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Periodical volume 20. November 1897, No. 47

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Kleine Mitteilungen. 
Berlin vor 100 Jahren. Die Einwohnerzahl Berlins betrug nach 
der letzten statistischen Aufnahme 1738 466 Seelen; welch ein Unterschied 
gegen die Einwohnerzahl Berlins vor 100 Jahren! Damals, im Todes- 
iahr Friedrich Wilhelms II., 1797, zählte Berlin nur 165 726 Einwohner, 
die in 6906 Häusern lebten. Das Jahr 1797 brachte Berlin u. a. sein 
fünftes Gymnasium, das Friedrich Wilhelms-Gymnasium. Auch entstand 
eine Real- und Mädchenschule und ein — Küsterscminar, das jedoch 
bald wilder geschlossen wurde. Ferner wurde ein Landschullehrer- 
Seminar und eine Ortslehrer-Akademie errichtet. Im Jahre 1797 
wuiden in Berlin auch bisher hier unbekannte Volksvergnügungen ein 
geführt, so Stangenklettern, Hahnenschlagen, „Erbspicknicke" unv Rosen- 
seste. Bis dahin galten nur die Erntefeste, der Stralauer Fischzug und 
die Schützenfeste als Vergnügungs-Veranstaltungen für das Volk. 
Wie Berlin seit jener Zeit gewachsen ist, geht daraus hervor, 
daß im Jahre 1842, alio nock nicht ganz 50 Jahre später, die Stadt 
eine Bevölkerung von 352 262 Seelen auswies. Von diesem Jahre au 
hatte Berlin Wien, Moskau und Neapel an Einwohnerzahl überflügelt. 
Größer blieben damals nur noch London, Paris und Konstantinopel. 
Kaiser Wilhelm I. und der Kadett. Im Jahre 1886 begegnete 
der hochselige Kaiser Wilhelm I. auf der Promenade in Ems einem Zögling 
der Hauptkadetten-Änstalt Lichterfclde, über dessen stramme militärische 
Haltung der greise Kaiser sehr erfreut war. Als der oberste Kriegsherr 
sich dem vor ihm Front machenden Marsjünger näherte, fragte er ihn 
nach Namen und Stand seines Vaters und ließ sich schließlich mit dem 
jungen Manne in eine längere Unterhaltung ein. Die korrekten Ant 
worten gefielen dem Kaiser, und, dem Kadetten auf die Schulter klopfend, 
wollte der Monarch wissen, was der Primaner denn eigentlich werden 
wolle. „Feld-Artillerist, Ew. Majestät!" sagte der Kadett. „Das lasse 
ich gelten!" meinte der Kaiser. „Wenn ich sonst die Kadetten frage, 
was sie werden wollen, dann erhalte ich in der Regel die Antwort: 
„Offizier". Das weiß ich ja, daß alle Offizier werden möchten, Offizier 
ist aber ein weitgehender Begriff, ich gebe ihnen dann wohl den Rat. 
Feldmarschall zu Werder; Ihnen wünsche ich auch, daß Sie Feldmarschall 
werden." Damit klopfte der Kaiser dem hocherfreuten Jüngling leut 
selig auf den Arm, salutierte und setzte schmunzelnd seinen Spazier 
gang fort. M. M. 
Ein Gemälde-Handel Friedrich Wilhelms I. König Friedrich 
Wilhelm I. von Pnutzkirinn»rMkm»«ttch-Ek'Äk"öst. besonders baum 
lange Kerle, von denen sich noch viele in seinem Jagdschloß zu Königs- 
Wusterhausen befinden. Namentlich wenn Zahnschmerzen ihn peinigten, 
übte er die edle Kunst — daher der häufige eigenhändige Vermerk des 
Königs : „In tormentis pinxit“, (Unter Schmerzen gemalt). Einmal be 
gab cs sich, daß der König ein Bild, das ihm besonders gefiel, zu einem 
Kunsthändler bringen und ihn um sein Urteil darüber hefragen ließ. 
Der Händler dachte an den Korporalstock und lobte dos Gemälde über 
die Maßen. Der König fragte nun, was es wert sei. Der Händler 
antwortete: 1000 Thaler. Darauf zwang ihn der König, das Bild für 
diese Summe zu erwerben. Allein die Sache kam anders, als der König 
dachte. Der Kunsthändler stellte da? Bild im Schaufenster aus und be 
festigte daran ein Plakat: „Gemalt von Seiner Majestät". Natürlich 
sammelte sich fortgesetzt vor dem Laden eine ungeheure Menschenmenge, 
und als ungünstige Bemerkungen über das Bild im Publikum und auch 
anderwärts laut wurden, wollte es der König gegen Wiedererstattung 
der Kauffumme zurückerwerben. Allein der Kunsthändler berief sich 
darauf, daß der Wert des Bildes nunmehr schon gestiegen sei, und daß 
er sein Eigentum zu jedem ihm genehmen Preise verkaufen dürfe. So 
mußte schließlich der König das Dopvelte der Kaussumme erlegen, um 
nur wieder in den Besitz des Bildes zu gelangen. Seitdem behielt er 
die Kunstwerke selbst und machte nie mehr den Versuch, sie zu ver 
werten. —dn— 
Eigentümliche Bittschrift. Als FriedricipWilhelm-I- von Preußen 
eines Tages ausfuhr, lief ein Bauer neben seinem Wagen her und hielt 
eine Bittschrift in die Höhe. Der König ließ halten und ihm sein Ge 
such abnehmen. Kaum hatte er aber einen Blick auf das Papier ge 
worfen, so schüttelte er den Kopf. Da war kein einziger Buchstabe zu 
sehen, nur ein mit Tinte sehr plump gezeichnetes Viereck und darin 
Striche und Klex:. Verwundert betrachtete der König die merwürdige Bitt 
schrift er konnte ihren Sinn nicht enträtseln und bestellte endlich den Bauer 
auf das Schloß. „Was sollen die Krikelkrakel da bedeuten?" fragte er 
barsch. „Majestät", sagte der Bauer, „ich kann weder lesen noch schreiben, 
da habe ich mir die Bittschrift aufgesetzt, so gut ich konnte. Das Vier 
eck, das ist mein Rübenland, die Striche stellen die Rüben vor, die Klixe 
aber die Schweine meines Amtmanns, die mir immer die Rüben auf 
fressen, ohne daß mir ihr Herr etwas dafür vergütet. Wenn Majestät 
dem Amtmann befiehlt, mir meine weggefressenen Rüben zu bezahlen, 
so sollen Majestät auch einen Sack voll der schönsten Rüben haben." 
Friedrich Wilhelm I. lachte, erteilte den Befehl und erhielt seine Rüben. 
D. 
Eine Verfügung des Herzogs Georg von Sachsen-Meiningen. 
Wie patriarchalisch man vor 100 Jahren in den thüringischen Staaten 
regierte, zeigt nachstehende Verfügung des Herzogs Georg von Sachsen- 
Meiningen ('s 24. Dezember 1803): „Unter dem milden Himmel Italiens 
bedurfte der päpstliche Großvikar jüngst im strengen Eifer für die 
Sittlichkeit der Damenbekleidung seiner moralischen Deklamationen, um 
sie den Schönen Roms zur Pflicht zu machen. Bei unserem rauheren 
H.mmel werden einige unserer hiesigen jungen Damen, welche ihre 
römischen Schwestern allzutreu zu copieren sich bemühen, wohl nicht zur 
Unzeit erinnert — wenn sie. nach den Erfahrungen, deren Zeugen sie 
gewesen sind, von den physisch-schädlichen Folgen und dem die Gesundheit 
zerstörenden Einfluß eines allzuleichten' Anzugs noch immer sich nicht 
überzeugt haben —, von ihrem Arzte sich deshalb belehren zu lassen. 
Aus Freundschaft für sie selbst aber und aus Achtung für Sittsamkeit, 
ohne darüber ebenfalls dcllamicrcn zu wollen, bitte ich dieselben, künftig 
weder allzuhüllenlos noch allzufcsselnlos gekleidet zu erscheinen, und, 
wenn sie den Hof besuchen, über die Grenzlinien der Dccenz und Jndccenz 
im Anzug die Frau Oberhofmeistcrin von Steube entscheiden zu lassen, 
um mir die Verlegenheit zu ersparen, ihre Gegenwart verbitten zu müssen. 
Meiningen, den 3. Februar 1801. Georg, H. z. S." 
Behandlung alter Fahnen im Berliner Zeughans. Die Fahnen 
der Torgauer Geharnischten-Kompagnie, die aus dem Jahre 
1620 stammen, sind kürzlich der Zeughaus-Verwaltung in Berlin zur 
Reparatur übergeben worden. Es ist interessant zu erfahren, in welcher 
Weise dort Fahnen vor dem gänzlichen Verfall bewahrt werden. Die 
Zeughaus-Verwaltung schrieb darüber nach Torgau folgendes: „Hier 
ist nach langen Versuchen über die beste Aufbringung und Erhaltung 
alter Fahnen eine Methode gefunden worden, die nach dem hiesigen 
Vorbilde allgemein als die beste angenommen wird. Zu diesem Zwecke 
wird hier für jede cinzelre Fahne in einem Taubstummeninstitut ein 
Filctnetz von feinstem, zu diesem Zwecke für das Zeughaus gefertigtem 
Zwirn bestellt, worauf die Fahne im Rahmen durch eine hierfür besonders 
angelernte Dame applieiert wird. Die Arbeit ist sehr schwierig, da sie 
nach dem Zustande der Fahne, der Brüchigkeit des Tuches, den Farben 
rc. besondere Maßnahmen erfordert. Die Fahnen aber von unerfahrener, 
wenn auch noch so geschickter Hand reparieren zu lassen, ist nicht geraten, 
doch würde eine nach hiesigem System wiederhergestellte Fahne dem 
Zwecke entsprechend wieder brauchbar sein. Besser freilich wäre es, wenn 
solche ehrwürdigen Stücke nicht den Zufälligkeiten von Wind und Wetter 
ausgesetzt würden, sondern irgendwo im Rathause einen festen Platz 
erhielten. Die Zeughaus-Verwaltung ist ausnahmsweise bereit, dieselben 
zum Sclbstkostenvieis reparieren zu lassen. Das Filetnetz kostet je nach 
Größe der Fahne 6—12 Mk. Die Arbeit der Stickerin wird mit 
2,50 Mk. pro Tag berechnet. Wie lange die Arbeit dauert, hängt vom 
Zustande der Fahne ab. Eine preußische Militärfahne, halb zerrissen, 
beansprucht ca. 8—10 Tage und kommt auf etwa 30 Mk. im ganzen 
zu stehen." 
Fünfzigjähriges Dozenten-Jubiläum Rudolf Birchows, Am 
7. November d. I. feierte Geheimrat Professor Rudolf Virchow sein 
50 jähriges Dozcntenjubitäum. Die Beglückwünschung, die dem Jubilar 
seitens der Berliner Universität zu teil wurde, trug einen überaus 
herzlichen und trotz der Schlichtheit würdigen Charakter. Um 11 Uhr 
fanden sich in der Wohnung des Jubilars, der sich von seiner Un 
päßlichkeit, von der er einige Tage vorher befallen war, wieder voll 
ständig erholt hatte, der Rektor der Universität, Prof. Schmoller, 
die vier Dekane, die Professoren Heubncr, Pfleidcrcr, Pernice und 
Kekule, sowie die dem Jubilar besondeis nahestehenden Ordinarien der 
medizinischen Fakultät ein. Professor Schmoller nahm zunächst das 
Wort, um den herzlichsten Glückwünschen der Gesamt-Universität Ausdruck 
zu geben. Der Redner schloß seine Ansprache mit dem Wunsche, daß 
ein freundliches Geschick der Universität noch recht lange des Jubilars 
unermüdliche Arbeitskraft erhalten möge. An zweiter Stelle nahm 
Professor Heubner das Wort, um als Dekan der medizinischen Fakultät 
die Glückwünsche derselben noch besonders zu beredtem Ausdruck zu 
bringen. Auch Heubner schloß mit dem herzlichen Wunsche, daß der 
Jubilar mit der gleichen Frische und Rüstigkeit, mit der er bisher der 
Jahre gespottet, noch lange wirken und sich des Genusses der Früchte 
seines Strebens erfreuen möge. Geh. Rat Virchow ergriff darauf selbst 
das Wort zum Danke für die ihm dargebrachie Ehrung und nahm weiter 
die persönlichen Glückwünsche der zahlreichen Festgästc entgegen. Blumen- 
spenden, Briefe und Telegramme liefen fortgesetzt ein. 
Vom Papa Wrauael. Die „Deutsche Zeitung" vom Jahre 1848 
Nr. 157 cntWr-'rtM'Unckdote vom alten Wränget, die wenig bekannt 
und wohl der Erwähnung wert ist. In der Berliner Kunstausstellung 
von 1848 war auch das Bild des Generals von Wrangel zn sehen, und 
zwar in weißer Kürajsteruniform, von dem berühmten Maler Magnus. 
Um es ab-r so herzustellen, wie es sich zeigte, war eine Kabinettsordre 
König Friedrich Wilhelms IV. nötig. Der Künstler wollte nämlich den 
General der Kavallerie durchaus in Reiterstulpstiefeln malen und nicht 
in den damals reglementsmäßig langen Beinkleidern. Aber alle Bitten 
und Vorstellungen waren vergeblich. Des Künstlers Intentionen 
scheiterten an der Pflichtmäßigkeit des Offiziers, der auch im Bilde nicht 
etwas Reglementswidriges zulassen zu dürfen glaubte. Da wandte sich 
Magnus an den König, und dieser erließ eine Kabinettsordre, daß der 
Oberbefehlshaber in dm Marken sich in Stulpstiefeln malen lassen 
dürfe. Jetzt war Wrangels Widerstand gebrochen. Da aber die 
Kahinettsordre nichts darüber sagte, wer die dazu notwendigen Stulp 
stiefeln liefem sollte, so erklärte er, ärgerlich darüber, daß das Dienst-
        
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