habe ich keinen Augenblick von Ihnen geglaubt. 
Herr General; ich sehe jetzt auch ein, daß gewiß nur sehr 
gewichtige Umstände, die ich nicht zu verstehen vermag. Sie 
zu dem Entschlüsse hätten zwingen können, meine arme Vater 
stadt preiszugeben." 
„Darin habt Ihr vollkommen recht, Jungfer Barbara. 1 
Gebt mir nun Eure Hand zum Zeichen, daß wir wieder gute 
Freunde find, und habt dann die Güte, mich zu Eurem Britder 
zu führen, denn meine Zeit ist kurz bemessen!" 
Als Görtz die feine, weiche Hand des schönen Mädchens 
in der seinigen hielt, konnte er es sich nicht versagen, sie an 
die Lippen zu führen, worüber Barbara heftig erschrak, einen 
verwirrten Blick auf den General warf und ihn dann mit 
etwas bebender Stimme aufforderte, ihr in das Zimmer ihres 
Bruders zu folgen. Görz begrüßte den jungen Mann mit 
einigen freundlichen Worten, sprach seine Freude darüber aus, 
daß die Wunde bereits in der Heilung begriffen sei, und ent 
fernte sich dann nach einigen Minuten, um zur Festung 
hinaufzusteigen. 
Am folgenden Tage, dem 20.. beschossen die Belagerer 
aus sämtlichen Batterien gleichzeitig die Festung, das Schloß 
und die Stadt. Das Feuer wurde von den Belagerten kräftigst 
erwidert. Gegen zwei Uhr nachmittags brach infolge des 
Bombardements Feuer oben in der Festung aus; sobald die 
Rauchwolken emporquollen, griffen die Franzosen mit zwei 
Sturmkolonnen die am Biebernheimer Thore gelegenen Lünetten 
und das Speifeuer an. Zweimal waren die feindlichen Grena 
diere bis an den Grabenrand vorgedrungen und standen im 
Begriff, die Schanze zu ersteigen; doch der dort kommandierende 
Oberst Godenius trieb sie jedesmal mit einigen Kompagnien 
des von Görtzschen Regiments wieder zurück. Beim dritten 
Sturm hatte der Feind den tapferen Obersten mit seinen Leuten 
bis zu den inneren Schanzen zurückgedrängt, als der General 
von Görtz mit zwei Kompagnien seines Regiments aus der 
Festung herbeieilte und sich mitten in den Feind stürzte. Nach 
einem blutigen Handgemenge gelang es, die Franzosen aus 
den bereits eroberten Werken wieder zu vertreiben und mit 
großem Verluste, namentlich an Offizieren, bis in die feind 
lichen Linien zurück zu jagen. Der tapfere General erhielt 
in diesem hitzigen Kampfe von einem feindlichen Grenadier- 
offizier einen Degenstich durch den linken Arm. den er jedoch 
auf der Stelle vergalt, indem er seinen Gegner niederstieß. 
Das Schloß hatte durch die Bomben und den Brand sehr 
gelitten, der hohe Turm sowie die Bastion, der sogenannte 
Meisenkasten, waren vollständig zusammengeschossen worden, 
auch war das Dach des Commandanturgebäudes bis auf die 
Mauern niedergebrannt. Die sehr beschädigten Schanzen, das 
Speifeuer. Dachsloch. Mausloch, wurden während der Nacht 
vom 20. zum 21. ansgebessert und die kampfunfähig 
gewordenen Kompagnien durch frische Truppen vom rechten 
Ufer abgelöst. 
Als nach dem fürchterlichen Gedonner und Getöse des 
Bombardements und dem Toben des Kampfes um jene 
Schanzen eine den Bewohnern der Stadt besonders wohl 
thuende Stille eingetreten, erhob sich Philipp Walker aus dem 
bequemen Sessel, in welchem er den Tag über geruht, da 
seine Wunde zu heilen begonnen, nahm seinen Mantel und 
wollte eben sein Zimmer verlassen, als seine Mutter eintrat, 
um ihm eine warme Suppe zu bringen. 
„Du willst doch nicht etwa ausgehen, Philipp?" rief sie 
erstaunt aus. „Du trägst den wunden Arm ja noch in der 
Schlinge, und der Arzt hat Schonung und Ruhe angeordnet, da 
mit die Heilung nicht gestört werde. Und trotzdem willst Du 
Dich in die kalte Luft begeben, ohne irgend eine Veranlaffung 
■ dazu?"
        
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